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Ostend : Brückenschlag bedroht Goethes Osterspazierweg

Überfahrt: Die Mainbrücke Ost soll von der Honsellbrücke (im Foto links) zum Südufer führen Bild: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

Wenn die Europäische Zentralbank 2011 ihren Sitz im Ostend bezieht, soll die Mainbrücke Ost den Fluss nach Sachsenhausen überspannen. Gegner des Projekts verlangen detaillierte Informationen und formieren sich zum Protest.

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          Bürgernah war das Vorgehen nicht. Auf der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats 5 hätte laut Tagesordnung das Amt für Straßenbau und Erschließung über den geplanten Bau der Mainbrücke Ost informieren sollen. Im voll besetzten Saal der Altentagesstätte Riedhof in Sachsenhausen erhielten Stadtteilpolitiker und Bürger aber stattdessen ein Beispiel dafür, wie wenig transparent und fern des Informationsbedürfnisses der Bevölkerung Politik und Verwaltung zuweilen Großprojekte verfolgen. Der in den Ortsbeirat entsandte städtische Mitarbeiter verkündete schlicht, dass er nichts verkünden könne.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei zählt das Vorhaben zu den größten Verkehrsprojekten der Stadt: In Höhe des Osthafens, unweit des alten Großmarktareals, auf dem die Europäische Zentralbank ansiedeln wird, soll der Fluss gequert werden. Der Brückenschlag zwischen dem Ostend und Sachsenhausen ist von den Stadtverordneten im Generalverkehrsplan festgeschrieben worden: Angestrebt wird eine Verbindung von der Hanauer Landstraße über Honsellstraße und Honsellbrücke zum Molenkopf der Hafeneinfahrt und dann mittels der neuen Brücke weiter zum Südufer des Mains.

          170 Meter lange Stahlbogenbrücke für Autos, Fußgänger und Radfahrer

          Das Ostend soll so entlastet werden, denn nach der Fertigstellung des Zentralbank-Sitzes wird im Stadtteil mit einem höherem Verkehrsaufkommen gerechnet. Der Brückenbau ist wesentlicher Bestandteil des Verkehrskonzepts. Für die chronisch überlastete Hanauer Landstraße soll südlich des Mains über die Gerbermühlstraße eine Ersatzroute in Richtung Kaiserlei und Autobahn 661 geschaffen werden. Aus dem Planungswettbewerb der Stadt ging Ende 2006 als Siegerentwurf eine von dem Frankfurter Architekten Ferdinand Heide entworfene 170 Meter lange Stahlbogenbrücke hervor, die von Autos, Fußgängern und Radfahrern zu nutzen sein soll.

          Soviel ist bekannt; Bürgern und Ortsvertretern reicht das aber nicht. Sie verlangen nach Details, weil das Projekt im Ortsbezirk auf erheblichen Widerstand stößt: Kritiker befürchten, dass die Quartiere am Südufer den zusätzlichen Verkehr nicht verkraften werden. Prognosen gehen von bis zu 17.000 Fahrzeugen aus, die täglich über die Brücke rollen. Wie sich der Autostrom über Sachsenhausen und Oberrad verteilen solle, war eine von vielen Fragen, zu denen im Ortsbeirat Auskünfte erwartet worden waren. Ralph Stöckert vom Amt für Straßenbau und Erschließung beschränkte sich aber auf die Mitteilung, dass die Bauzeit zwei Jahre betragen werde, Ende 2009 beginnen und die Brücke möglichst zum Umzug der Zentralbank fertiggestellt sein solle. Weitere Details könnten nicht genannt werden, weil die Planung noch mit übergeordneten Behörden abgestimmt werde. Die vergebens erschienenen Bürger zeigten sich mächtig verärgert.

          Nach Angaben von Stöckert steht derzeit noch eine Genehmigung des für den Flussabschnitt zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamts Aschaffenburg aus. Davon hänge ab, ob die Brücke überwiegend von Pontons auf dem Wasser oder – wenn dies den Schiffsverkehr zu stark behindern sollte – vom Land aus gebaut werde. Welche Variante gewählt wird, interessiert insbesondere den Kleingartenverein Mainwasen, wie dessen Vorsitzender Klaus Tippmann wissen ließ. Der Verein hat am Südufer 120 Gärten, die sich zwischen Deutschherrn-Brücke und Gerbermühle in einer jüngeren Anlage entlang der Gerbermühlstraße und in einer älteren Kolonie am Mainwasenweg gruppieren – also dort, wo die Brücke aufsetzen und ans Straßennetz angeschlossen werden soll.

          Kleingärtner sehen Naherholungsgebiet bedroht

          Seit das Vorhaben bekannt ist, sorgen sich die Kleingärtner um ihre Refugien. Anfangs habe es geheißen, dass wohl nur drei Parzellen für das Bauwerk aufgegeben werden müssten, so Tippmann. Mittlerweile gehe man davon aus, dass mindestens neun Gärten betroffen sein werden. Der Verein, der das Projekt verständlicherweise ablehnt, fordert Klarheit. Den Hinweis von Stöckert, dass die Brücke womöglich ganz von Land aus errichtet werden müsse, wertete der Vorsitzende Tippmann als „drohenden schlimmsten Fall“, weil dann für die Baustelle noch mehr Gartenlauben weichen müssten.

          Die Kleingärtner fürchten aber nicht nur um ihre Kolonie, sondern sehen das gesamte Naherholungsgebiet westlich der Gerbermühle samt seiner Spazierwege und dem dort gelegenen Rudererdorf bedroht. Schließlich werde die ufernahe Grünzone von einem mächtigen Bauwerk durchschnitten, verschattet und von Verkehrslärm beschallt. Während der Bauzeit werde die als „Goethes Osterspaziergang“ bekannte Strecke zur Gerbermühle – wenn überhaupt – nur eingeschränkt zu nutzen sein, meint Tippmann.

          Um das ganze Ausmaß der Arbeiten zu erfahren, warten nunmehr auch die Kleingärtner auf die Stellungnahme des Schifffahrtsamts Aschaffenburg. Dessen stellvertretender Leiter Elmar Wilde bestätigte auf Anfrage, dass von der Stadt Frankfurt „vergangene Woche“ ein Genehmigungsantrag eingegangen sei. Das Amt prüfe, inwieweit der Schiffsverkehr durch die Bauarbeiten beeinträchtigt werden könnte. Die Genehmigung, die zu erteilen sei, werde mit entsprechenden Vorgaben für die Arbeiten versehen, so Wilde. Er schätzt, dass die Prüfung innerhalb von vier Wochen abgeschlossen sein wird.

          Unterdessen haben die Brückengegner Schritte unternommen, die das umstrittene Projekt an die Spitze der politischen Agenda der Stadt befördern soll: Der Vorsitzende des Kleingartenvereins strengt zusammen mit dem betroffenen Kleingärtner Rainer Model ein Bürgerbegehren gegen den Bau der Mainbrücke Ost an. Wie Tippmann auf der Internetseite www.buergerbegehren-mainbruecke-ost.de notiert, ist der Antrag auf Zulassung am Dienstag im Büro von Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) abgegeben worden.

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