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Pflege-Fachmann im Gespräch : „Das sind eigentlich sittenwidrige Löhne“

  • -Aktualisiert am

„Heime sind besser als ihr Ruf“: Pflege-Experte Bernhard Emunds Bild: Patrick Junker

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssten verbessert werden. Bernhard Emunds weiß, wo es hakt. Und was die Politik tun müsste, um die Missstände zu beseitigen.

          Einmal angenommen, ein enges Familienmitglied von Ihnen würde zum Pflegefall. Wie würden Sie das Problem lösen, mit einer Polin daheim?

          Wenn beide Seiten es wollen, der Pflegebedürftige und wir, häusliche Pflege wollen, und wenn das Geld da ist, würde ich mich schon nach einer regulären Unterstützung umsehen. Allerdings finde ich auch, dass die Heime in Deutschland besser sind als ihr Ruf.

          Wenn der Opa oder die Oma aber partout nicht ins Heim will? Weil man dort den letzten Rest Selbstständigkeit verliert und es zuhause schöner ist.

          Die Vorstellung, man könne zuhause die Selbstständigkeit bewahren, ist oft eine Illusion. Es entsteht meist ein so großer Hilfsbedarf, dass davon keine Rede mehr sein kann. Dann ist der Schritt in ein professionelles Umfeld eine Entlastung für alle Beteiligten.

          Wenn es das Heim nicht sein soll – wie würden Sie sich denn auf die Suche nach einer Polin machen? Über eine Vermittlungsagentur oder lieber über Mundpropaganda?

          Ich würde noch einen dritten Weg gehen.

          Über einen Wohlfahrtsverband?

          Genau. Über die Caritas oder die Diakonie. Weil sie erstens dafür sorgen, dass ein arbeitsrechtlich einwandfreies Arbeitsverhältnis entsteht, sie mich dann zweitens bei meinen Arbeitgeberpflichten unterstützen und drittens eine Auge darauf behalten, ob die Pflege und die Arbeitsbedingungen für die Pflegekraft gut sind.

          Da ist tatsächlich garantiert, dass die Pflegekraft, wie vom Arbeitszeitgesetz vorgeschrieben, genügend Arbeitspausen hat und einen Tag in der Woche frei?

          Nein, auch bei den Angeboten der Wohlfahrtsverbände ist die Arbeitszeit nicht eindeutig geregelt. Man achtet jedoch darauf, dass es genug Freizeit gibt. Aber man kann nicht sagen, dass das deutsche Arbeitszeitgesetz eingehalten wird, nach dem ja die maximale Wochenarbeitszeit 48 Stunden beträgt.

          Wenn es eingehalten würde, müssten Sie zwei bis drei Pflegekräfte einstellen.

          Da sind wir beim Kernproblem. Die einen verlangen eine strikte Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes, das bedeutet drei Pflegekräfte zu beschäftigen. Da sind wir bei 5000 bis 10 000 Euro im Monat. Das können die wenigsten bezahlen. Die anderen machen die Augen zu, verweisen auf eine Sonderausnahme bei den Arbeitszeiten für Arbeitnehmer in häuslicher Gemeinschaft, sie wurde einst für die SOS-Kinderdörfer eingeführt, und tun so, als sei damit alles geregelt. Aber für diese Sonderfälle müssten andere, weniger strenge Höchstgrenzen der Arbeitszeit festgelegt werden. Dass die Bundesregierung davor zurückschreckt halte ich für fahrlässig.

          Zu einer solchen Höchstgrenze gehört nach Ihrer Meinung, dass die Pflegerinnen eben einen Tag in der Woche frei haben. Wie soll das gehen, ist das nicht auch illusionär?

          Es geht nur, wenn ein Angehöriger einspringt . . .

          . . . das sind dann wieder die Frauen.

          Ja, es sind häufig die Töchter und Schwiegertöchter – da müssen wir auch zu einer geschlechtergerechten Verteilung kommen. Die andere Alternative ist die Tagespflege. Die müsste allerdings bezuschusst werden.

          Manche Vermittlungsagenturen verlangen von den Frauen, Schweigeklauseln über ihren Lohn und ihre Arbeitsbedingungen zu unterschreiben. Was sagt uns das?

          Dass wir es hier mit einer halbseidenen Branche zu tun haben. Natürlich gibt es einzelne, die sich um anständige Bedingungen bemühen. Aber der Großteil der Agenturen ist auch deswegen halbseiden, weil sie ein Drittel, teilweise auch die Hälfte, des Geldes einbehalten, das die Angehörigen für die Pflege zahlen.

          Der Mindestlohn muss eingehalten werden . . .

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