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Öko-Jahr : Milchkuh oder Computermaus

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Während Christina Vogel morgens an den Zitzen einer Schwarzbunten zieht, fliegt Maren Wenzel über die Dächer Frankfurts - auf dem Computerbildschirm. Beide beginnen ihre Arbeit jeden Tag pünktlich um 7.30 Uhr, beide absolvieren ein freiwilliges ökologisches Jahr zwischen Abitur und Studium.

          Während Christina Vogel morgens an den Zitzen einer Schwarzbunten zieht, fliegt Maren Wenzel über die Dächer Frankfurts - auf dem Computerbildschirm. Beide beginnen ihre Arbeit jeden Tag pünktlich um 7.30 Uhr, beide absolvieren ein freiwilliges ökologisches Jahr zwischen Abitur und Studium. Ihre Einsatzorte könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein: Christina Vogel zeigt auf einem Lernbauernhof in Ober-Eschbach Schulkindern Kühe, Hühner und Schweine. Maren Wenzel beschäftigt sich im Energiereferat der Stadt Frankfurt mit Thermographie, Strompreisen und Photovoltaik. Leere Dachflächen muß sie zum Beispiel ausfindig machen, damit dort vielleicht irgendwann Sonnenkollektoren aufgestellt werden können. Maren Wenzel wohnt noch bei ihren Eltern in Frankfurt, "sonst könnte ich mir das Jahr für meine Entwicklung nicht leisten". Christina Vogel hat die Bauernfamilie ein großes Zimmer im Dachgeschoß ihres Hauses zur Verfügung gestellt. Aus dem Erkerfenster blickt man über Wiesen und Felder bis zu den Hügeln des Taunus.

          Der Weg zu Maren Wenzels Büro führt durch einen fensterlosen Gang. Im dritten Stock eines Bürogebäudes beim Westbahnhof sitzt sie zwischen Telefon und Faxgerät. Die Jalousien sind heruntergezogen - draußen scheint die Sonne. Die dunkelhaarige junge Frau beugt sich über ihren Monitor: Mit dem "geographischen Informationssystem" sucht sie das grau-grüne Muster der Luftbilder von Frankfurt ab. Wenn sie ein passendes Dach erspäht hat, findet sie Hausnummer und Eigentümer heraus - "Dachflächenkataster" heißt das in der Sprache der Beamten. Schließlich ist sie dabei, wenn Experten und Besitzer über die Dachpappe stapfen.

          "Ich könnte natürlich auch Bäume pflanzen und mir dann einreden, ich hätte etwas Wichtiges für die Umwelt getan", sagt Maren Wenzel. Sie sei sich nach fast einem Jahr im Energiereferat aber sicher, daß man nur von einem Büro aus wirklich etwas für den Klimaschutz bewegen könne. "Eigentlich wollte ich nie einen Schreibtischjob, jetzt bin ich verblüfft, wieviel Spaß das macht." Trotzdem ist sie froh, daß sie für manche Projekte das Büro verlassen darf. In Autohäusern habe sie zum Beispiel die "Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung" kontrolliert, erklärt sie fachmännisch. Die sperrige Bezeichnung geht ihr leicht von den Lippen, sie hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Empört berichtet sie von Händlern, die "sich gar nicht um die Verordnung gekümmert haben". Dann sagt sie mit leuchtenden Augen, das Jahr im Energiereferat habe ihre Erwartungen sogar noch übertroffen.

          Ganz so enthusiastisch hört es sich nicht an, wenn Christina Vogel über ihre Arbeit auf dem Lernbauernhof spricht. Sie steht vor der großen Stalltür, eine Kindergruppe ist gerade auf der Suche nach dem Misthaufen, sie wollen die Bauernhof-Rallye gewinnen. Vogel wirft einen vorsichtigen Blick auf ihren Chef, den Landwirt Gerhard Maurer: "Ich würde mich zwar wieder für ein freiwilliges ökologisches Jahr entscheiden, aber nicht unbedingt hier." Zuviel Hausarbeit habe sie bei der Bauernfamilie erledigen müssen - und "Kochen, Putzen, Waschen" gehöre nicht zu ihren Vorstellungen von einem freiwilligen ökologischen Jahr. Von der Arbeit im Stall und mit den Kindern ist sie aber fast so begeistert wie Maren Wenzel von Solaranlagen und Klimaschutz.

          "Wir machen die Kuh leer", ruft ein kleines Mädchen. Mit ihrer Freundin sitzt sie unter einem fast lebensgroßen Rind aus bemaltem Sperrholz und vier Wasserkanistern. Dort üben die Kinder, was Christina Vogel ihnen vorher am lebenden Objekt gezeigt hat: Melken. "Als ich es das erste Mal probiert habe, kam nichts aus dem Euter", erzählt Christina Vogel. Inzwischen melkt sie jeden Morgen routiniert die sechs Kühe im Stall. Meistens sieht ihr dabei eine Kindergruppe zu. Christina Vogel läßt sie das Euter streicheln und spritzt ihnen Milch auf die Hand. Vor allem das Zupacken habe sie auf dem Bauernhof gelernt, sagt sie: wie man Schafen die Klauen schneidet und wie man Hühner mit einer Handbewegung an den Füßen greift - entweder um das Federvieh Kindern zum Streicheln hinzuhalten oder um es zu rupfen: "Dabei bin ich Vegetarierin." Sie habe sich aber klargemacht, daß man mit Nutztieren anders umgehen muß als mit ihrem Pferd zu Hause.

          Daß sie keinen eigenen Landwirtschaftsbetrieb haben möchte, hat sie in dem Jahr auch herausgefunden: "Das ist zu viel Arbeit für zu wenig Geld." Als Beraterin für Bauern möchte sie später arbeiten und deshalb vom Herbst an Agrarwissenschaft studieren. Die Zeit auf dem Lernbauernhof kann sie sich als Vorpraktikum anrechnen lassen. Das Studienfach stand für sie schon vor Beginn des ökologischen Jahres fest, jetzt fühlt sie sich in ihrer Wahl bestätigt. Genauso geht es Maren Wenzel. Umwelttechnik an der Fachhochschule in Trier oder Wiesbaden soll es sein, das wußte sie auch schon kurz nach dem Abitur. Bis zum 31.August wird sie im Energiereferat arbeiten, am nächsten Tag beginnt ihr erstes Semester.

          Aber nicht alle jungen Leute nutzen das ökologische Jahr als Berufsvorbereitung. "Viele hatten einfach keine andere Idee für die Zeit nach dem Abitur", kritisiert Maren Wenzel. Zum Programm des Naturschutzzentrums Hessen für das freiwillige ökologische Jahr gehören auch mehrere Seminare. Dabei hat sie sich trotz Kritik auch mit ihren weniger zielstrebigen "Kollegen" angefreundet: "Wir sind eine eingeschworene Truppe geworden, die sich gemeinsam weiterentwickelt hat." DANIELA MARTENS

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