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Paulskirchen-Orgel : Wie eine Königin im schalltoten Raum

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Wie unter den Menschen, so gibt es auch unter Orgeln Blender. Sie präsentieren dem Betrachter ganze Hundertschaften blitzender Pfeifen - die allesamt stumm sind. Was so eine Instrumentenkönigin in falschen ...

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          Wie unter den Menschen, so gibt es auch unter Orgeln Blender. Sie präsentieren dem Betrachter ganze Hundertschaften blitzender Pfeifen - die allesamt stumm sind. Was so eine Instrumentenkönigin in falschen Kleidern an Klängen produziert, kommt aus den weniger ansehnlichen Pfeifenreihen im Inneren und muß durchaus nicht so eindrucksvoll sein, wie es die allein dem Blickfang dienende Fassade verheißt.

          Die Orgel der Frankfurter Paulskirche ist dagegen ein grundehrlicher Charakter. Ihr Äußeres ist eher schlicht, aber jede der 3324 Pfeifen, ob sichtbar oder nicht, hat ihre Stimme im Konzert der Register. Auch ist das Instrument, ein Opus der renommierten Firma Klais, zweifellos von hoher Qualität. Doch die Paulskirche ist heute ein schlechter Platz für eine ehrliche Orgel. Eigentlich könnte dort auch eine Blenderin Dienst tun, mit einer imposanten Pfeifenfront als Kulisse für Staatsakte und Preisverleihungen, aber ohne Windladen, Bälge, Manuale und Pedal. Denn gespielt wird das seinerzeit knapp eine Million Mark teure, großteils durch Spenden finanzierte Instrument nur äußerst selten.

          Daß in der 1949 wiederaufgebauten Paulskirche auch eine gute Orgel erklingen sollte, war ein historisch wohlbegründeter Wunsch. 1833 erhielt das Gotteshaus aus der Werkstatt von Eberhard Friedrich Walcker ein Instrument, das damals als Nonplusultra der Orgelbaukunst gefeiert wurde. Der Spieltisch hatte zwei Pedalklaviaturen und war mit Sonderfunktionen ausgestattet, die ein imposantes Crescendo ermöglichten. Auch unter den 73 Registern fanden sich aufsehenerregende Neuheiten: durchschlagende Zungen mit Harmoniumklang und Zweiunddreißigfuß-Bässe von bisher ungekannter Tonfülle. Das Frankfurter Meisterstück machte Walcker zu einem der berühmtesten Orgelbauer Deutschlands, der in den folgenden Jahrzehnten mit seinen Instrumenten die Orgellandschaft der Romantik mitprägte.

          Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg bekam die Paulskirche ein Provisorium, das selbst diesen Namen kaum verdiente. Richtig funktioniert hat diese Behelfs-Orgel eigentlich nie, wie sich der Orgelsachverständige Reinhardt Menger erinnert: "Wenn man nur dem Motor anstellte, spielte es von alleine." Der Klais-Neubau 1987 sollte dem Elend ein Ende bereiten. In technischer Hinsicht ist das auch gelungen. Menger, der seinerzeit das Projekt betreute, bescheinigt den Erbauern, hervorragende handwerkliche Qualität abgeliefert zu haben. Von der Disposition her sei das 45-Register-Instrument für ein Repertoire geeignet, das vom Barock über die romantische Literatur bis zur klassischen Moderne, etwa Messiaen, reiche.

          Unglücklicherweise hat die Paulskirchen-Orgel einen Todfeind: die Akustik. Bei der Renovierung des Plenarsaals wurde darauf geachtet, daß der Nachhall möglichst gering ausfiel - schließlich sollten bei Feierlichkeiten in der nationalen Gedenkstätte die Worte der Festredner überall gut zu verstehen sein. Eine Orgel aber braucht ein gewisses Hall-Minimum, damit sich ihr Klang zu voller Pracht entfalten kann; eine Schwierigkeit, mit der auch die Erbauer von Konzertsaal-Orgeln zu kämpfen haben. Die Paulskirche ist weder Kirche noch Konzertsaal, sondern akustisch gesehen ein beinahe schalltoter Raum, in dem sich an manchen Stellen ein dumpfer Druck auf die Ohren des Besuchers legt wie in einem Hörfunkstudio. In einer solchen Umgebung tönt selbst eine gute Orgel wie ein überdimensionaler Leierkasten. "Die Überraschung hat uns rote Ohren gemacht", erinnert sich Menger, der zur Einweihung selbst spielte. Ob diese "Überraschung" vorhersehbar war, bleibt offen: Orgelbau und Saalsanierung liefen parallel, und scheinbar hatte sich vor Beginn der Arbeiten niemand eingehendere Gedanken über die akustischen Konsequenzen gemacht.

          Mengers damals in einer Festschrift geäußerte Hoffnung, das Instrument möge sich trotz der ungünstigen Voraussetzungen einen Platz im Frankfurter Musikleben erobern, hat sich nicht erfüllt. In der Paulskirche gibt es keine regelmäßigen, öffentlichen Konzerte; dies wäre mit dem Gedenkstätten-Charakter des Ortes unvereinbar, heißt es aus der Stadtverwaltung. Aber auch bei Festakten kommt die Orgel kaum zum Einsatz - da bevorzugen die Veranstalter meist ein Streichquartett.

          Bliebe nur noch der Einsatz zu Ausbildungszwecken. Tatsächlich hätten eine Zeitlang Studenten der Musikhochschule in der Paulskirche geübt, berichtet Menger. Doch tagsüber habe das Publikum gestört, und die Neigung der angehenden Kirchenmusiker, sich außerhalb der Öffnungszeiten an den Spieltisch zu begeben, sei gering gewesen. Nur ein einziges Mal habe man einen Kandidaten dort geprüft; das akustische Mißvergnügen sei jedoch so groß gewesen, daß auf weitere Termine verzichtet worden sei. Dabei ist die Paulskirchen-Orgel zumindest in einer Hinsicht für Examina ideal: Dank der trockenen Akustik hört der Prüfer garantiert jede falsche Note.

          SASCHA ZOSKE

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