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Osteuropäische Banden : Der Weg der demütigen Bettler

Kein Kind, sondern eine erwachsene Frau: Aurica bei einer Kontrolle der Frankfurter Stadtpolizei Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Sie täuschen Behinderungen vor oder betteln mit Kind: Osteuropäische Banden sind skrupellos, wenn es ums Geld geht. Dabei sind die Bettler selbst Opfer - in einem skrupellosen System.

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          Am Morgen, als die Glocke der Katharinenkirche sieben schlägt, sind sie da. Ein Mann mit Hut, der auf einem Dreibein sitzt, und zwei alte Frauen, später kommen jüngere mit Kindern auf dem Arm hinzu. Sie versammeln sich auf den Treppen, dort, wo es zur B-Ebene hinuntergeht, breiten Decken und flachgelegte Pappkartons aus. Ihre Kinderwagen stellen sie hinter einer Brezelbude ab. Zwei Stunden sitzen sie dort auf der Treppe, rauchen, schweigen, wühlen in ihren Tüten. Als die ersten Geschäfte öffnen, brechen sie auf. Sie laufen von der Hauptwache aus über die Zeil bis zur Konstablerwache und wieder zurück, dann ins Bahnhofsviertel oder die Neue Kräme hinunter bis zum Main. Sie knien nieder, jeder an einem anderen Ort, den Kopf demütig auf den Asphalt gelegt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Unter ihnen ist auch Sofia (alle Namen geändert), rumänische Staatsangehörige, 18 Jahre alt. Sie sitzt vor einem Sexshop an der Kaiserstraße gegen einen schmutzigen Stromkasten gelehnt. Ihre schwarzen Pantoffeln sind mindestens zwei Nummern zu groß. „Bitte, ich brauche das Geld. Für Nahrung, Windeln, Doktor“, ruft sie und zeigt auf das Kind auf ihrem Schoß. Ein etwa drei Jahre alter Junge, schlafend in eine Decke gehüllt. Zwanzig Euro hat Sofia eingenommen. Zwanzig Euro in drei Stunden - für sie ein Durchschnittsverdienst. Dass ihr am Ende des Tages nichts von dem Geld bleiben wird, darüber schweigt sie. Vielleicht, weil drei Meter weiter ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug an einem Laternenpfahl lehnt, der jedes ihrer Worte belauscht.

          An der Grenze des Menschenhandels

          Frauen wie Sofia, so vermutet das Ordnungsamt, sind nicht freiwillig hier. Ermittlungen in anderen Großstädten wie Köln oder München, die schon seit Jahren gegen rumänische Bettlerbanden vorgehen, haben gezeigt, dass es organisierte Strukturen gibt. Die Bettler würden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Nun müssten sie durch Bettelei an Geld kommen, zwischen 80 und 100 Euro am Tag - egal wie. Die Kölner Polizei spricht von „starken Hierarchien“, die vom einfachen Bettler über Zwischenmänner bis hin zu den Drahtziehern reichen und „die sich strafrechtlich an der Grenze des Menschenhandels bewegen“.

          Den Kopf gebeugt, den Becher ausgestreckt: Stundenlang warten die Bettler auf dem Eisernen Steg
          Den Kopf gebeugt, den Becher ausgestreckt: Stundenlang warten die Bettler auf dem Eisernen Steg : Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

          Erst vor kurzem haben die Ermittler das System bis nach Rumänien zurückverfolgt und mit Hilfe des rumänischen Generalkonsulats die Hintermänner dingfest gemacht. Ähnliche Strukturen vermutet man auch in Frankfurt, wie Matthias Heinrich, Leiter der Stadtpolizei, sagt. Es gebe die gleichen Anzeichen: das Ansprechen von Passanten, das Vortäuschen von Behinderungen oder das Betteln mit Kind. Diese Strukturen aufzubrechen sei jedoch sehr schwer. Die Banden seien gut organisiert und äußerst vorsichtig. „Wir brauchen Beweise. Und die zu bekommen, ist nicht einfach.“

          Die Methoden der Banden sind fast täglich an der Hauptwache zu beobachten: Die Bettler werden morgens mit einem Bus oder mehreren Kleinwagen dorthin gefahren, von dort aus teilen sie sich auf. Die Kinder - nie älter als drei Jahre alt - werden im Laufe des Tages unter den Frauen getauscht. Sofia beteuert, dass der Junge, den sie an diesem Nachmittag durchs Bahnhofsviertel trägt, ihr eigenes Kind sei. Sie drückt den Jungen an sich und zeigt einen Eintrag in ihrem Pass. Wenig später sieht man das Kind auf dem Arm einer anderen Bettlerin. Ihren Pässen nach zu urteilen - laut Angaben des Ordnungsamts sind die Dokumente echt -, sind sie alle miteinander verwandt oder kommen zumindest aus dem gleichen Ort. Das Dorf heißt Sibin, es liegt bei Rosiorii de Vede, einer Stadt mit 28.600 Einwohnern. Dass dort auch die Drahtzieher sitzen, bezweifelt das Ordnungsamt.

          Münzen im Wert von hundert Euro

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