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Hochschule : Nüchterner Blick auf Bologna

Im Bachelorstudium Praxisnähe und Wissenschaftlichkeit unter einen Hut zu bekommen ist schwierig Bild: AP

Die Umstellung auf Bachelor und Master ist in vollem Gang. Doch selbst die Uni-Präsidenten sind nicht immer glücklich über die Reform. Sie kritisieren fehlenden wissenschaftlichen Anspruch und das System der Akkreditierung.

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          Johannes Buchmann ist überzeugter Bologna-Anhänger. „Deutlich mehr Chancen als Risiken“ bringe die Umstellung der Studiengänge und Abschlüsse mit sich, meint der Vizepräsident der Technischen Universität Darmstadt. Ihm gefällt vor allem, dass die grundständige Ausbildung nun besser strukturiert sei: „Dank dem Bachelor studieren die Leute in dieser ersten Phase schneller und erfolgreicher.“Es sei für die Gesellschaft wünschenswert, möglichst vielen jungen Leuten zu einer guten Qualifikation zu verhelfen – und das gehe nur, wenn das Hochschulstudium straffer organisiert werde.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Anderswo ist die Begeisterung für den 1999 in Bologna gefassten Beschluss der Bildungsminister, die europäischen Hochschulabschlüsse zu vereinheitlichen, nicht ganz so groß. Zwar wollen weder Rudolf Steinberg noch Georg Krausch den weit fortgeschrittenen Systemwechsel stoppen. Doch euphorisch klingen die Präsidenten der Universitäten Frankfurt und Mainz nicht, wenn sie über den bisherigen Verlauf der Reform reden. „Ich sehe nicht, dass Bologna eines der wesentlichen Probleme der Universitäten gelöst hat“, stellte Steinberg kürzlich aus Anlass eines Treffens der Hochschulrektoren in Gießen fest, und Krausch warnt davor, durch die Neuordnung „alle Studiengänge in das gleiche Korsett zu zwingen“.

          „Missachtung der Talente junger Leute“

          Besonders missfällt Steinberg die Fokussierung des Bachelorstudiums auf die praktisch-berufliche Ausbildung, wie sie die Kultusministerkonferenz festgeschrieben habe: Das sei „eine Missachtung der Talente junger Leute“. Schon im Grundstudium müsse in ihnen durch ein entsprechendes Lehrangebot der „wissenschaftliche Eros“ geweckt werden. Auch Krausch wünscht sich, dass in den Bachelorstudiengängen das „selbständige Lernen“ erhalten bleibe. Beide sind der Ansicht, dass eine stärkere Strukturierung und wissenschaftlicher Anspruch einander nicht ausschließen. Steinberg will deshalb das Land Hessen dazu bewegen, auf eine Änderung des Kultusministerbeschlusses hinzuarbeiten.

          Eine solche Korrektur wäre auch eine Argumentationshilfe im Umgang mit den Akkreditierungsagenturen, die für viel Geld über die Zulassung von neuen Bachelor- und Masterprogrammen entscheiden. Sie können Steinberg zufolge Einwände erheben, wenn ein Bachelorstudiengang auch stark wissenschaftlich ausgerichtete Elemente umfassen soll. Solche Veranstaltungen als freiwillige Ergänzung anzubieten würde den Hochschulen leichter gemacht, wenn nicht jeder einzelne Studiengang das Gütesiegel bekommt, sondern ganze Fachbereiche oder die organisatorischen Abläufe beim Aufbau neuer Programme. Dass diese sogenannte System- und Verfahrensakkreditierung der bessere Weg ist, darin sind sich Steinberg, Krausch und Buchmann einig.

          „Verschulung kann mobilitätshemmend sein“

          Leicht auseinander gehen die Meinungen der drei Professoren hingegen bei der Frage, ob der Bologna-Prozess die Mobilität der Studenten nun fördert oder bremst. Steinberg und Buchmann glauben, dass nach dem Bachelorabschluss die Neigung steigt, an einer anderen Uni weiterzumachen. Während des Bachelorstudiums selbst ist nach Steinbergs Ansicht die Bereitschaft zum Ortswechsel dagegen gering – was sein Kollege Buchmann nicht so schlimm findet. Krausch dagegen teilt Steinbergs Einschätzung. Er empfiehlt, wenigstens die Austauschprogramme mit den Partnerhochschulen genau abzustimmen, um die gegenseitige Anerkennung von Scheinen zu erleichtern. Und er warnt davor, es mit dem Durchstrukturieren des Studiums zu übertreiben: „Jede Art der Verschulung kann mobilitätshemmend sein.“

          Steinberg wiederum glaubt, dass es nötig ist, dem studentischen Streben hie und da konkretere Ziele zu setzen. Dazu hätte es seiner Ansicht nach aber nicht der Abschaffung von Diplom und Magister bedurft. Auch Krausch hätte nach eigenem Bekunden viele Veränderungen im alten System für machbar gehalten, wenngleich Bologna als Anstoß von außen manches in Bewegung gebracht habe. Die Erwartung, durch die Reform werde die Ausbildung junger Menschen verbessert, könne sich auf Dauer allerdings nur dann erfüllen, wenn den Hochschulen auch die entsprechenden „Ressourcen“ zur Verfügung gestellt würden. Will heißen: mehr Geld.

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