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Oper „Rodelinda“ : Familie und andere Feinde

  • -Aktualisiert am

Barockoper für die Gegenwart: Dirigent Andrea Marcon (links) und Countertenor Andreas Scholl. Bild: Wonge Bergmann

Andreas Scholl und Andrea Marcon sprechen vor der Premiere der Oper „Rodelinda“ in Frankfurt über die Proben und die Dramatik des Stücks.

          Welch prägende Rolle für die musikalische Ausbildung die Schola Cantorum Basiliensis einnimmt, können der Countertenor Andreas Scholl und der Dirigent Andrea Marcon übereinstimmend bekräftigen. Schließlich haben beide in Basel studiert und mit dem vor zwei Jahren gestorbenen Sänger Richard Levitt einen gemeinsamen Lehrer gehabt. „Er wäre bestimmt auch zu den Proben nach Frankfurt gekommen“, sagt Andreas Scholl und nennt den Zeitpunkt, von dem an man einen ehemaligen Lehrer nicht mehr konsultieren könne, eine Zäsur. Selbst wenn, wie bei Scholl, die Karriere eine internationale und jahrzehntelange ist.

          In „Rodelinda, regina de’ Longobardi“, Georg Friedrich Händels 1725 höchst erfolgreich im Londoner King’s Theatre uraufgeführter Oper, die von morgen an auf dem Spielplan der Oper Frankfurt steht, singt Scholl die Partie des entthronten Königs Bertarido. Schon die Art und Weise, wie dieser sich dem Publikum vorstellt, belege, welch großes Gespür für dramatische Wirkungen Händel gehabt habe, erklärt der Dirigent Marcon. Erst dauere es eine halbe Stunde, bis der König überhaupt auftrete, dann singe er seine ergreifende Arie „Dove sei, amato bene?“ vor einem Grab, auf dem er seinen eigenen Namen lesen könne. Denn der König ist unerkannt ins Mailand des frühen Mittelalters zurückgekehrt, wo unter der Herrschaft der Langobarden Bertaridos Gattin Rodelinda weiterhin als Königin regiert. In dem Drama, in dem Händel geschickt das politische und persönliche Drama verquickt, versucht Grimoaldo, vom für tot gehaltenen König den Thron zu übernehmen und Rodelinda zu heiraten. Nach zahlreichen Verwicklungen, Intrigen, Wendungen von Freundschaft in Feindschaft und sogar einer Gefangennahme des zunächst unerkannt bleibenden Bertarido rettet dieser seinem Rivalen das Leben und wird glücklich mit seiner Familie zusammengeführt.

          In der Inszenierung Claus Guths, die vor zwei Jahren in Madrid Premiere hatte und nun nach Stationen in Barcelona und Lyon in Frankfurt zu sehen ist, sei die Aufwertung einer bei Händel und seinem Librettisten Nicola Francesco Haym stumm bleibenden Nebenfigur eine kluge Idee, darin sind sich der Sänger und der Dirigent ganz einig. Flavio, der kleine Sohn des Königspaars, übersteht die tragische Familiengeschichte nur mit erheblichen seelischen Verletzungen, die Guth anhand visualisierter kindlicher Bilder deutlich erkennbar werden lasse, wie Marcon erläutert.

          „Improvisieren und Spaß haben.“

          Als Guth nach Vorarbeiten durch einen Assistenten schließlich selbst zu den Frankfurter Proben hinzugestoßen sei, habe er, so Scholl, die Sänger dazu animiert, „zu improvisieren, Spaß zu haben, eigene Ideen in die Darstellung aufzunehmen“. Für solche Freiheiten wirbt auch Marcon, der vom Cembalo aus die musikalische Leitung übernehmen wird und seine Rolle gegenüber den Solisten als die eines rücksichtsvollen Begleiters beschreibt.

          Klarer seien die Vorgaben gegenüber dem Orchester. Marcon lobt, dass Frankfurt neben Zürich die einzige europäische Opernbühne sei, auf der das Ensemble des Hauses, hier also das Opern- und Museumsorchester, auf historischen Instrumenten spiele. In „Rodelinda“ merke man freilich, dass Händel, anders als zuvor in Italien, offenbar nicht auf herausragende Orchestermusiker zurückgreifen konnte. Die in Florenz („Rodrigo“) und Venedig („Agrippina“) exponierten instrumentalen Solopassagen fehlten, so der Dirigent, in Händels Londoner Opern fast durchgehend. „Rodelinda“ steht für ihn in engem ästhetischem Zusammenhang mit den um dieselbe Zeit ebenfalls für London entstandenen Opern „Giulio Cesare“ und dem für die nächste Frankfurter Saison angekündigten „Tamerlano“.

          Scholl erinnert sich, dass Bertarido vor mehr als 20 Jahren die erste Opernpartie gewesen sei, die er auf einer Bühne gesungen habe, und zwar im englischen Festspielort Glyndebourne. Gewiss verfüge er heute über mehr Gelassenheit als damals, sei entspannter, natürlich auch im Umgang mit der eigenen Stimme, die er seinerzeit, bei seinem Operndebüt, mit Druck immer enger habe werden lassen. Heute, im Alter von 51 Jahren, habe er auch für die Darstellung auf der Bühne tiefere Einsichten gewonnen und sei deshalb umso dankbarer für die Art, in der Guth die Handlung durch seine Regie als gegenwartsrelevant zeige, ohne eine billige Aktualisierung zu suchen. Anders als Scholl hat die Sopranistin Lucy Growe, die in der Titelpartie der Rodelinda auftritt, schon in Madrid mitgewirkt. Marcon wiederum kehrt für die Premiere nach Frankfurt zurück, wo er zuvor, im Opernhaus ebenso wie im Bockenheimer Depot, in mehreren Produktionen die barockmusikalische Kompetenz des Hauses geprägt hat.

          Rodelinda

          Die Premiere beginnt am 12. Mai um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen am 19., 25. und 30. Mai von jeweils 18 Uhr an und am 17. und 23. Mai sowie am 1. und 8. Juni von jeweils 19 Uhr an.

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