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Öffnung des Frankfurter Zoos : Die Alpakas müssten auch mal zum Friseur

Kritischer Blick: Dieses Alpaka trägt Sturmfrisur. Bild: F.A.Z.

Am ersten Öffnungstag des Zoos nehmen die Besucher die Einschränkungen und Sonderregelungen gern in Kauf. Unterschiedliche Zeitfenster sollen die Publikumsströme möglichst klein halten.

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          Der vierjährige Lucien winkt dem Alpaka zu, das sich ihm zutraulich nähert. Das Neuweltkamel trägt eine ähnliche Frisur wie der kleine Blondschopf. „Der Friseur hat sein Freude“, heißt es auf einer Informationstafel, denn drei bis fünf Kilogramm Haare fielen jährlich an. Beim Alpaka. Lucien weiß genau, dass dies ein Alpaka ist. Seine Oma geht nämlich jeden Monat mit ihm in den Frankfurter Zoo. „Endlich ist der Zoo wieder offen“, seufzt sie erleichtert. Zwei Mädchen kommen angerannt, um die Alpakas zu fotografieren. Nebenan will eine kleines Mädchen in den Streichelzoo klettern. Ungeduldig zerrt ihre Mutter sie weiter: „Ich hatte dir doch erklärt, dass man nicht überall reinkommt.“ Streichelzoo und Tierhäuser sind am ersten Öffnungstag seit dem 14. März noch geschlossen. Ein Flatterband sperrt den Spielplatz ab.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viele Besucher sind im ersten täglichen „Zeitfenster“ auch noch nicht unterwegs. Zwischen 9 und 12 Uhr, 12.30 und 15.30 Uhr sowie von 16 bis 19 Uhr dürfen sich jeweils 250 Gäste auf dem 11 Hektar großen Gelände tummeln, nachdem sie ihre Tickets ausschließlich online im Zoo-Shop gebucht haben.

          Haben sich die Tiere ohne Menschen gelangweilt?

          Der Zoo gehört den Spatzen, die sich aus jedem Holunderbusch bemerkbar machen. Sie übertönen sogar den stellvertretenden Zoo-Direktor Stefan Stadler, der wehmütig an die 12.000 bis 13.000 Besucher an gutbesuchten Wochenenden zurückdenkt. Und an die derzeit verbotenen Tieraustausch-Transporte zwischen den 400 europäischen Zoos für ihre Erhaltungszuchtprogramme. Hinter ihm aalen sich die Zebras in der Sonne, vor ihm rollen die ersten Kinderwagen vorbei. Haben sich die Tiere ohne Menschen gelangweilt? Er winkt ab: „Wir neigen zu Interpretationen aus unserer eigenen Perspektive.“ Im Winter seien ja auch kaum Besucher da.

          Sonnenbad: Der Sumatra-Tiger lässt sich von den Besuchern nicht stören. Bilderstrecke

          Eine junge Familie ist unter den Gästen. Die Eltern wären gern bereit, den „Naturschutz-Euro“ zu zahlen, um den der Frankfurter Zoo bislang vergeblich kämpft. Ein Euro auf freiwilliger Basis für Forschungsprojekte in aller Welt – ist das zu viel verlangt? „Nein“, sagt die junge Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt. In Stuttgart, Karlsruhe und Leipzig gibt es ihn schon, nur Frankfurt scheint laut Stadler rechtliche Bedenken zu hegen. Bei 860.000 Besuchern im Jahresschnitt rechnet er mit bis zu 600.000 Euro. „Insofern sind auch die Besucher ein Teil der Naturschutzbewegung. Die Corona-Krise ist kein Überlebensproblem. Die Klimakrise aber schon und der Verlust der biologischen Vielfalt.“ Sie zu fördern gehört zu den Zielen des Zoos.

          Trubel wie immer

          Ein junger Spatz schüttelt sein Gefieder, Pressesprecherin Caroline Liefke sieht ihm lächelnd zu. Es ist still auf den Wegen. Vor dem Weiher blühen die Margeriten. Hier hat zum ersten Mal ein wilder Zwergtaucher gebrütet, die Küken sind schon drei Wochen alt. Eine besondere Freude für Stadler, der auch Vogel-Kurator ist. Und wie geht es den Humboldt-Pinguinen? Sie haben sich auf einem Felsen versammelt, als wollten sie eine Konferenz abhalten. Dann kommen Kinder, und die Tiere platschen ins Wasser. Sie verteilen sich in den Klüften ihrer neuen Canyon-Landschaft. Wo sind sie? Dort am Fenster! Ein Vater kitzelt die Scheibe auf Bauchhöhe des Pinguins, die Tochter lacht. Jetzt hauen die schon wieder ab. Murmel, Tiffi, Hexer, Alex – wo seid ihr?

          Die Flachland-Gorillas lassen sich in ihrer Außenanlage nicht blicken. Aber die Erdmännchen lugen aufmerksam aus ihren Bodenlöchern. Ein Spatz hüpft durch ihre Futterschale, der Inhalt sieht aus wie Trockenfutter für Katzen. Sind Spatzen nicht Vegetarier? Ein Pfau schreit, das Wächtertier stößt heisere Warnlaute aus, die übrigen ducken sich weg.

          „Bitte bewegen Sie sich dem Ausgang zu.“ Das war ein Ordner, der um 12 Uhr das zweite „Zeitfenster“ für Besucher öffnen will. Jetzt kommt eine Eltern-Invasion mit Kinderwagen. Noch schlummern die Tiger und Löwen im „Katzendschungel“, eine Stockente führt ihre Küken durch den Wassergraben des Löwengeheges. Nebenan scheucht Cashu, die Mutter der jungen Brillenbären, einen Waldhund mit Dackelbeinen durch das Gehege. Der Imbiss ist schlecht besucht, aber der größte Andrang kommt auch sonst immer erst gegen 14 Uhr.

          Inzwischen sind die Zebras aufgestanden. In ihrer Heimat fressen Heuschrecken die Landschaft kahl. „In Afrika werden die Probleme jetzt immer drängender wegen Corona“, weiß Stadler. „Die Einnahmen der Serengeti brechen weg. Im Virunga-Nationalpark sind 14 Ranger ermordet worden. Das ist auch unser Gebiet“, sagt er und denkt dabei an Christof Schenck und seine Kollegen in der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt – im selben Haus.

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