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Öffentlicher Nahverkehr : Kompetenzgerangel zwischen Verkehrsgesellschaft und Traffiq

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Die Busse und Bahnen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) benutzt fast jeder Bürger zumindest gelegentlich, doch der Bekanntheitsgrad des Unternehmens ist gering. Nur rund 45 Prozent der Frankfurter wissen mit dem Kürzel etwas anzufangen.

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          Die Busse und Bahnen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) benutzt fast jeder Bürger zumindest gelegentlich, doch der Bekanntheitsgrad des Unternehmens ist gering. Nur rund 45 Prozent der Frankfurter wissen mit dem Kürzel etwas anzufangen. Um dieses Manko zu beheben, hat das Verkehrsunternehmen eine Werbekampagne gestartet. Die Fahrgäste sind aufgefordert, das Kürzel "VGF" möglichst originell aufzulösen, zum Beispiel mit "Very Good Feeling" oder "Verschmitzt Grinsende Frankfurter".Bei der Lokalen Nahverkehrsgesellschaft, die vor zwei Jahren gegründet wurde, würde man VGF wohl am ehesten mit "Verkehrte Geschäfts-Felder" übersetzen. Denn zwischen den beiden städtischen Gesellschaften wird schon seit längerem ein verbissener Kampf um Kompetenzen geführt.

          Das Verhältnis zwischen den beiden Gesellschaften ist so kompliziert, wie es zwischen frisch geschiedenen Ehepartnern zu sein pflegt. Die Lokale Nahverkehrsgesellschaft, die mittlerweile unter dem gewollt modischen Namen "Traffiq" firmiert, soll den aufkommenden Wettbewerb im öffentlichen Nahverkehr als sogenannter Besteller organisieren. Das heißt: Sie schreibt im Auftrag der Stadt Buslinien aus, gibt den Zuschlag an den besten Anbieter und ist anschließend verantwortlich für die Qualitätskontrolle. Die Verkehrsgesellschaft dagegen ist in Zukunft nur noch ein Wettbewerber unter mehreren, der sich wie alle anderen auch bei Traffiq um den Zuschlag bewerben muß.

          Der von der Europäischen Union verordnete Wettbewerb bedeutet einen radikalen Bruch in der Organisation des öffentlichen Nahverkehrs in Frankfurt und eine erhebliche Umstellung für die VGF: Bis vor zwei Jahren war die Verkehrsgesellschaft Besteller und Erbringer von Verkehrsdienstleistungen in einem. In der Planungsabteilung wurde die Linienführung konzipiert, die Verkehrsabteilung setzte die Vorgaben dann um. Nachfrage und Angebot wurden innerhalb des Unternehmens austariert.

          Dann wurde, um den Vorgaben aus Brüssel zu genügen, die Planungsabteilung ausgegliedert und zur Lokalen Nahverkehrsgesellschaft - also Traffiq - umgeformt. Die Hoffnung, daß mit dem aufkommenden Wettbewerb Kosteneinsparungen einhergehen, hat sich vorerst jedoch als unberechtigt erwiesen. Denn zunächst sind teure Doppelstrukturen entstanden: Wie die Verkehrsgesellschaft hat auch die Nahverkehrsgesellschaft mit ihren fast 60 Mitarbeitern eine eigene Rechtsabteilung, und beide leisten sich auch jeweils eine Marketingabteilung.

          Vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit wird das Kompetenzgerangel deutlich: Anfang des Jahres wurde die gleiche Broschüre von VGF und Traffiq jeweils unter dem eigenen Logo vertrieben. Hinter diesem Kuriosum steht die wichtige grundsätzliche Frage, unter welcher Marke der öffentliche Nahverkehr in Frankfurt künftig betrieben werden soll. Die Anhänger von Traffiq meinen, der Besteller solle Namensgeber sein, da er für die Leistung aufkomme, die auf längere Sicht zu einem erheblichen Teil aus Geldern der Stadt finanziert werden muß. Wenn dagegen die einzelnen Verkehrsunternehmen jeweils unter eigener Flagge führen, werde die Verwirrung bei den Fahrgästen groß sein - zum Nachteil des öffentlichen Nahverkehrs insgesamt. Daher müsse Traffiq auch die Zuständigkeit für die Werbung übernehmen, nach dem Vorbild des Rhein-Main-Verkehrsverbundes, der für die von ihm bestellten Verkehrsdienstleistungen wirbt.

          Die VGF dagegen argumentiert, ihr gehe es darum, ihren Bekanntheitsgrad zügig zu steigern und dadurch höhere Einnahmen zu erzielen. Damit stärke sie zudem ihre Position für den bevorstehenden Wettbewerb. Das sei auch im Interesse der Stadt, die an einer starken Stellung ihres eigenen Unternehmens interessiert sein müsse. Selbst unter einigen VGF-Aufsichtsratsmitgliedern wird das mit Blick auf die hohen Kosten, die am Ende die hochverschuldete Stadt als hundertprozentige Gesellschafterin zu tragen hätte, bezweifelt. Andere argumentieren, daß man die VGF nicht einerseits dem Wettbewerb aussetzen könne, ihr andererseits aber die eigene Profilierung dafür, wie sie jedes Privatunternehmen für sich beansprucht, verweigern könne.

          Die Schwierigkeiten zwischen VGF und Traffiq, die im gleichen Gebäude an der Kurt-Schumacher-Straße sitzen, sind einerseits wohl unvermeidlich für die Übergangsphase zum Wettbewerb im öffentlichen Nahverkehr. Auf der Arbeitsebene, heißt es aus beiden Unternehmen, habe man sich schon zusammengerauft. Auch das Verhältnis der Geschäftsführer soll besser geworden sein, seit Traffiq-Chef Klaus Ott in den Ruhestand getreten ist und Hans-Jörg von Berlepsch seinen Posten übernommen hat.

          Andererseits zeichnen sich jedoch weitere Kontroversen schon ab, die sich aus der Stellung der VGF als städtisches Unternehmen ergeben, das auf absehbare Zeit nicht privatisiert werden dürfte. Konkurrierende Unternehmen werden immer wieder den Verdacht äußern, daß es zu Mauscheleien zwischen beiden städtischen Gesellschaften komme. Darum wurde auf Anraten von Juristen jede Überschneidung in der Zusammensetzung der Aufsichtsräte von VGF und Traffiq vermieden - den Vorsitz im Aufsichtsgremium der VGF führt Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), den Aufsichtsratsposten bei Traffiq hat Magistratskollege Edwin Schwarz (CDU) inne.

          Mit der Ausschreibung der Linien soll im März 2005 begonnen werden. Die Buslinien werden in fünf "Bündeln" ausgeschrieben. Dabei sind attraktive Linien wie die 30 und die 36 mit weniger frequentierten gebündelt, um einer "Rosinenpickerei" vorzubeugen. Zum Fahrplanwechsel 2006/ 2007 wird dann das erste Bündel vergeben sein, zum Wechsel 2010/2011 soll schließlich die erste Runde der Ausschreibungen abgeschlossen sein. Erst danach wird es auch um die U-Bahnen und Straßenbahnen gehen.

          MATTHIAS ALEXANDER

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