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Carsharing : Die Teilzeitautos werden ausgebremst

Ausnahme: Nur vor dem Frankfurter Hauptbahnhof sind Carsharing-Parkplätze leicht zu finden. Bild: Junker, Patrick

Carsharing soll den Verkehr in den Innenstädten entlasten. Doch gerade im Rhein-Main-Gebiet stoßen die Anbieter an Wachstumsgrenzen: Es fehlt an sichtbaren Stellplätzen.

          Der neueste Stellplatz, den der Anbieter Stadtmobil zu Ostern in der Frankfurter Gartenstraße eröffnen konnte, ist nicht schlecht gelegen – direkt neben dem Universitätsklinikum, das Sachsenhäuser Mainufer ist gleich um die Ecke, zu zwei Straßenbahnhaltestellen sind es nur ein paar Schritte. Vor allem aber: Der Stellplatz liegt direkt an der Straße, zwischen Hausnummer 141 und 179. Wo dort Platz ist, könne der blaue Kleinwagen kostenfrei abgestellt werden, heißt es in der Stationsbeschreibung. Jeder aufmerksame Passant kann so den blauen Kleinwagen mit dem Stadtmobil-Aufkleber sofort entdecken. Das ist selten, zumindest in Frankfurt. Denn meistens stehen die Autos, die Nutzer flexibel zu Stundenpreisen zwischen zwei und sieben Euro plus Kilometerpauschale mieten können, versteckt auf irgendwelchen Hinterhöfen oder in Tiefgaragen. Das ist durchaus ein Problem für lokale Anbieter wie Stadtmobil, Book-n-Drive oder Flinkster, aber auch für die Stadt: Wer die Autos in seiner Nachbarschaft nicht sieht, weiß auch nicht, dass er sie nutzen kann.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.

          Dabei kann Carsharing angeblich eine der größten Plagen des Innenstadtlebens lösen, den Parkplatzmangel: Ein Auto, heißt es in Studien, werde von bis zu 20 Nutzern geteilt. Die Hälfte von ihnen schaffe sich gar nicht erst ein eigenes Auto an, ein weiteres Drittel verkaufe es im Laufe der Zeit. Carsharing senke also die Zahl der Fahrzeuge in der Stadt dramatisch. Die Nutzer pendeln zum Arbeitsplatz mit Bus oder Bahn und nutzen diese Mietautos für kurze Ausflüge, zum Beispiel zum Einkaufen, zum Wochenendausflug oder für den Umzug. An Nachfrage mangelt es nicht. Book-n-Drive, Platzhirsch im Rhein-Main-Gebiet und im mehrheitlichen Besitz der Stadt Frankfurt, hat erst zum Monatsbeginn 47 neue Fahrzeuge in unterschiedlichen Größen angeschafft. Das Unternehmen mit Sitz in Wiesbaden bietet damit nun mehr als 870 Autos in Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und anderen Orten an.

          Parkplatznot hemmt das Wachstum

          „Der Bedarf und die Nutzung steigen kontinuierlich“, sagt auch Bernd Kremer, Geschäftsführer der privaten Stadtmobil Rhein-Main GmbH, die vor allem in Frankfurt ihre rund 150 Autos aufgestellt hat. Der bundesweite Anbieter Car2Go, hinter dem die Konzerne Daimler und Europcar stecken, meldet, er habe im April 2017 bereits 26.000 registrierte Kunden in Frankfurt, 80 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Anmietungen je Woche sei um 70 Prozent gestiegen. Car2Go setzt nicht auf feste Stationen, sondern auf das Freefloating. Die 260 Fahrzeuge in Frankfurt haben keinen festen Stellplatz, sondern können an einem Ort spontan angemietet und irgendwo anders abgestellt werden. Dafür ist die Miete teurer. Konkurrent Book-n-Drive betreibt seit kurzem ebenfalls eine Freefloater-Flotte mit insgesamt 300 Kleinwagen im ganz Rhein-Main-Gebiet unter der Marke Cityflitzer.

          Nun gibt es Carsharing bereits seit den achtziger Jahren, doch die Digitalisierung machte es für jedermann leicht verfügbar. Inzwischen reichen ein paar Klicks auf dem Smartphone, und das nächste freie Fahrzeug in der Nähe wird auf einer Karte angezeigt. Carsharing ist damit nicht länger nur anstrengendes umweltbewusstes Statement, sondern schlicht praktisch und kostengünstig. Doch das Wachstum stößt offenbar an seine Grenzen: „Es wird immer schwieriger, Parkplätze zu bekommen“, sagt Kremer. In den beliebten Stadtteilen Nordend, Ostend oder Bornheim nehme er mittlerweile fast jede private Fläche, die er angeboten bekomme – sofern die Miete bezahlbar sei. Die Nachfrage von Nutzern übersteige dort das Angebot an Autos deutlich. Ein wesentlicher Grund für den Mangel: Öffentliche Stellplätze gibt es kaum. Die meisten werden stattdessen angemietet bei Privatleuten und Immobiliengesellschaften.

          Was das Carsharing-Gesetz bringen soll

          Ein Grund dafür war für Frankfurt lange die unklare Rechtslage, ob und wann Flächen für diese Anbieter umgewidmet werden können. Allerdings zeigten sich andere Städte engagierter und kreativer. „Anders als an unseren anderen deutschen Standorten gibt es mit der Stadt Frankfurt keine konsistente Parkvereinbarung“, teilt etwa Car2Go mit. Dadurch würden Nutzer verunsichert, wo sie ihr Fahrzeug kostenlos abstellen dürften, und müssten mit Knöllchen rechnen, die ihnen andernorts erspart blieben. In Berlin zum Beispiel gibt es nicht nur solch eine Parkregelung. An vielen größeren Kreuzungen sind auch spezielle Stellplätze zu finden – teils mit Ladesäulen für Elektroautos – , auf denen nur Carsharing-Autos stehen dürfen. Freiburg hat Dutzende öffentliche Parkflächen in private umgewandelt und auf lokale Anbieter verteilt. Bremen richtete an größeren Haltestellen und Bahnhöfen „Mobil.Punkte“ ein, damit Pendler leicht in die Teilzeitautos umsteigen können.

          An allen Stellplätzen weisen große Schilder weithin sichtbar auf die Verkehrsalternative hin. Das erwarten die hiesigen Anbieter nun auch von den Kommunen im Rhein-Main-Gebiet. Ihre Hoffnung hat ein Carsharing-Gesetz geweckt, das der Bundestag vor einigen Tagen verabschiedete und das die Einrichtung von Gratisparkplätzen erleichtern soll. „Für eine Bewertung ist es aber noch zu früh, da es sich hierbei um eine Kann- und nicht um eine Soll-Bestimmung handelt“, bewertet ein Sprecher des Bahnangebots Flinkster die Neuregelung. Im Rhein-Main-Gebiet nutzt Flinkster weitgehend die Book-n-Drive-Flotte. Damit das neue Bundesgesetz Besserung bringen kann, muss es von den Kommunen konkretisiert werden. Gegen Ende des Jahres wolle man Vorschläge dazu vorlegen, teilt etwa das Frankfurter Verkehrsdezernat mit. Aber: Bevor das geschehen kann, müssen nach Auskunft des Bundestages erst noch die Länder eigene Ländergesetze beschließen. Dies stehe jedoch, teilt das hessische Wirtschaftsministerium auf Anfrage mit, aktuell noch nicht auf der Tagesordnung.

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