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Ostermärsche : Auf dem Römerberg gegen Krieg und Sozialabbau

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Der blitzblanke Traktor datiert von 1961, der Fahrer bezeichnet sich selbst als "Baujahr 1936": Franco Piscitello, Oldtimer-Fan, Mitglied der Industriegewerkschaft Metall und "Europäer" aus Bruchköbel, sitzt stolz in seinem Modell "Toledo".

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          Der blitzblanke Traktor datiert von 1961, der Fahrer bezeichnet sich selbst als "Baujahr 1936": Franco Piscitello, Oldtimer-Fan, Mitglied der Industriegewerkschaft Metall und "Europäer" aus Bruchköbel, sitzt stolz in seinem Modell "Toledo". Über das Lenkrad hat er die regenbogenbunte Friedensfahne mit der Aufschrift "Pace" gelegt. Jahrelang ist Piscitello beim Ostermarsch mitgelaufen. Da seine Beine diese Strapazen nicht mehr mitmachen, ist er erstmals im Trecker, "fast wie im Rollstuhl", direkt zur Kundgebung auf dem Römerberg gekommen. Er hört Enrique Blanco, vorgestellt als "Friedensfreund aus Spanien", über den Irak-Krieg als "neues Vietnam", den "Terrorismus der Mächtigen" und die "Verachtung des spanischen Volkes" durch die abgewählte Regierung Aznar schimpfen und diskutiert mit Freunden und Neugierigen über sein schmuckes Gefährt und das Thema Sozialabbau.

          Manches ist neu, vieles wie immer beim Ostermarsch in Frankfurt. Wie üblich gehen die Schätzungen über die Zahl der Aktivisten auseinander. Die Polizei spricht von 1100 Friedensbewegten; laut Willi van Ooyen, Sprecher des Ostermarschbüros, sind rund 3000 Gegner von Krieg, sozialem "Kahlschlag" und Rassismus versammelt. Etwa die Hälfte sei vermutlich von den fünf Treffpunkten Rödelheim, Niederrad, Eschersheim, Offenbach und Egelsbach aus in die Innenstadt gezogen, der Rest sei direkt dorthin gekommen. Im vergangenen Jahr sprachen die Veranstalter von 8000 Demonstranten: Der Irak-Krieg hatte gerade begonnen und mit dem zurückgetretenen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine agitierte ein prominenter Politiker gegen Rüstungs- und Ölindustrie. Dieses Jahr scheinen sich die Friedensmarschierer nicht recht einig, ob sie zufrieden sein sollen. Die einen meinen, der Krieg im Irak sei mittlerweile eigentlich "viel heißer" als vor einem Jahr, andere finden die Zahl der Engagierten "besser als gedacht". Van Ooyen sieht einen wesentlichen Unterschied darin, daß sich die Aktion heute explizit gegen die rot-grüne Bundesregierung und die Agenda 2010 richtet.

          Am Weißen Stein, einem Startpunkt des Sternmarsches, erzählt eine Frau, die sich ihre politische Botschaft auf Pappdeckeln umgehängt hat, wie überflüssig doch der Zins sei; mit roten Flyern ruft die DKP in Erinnerung, daß es sie immer noch gibt; und bis alle Christen, Sozialisten und Gewerkschafter ihre Transparente über die Stangen gezogen haben, trällert ein Barde Lieder von einer Einheitsfront gegen das Bankkapital. Zur berühmten Melodie Haydns singt er "Deutschland, Deutschland, sag, wann knallt es". Dann geht es Eschersheimer Landstraße stadteinwärts. Jürgen Hinzer von der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten, der neben einem Lautsprecherauto marschiert, fahndet vergeblich nach "aufrechten Grünen". Außenminister Joseph Fischer ist an diesem Ostermontag vermutlich die am häufigsten attackierte Person. Ein Sprechchor lautet "Schluß mit kürzen, Schröder stürzen". Hinzer erläutert den Unterschied zwischen Sozialdemokraten und Grünen so: Die einen hätten mehr als 100 Jahre, die anderen nicht einmal zwei Jahrzehnte benötigt, um die Ideale der Arbeiterbewegung zu verraten.

          Im Gegensatz zu den einstigen politischen Freunden begrüßt Hinzer die "Kollegen von der Polizei" fast anbiedernd: Schließlich sei man vor Weihnachten gemeinsam gegen die Sparpolitik von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) auf die Straße gegangen. Zur Verbrüderung kommt es nicht: Die Beamten sichern nur den Weg für den Pulk, der nach kurzem Halt auf der Kreuzung der Miquelallee lebhafter wird. Die alte Parole "Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt" ertönt nun um einiges lauter. Eine Frau reckt kurz den Kopf aus dem Fenster, betrachtet den Teppich aus Palästinenserflaggen, Friedensfahnen und Transparenten mit Friedenstauben und hat schnell genug gesehen; ein bärtiger Unterhemdträger hält sein Che-Guevara-Shirt aus dem Fenster und schreit den Namen der Revolutionsikone in die Menge. Die hat nur noch einen kurzen Weg vor sich: vorbei an Straßencafes, deren Besucher amüsiert Kaffee schlürfen, zum Römer, wo die anderen schon warten und sozialistische Gruppen rote Sonnenschirme aufgestellt haben. Franco Piscitello in seinem Traktor hat an diesem sonnigen Ostermontag ein schattiges Plätzchen ganz für sich.

          WERNER KURZLECHNER

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