https://www.faz.net/-gzg-t3q9

Pfandsammler : 25 Cent Glück

Zwei Müllsäcke für den Pfandautomaten Bild: F.A.Z. - Zimmermann

Für Pfandsammler wie Boris und Michaela liegt das Geld auf der Straße. Plastikbehälter, Dosen, Glasflaschen - was andere wegwerfen, verschafft ihnen einen guten Zuverdienst.

          4 Min.

          Zerbeult, klebrig und schmutzig liegt sie da. Seine Beute. Boris macht einen schnellen Schritt nach rechts, greift sie sich und läßt die goldfarbene Dose in den blauen Müllsack fallen. Boris ist Sammler. Pfandsammler. Und nicht der einzige in Frankfurt. Überall streifen Boris und seinesgleichen durch die Straßen, harken Glas und Blech aus Büschen, stochern in Containern und wühlen in Abfalleimern. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Aber es gibt sie, die Pfandsammler. Manche sind obdachlos, viele ohne Arbeit, und alle haben sie zu wenig Geld.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das liegt doch auf der Straße“, sagt Boris und bückt sich wieder. Er ist jung, gerade dreiundzwanzig Jahre. Dunkle Ringe quellen um seine Augen, seine Stimme ist zittrig. Der Mann mit dem schmächtigen Körper wirkt nicht nur äußerlich zerbrechlich. Früher hat er getrunken und irgendwann die Orientierung verloren. Vor zwei Jahren ist er in der Notunterkunft in Offenbach gestrandet, weil er seinen Job als Straßenbauer verlor und dann auch noch die Wohnung. Heute rührt er keinen Alkohol mehr an. Boris lebt in Offenbach auf rund 50 Quadratmetern, mit Kühlschrank, Fernseher und Michaela. Er nennt sie „mein großes Glück“. Und wenn er das sagt, zwischen tropfenden Flaschen und alten Dosen, dann lächelt die müde Frau an seiner Seite.

          Aus Weißblech Geld machen

          Seit Anfang 2003 muß man in Deutschland 25 Cent Pfand für jede Getränkedose zahlen. Die Idee des damaligen Umweltministers Jürgen Trittin hat aus bloßem Weißblech wertvolles Edelmetall gemacht. Für manchen jedenfalls. Aber die Industrie drohte zunächst am Pfand zu zerbrechen: Die Dosen wurden aus den Regalen geräumt, kaum einer griff noch nach ihnen. Statt dessen sollte der Kunde Plastikflaschen liebenlernen. Mit mäßigem Erfolg. Irgendwann stagnierte ihr Absatz besonders bei den Discountern. Die Dosen kamen zurück. Vor allem bei Musikkonzerten und Fußballspielen sind sie wieder im Einsatz.

          In der Notunterkunft haben sie sich kennengelernt: Boris und Michaela
          In der Notunterkunft haben sie sich kennengelernt: Boris und Michaela : Bild: F.A.Z. - Zimmermann

          Und da sind dann auch Boris und die anderen. Joseph aus Griesheim etwa, der früher mal Devisenhändler war - bis sich seine Frau von ihm scheiden ließ, viel Geld bekam und Joseph seine Ordnung verlor. Jetzt lebt der Vierundsechzigjährige von 345 Euro monatlich, der Regelsatz nach Hartz IV. Oder Ali, der immer nur bei Heimspielen der Eintracht vor dem Stadion sammelt, weil er sich ein paar Euro dazuverdienen möchte, in der Woche aber als Fliesenleger arbeitet. Oder der junge Pole, der seinen Namen nicht nennen will und vornehmlich entlang der Zeil Dosen und Flaschen in Plastiktüten schmeißt, mit dem Fahrrad zum nächsten Supermarkt bringt und mal hier und mal dort schläft.

          Hätte Boris das Sammeln nicht, er wäre ohne Beschäftigung. Und Michaela hätte Probleme, ihre Medikamente zu bezahlen. Sie hat Diabetes und lebt vom Arbeitslosengeld - aber das reicht nicht. Seit ein paar Monaten gehen Boris und Michaela gemeinsam raus, stromern durch die Straßen, den Blick nach unten gerichtet. Sie schreiten durch ihre eigene Welt, von Mülltonne zu Mülltonne. Und kaum jemand interessiert sich dafür. „Wir brauchen das Geld“, sagt Michaela und haut mit der Faust auf den blauen Sack. Im vergangenen Jahr hat sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. „Ich bring' dich um“, hatte er gedroht. „Und der meinte das auch so“, sagt die Dreiunddreißigjährige. Sie ist abgehauen, aus Berlin immer Richtung Süden. Zu Fuß. Zwei Monate ist sie unterwegs gewesen, hat gebettelt, ist immer weiter gegangen. Am 29. Juli 2005 lag sie in Offenbach am Straßenrand, die Füße blutig, voller Eiter. Es ging nicht mehr weiter. Das Ordnungsamt brachte sie in die Notunterkunft - und dort sah sie Boris, schaute ihm in die Augen und fühlte sich wieder geborgen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Und das sagt auch Boris.

          300 Euro im Monat

          „Deutschland“ prangt in großen Buchstaben auf seinem T-Shirt. Es ist das Land, dessen Politik er nicht versteht. Boris fühlt sich im Stich gelassen: Arbeit nur mit Führerschein, heißt es oft. Aber wie soll er den bezahlen? Oder die Sache mit den Medikamenten. 50 Euro will die Krankenkasse im Monat für das lebenswichtige Insulin, sagt Michaela. Wo sollen sie das Geld hernehmen, wenn in der Mitte des Monats kaum noch was im Kühlschrank liegt. Wo bleibt in solchen Momenten der Staat? Boris schüttelt den Kopf und senkt ihn sofort wieder. Er späht. Michaela hat eine Dose gefunden, wieder landen 25 Cent in der Tüte. Boris kramt eine Bierflasche aus der Hecke. Acht Cent bringt die, ist aber schwerer als die Dose und deshalb nicht so beliebt. An guten Tagen sammeln sie mehr als 30 Euro von der Straße. Fünfmal in der Woche ziehen sie los, im Monat bringt das mindestens 300 Euro, mehr als ein Ein-Euro-Job.

          Es ist beinahe ein eigener Wirtschaftszweig, der auf der Straße entstanden ist. Und während der Fußball-Weltmeisterschaft herrschte Hochkonjunktur. 200 Euro haben Boris und Michaela an manchen Tagen gesammelt, wenn die Deutsche Nationalmannschaft spielte und die Menschen entlang des Mains mitfieberten, tranken und dann im kollektiven Freudenrausch versanken. Und so war es auch für Michaela und Boris ein kleiner Rausch. Mit dem Geld von der Straße sind sie für eine Woche nach Berlin gefahren, haben in einem der billigsten Hotels in Charlottenburg geschlafen, und Michaela hat Boris ihr altes Leben gezeigt.

          Das neue besteht zu einem großen Teil aus Flaschen und Dosen. Es ist ein Leben mit klaren Regeln. Eine lautet: Klaue niemandem die Beute. Mancher versteckt seine Taschen voller Leergut im Wald oder in einer Nebenstraße, weil er nicht alles auf einmal tragen kann. „Da geh' ich nicht ran“, sagt Boris. Eine andere Regel: Ziehe nicht durch fremde Reviere. Denn die sind klar abgesteckt, zumindest in der Frankfurter Innenstadt. Boris, Michaela und ihr Kumpel Sven hingegen sammeln meistens in Offenbach, manchmal vor der Commerzbank-Arena in Frankfurt.

          55 Euro, 92 Cent am Tag

          Feierabend. Boris schiebt den Wagen vor sich her. Mannshoch und quietschgelb. Sonst werden damit Lebensmittel in Supermärkten angeliefert. Boris hat ihn sich geliehen, fünf blaue Säcke voller Flaschen und Dosen aufgetürmt. Die kleine Pfütze am Boden aus Bier, Limonade und Wasser riecht schal nach dem feucht-fröhlichen Vergnügen der anderen. Der Gestank ist ein gutes Zeichen. Acht Stunden waren Michaela und Boris unterwegs, haben in Offenbach angefangen und vor dem Frankfurter Stadion weitergemacht. Die Eintracht hatte ein Heimspiel, und das ist für die Sammler immer ein Freudentag.

          Die beiden bringen ihre Beute in den Supermarkt. „So fühlt sich mein Glück heute an“, sagt Michaela und streichelt über den prallen Müllsack. Der Automat rattert, zählt und spuckt schließlich den Bon aus: 55 Euro, 92 Cent. Es ist ihr Arbeitslohn für den heutigen Tag. Das Glück von der Straße.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Aufruhr im Schwimmen : Zurück im Doping-Sumpf

          Ryan Murphy wird von Jewgeni Rylow geschlagen. Der Amerikaner spricht im Anschluss von einem Rennen, das „wahrscheinlich nicht sauber“ war – und wird vom Olympischen Komitee Russlands als Verlierer verhöhnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.