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Nordweststadt : Deutsche sehen Ausländer in der Pflicht

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Wenn Frankfurts Politiker über Zuwanderung reden, fällt ein Wort immer: "Durchmischung". Gemeint ist, daß in den Stadtteilen Deutsche und Ausländer leben, die Quartiere also "durchmischt" sind, nicht von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dominiert werden.

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          Wenn Frankfurts Politiker über Zuwanderung reden, fällt ein Wort immer: "Durchmischung". Gemeint ist, daß in den Stadtteilen Deutsche und Ausländer leben, die Quartiere also "durchmischt" sind, nicht von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe dominiert werden. Christoph Kulenkampff ist da anderer Ansicht: "In westdeutschen Großstädten ziehen Zuwanderer in bestimmte Gegenden, es gibt eine Segregation nach Ethnien", sagt der geschäftsführende Vorstand der Schader-Stiftung.

          Diese befaßt sich unter anderem mit der Zuwanderung und den Folgen für das Wohnen in Städten, begleitet ein Projekt, an dem außer Frankfurt sieben andere Großstädte teilnehmen. Sie setzen sich derzeit mit Empfehlungen auseinander, die Experten erarbeitet haben.

          Ein Stadtteil, in dem sich Segregation, Bevölkerungstrennung, zunehmend wird beobachten lassen, ist für Kulenkampff die Nordweststadt, in der viele ältere Bürger leben. In die frei werdenden, großen Wohnungen würden mittelfristig ausländische Familien einziehen, so seine Prognose. Kein Wunder, daß am Donnerstag abend 160 Menschen in die im Stadtteil gelegene Dietrich-Bonhoeffer-Kirche kamen, um über die verstärkte Zuwanderung und die nötige Integration zu reden.

          Die Stadt Frankfurt urteilt wie er - sonst hätte sie die Nordweststadt nicht als Gebiet für das Projekt der Stiftung vorgeschlagen. "Die Stadt will das Quartier für diesen Prozeß rüsten", sagt Kulenkampff. Im Mittelpunkt stünden nach Wünschen aus dem Quartier Schule und Bildung. Dahin geht auch eine der Experten-Empfehlungen: Schulen, besonders weiterführende, sollten gut ausgestattet werden und zu Stadtteilzentren mit zusätzlichen Bildungsangeboten werden - auch, um der "Bildungsferne von Ausländern" zu begegnen. An dem Einwurf eines Lehrers der Ernst-Reuter-Schule wird schnell die Crux von Integration deutlich, bei der viele Elemente ineinandergreifen müssen. "Wir organisieren schon seit den siebziger Jahren Integration, bieten Sprachkurse an, haben eine Schulsozialarbeit - und dann fehlen Arbeitsplätze für die Jugendlichen, die wieder desintegriert werden."

          27 Prozent der Bewohner der Nordweststadt sind Ausländer; nimmt man die Eingebürgerten hinzu, haben 34 Prozent einen "Migrationshintergrund". Die in der Kirche versammelten Deutschen sehen diese Menschen in der Pflicht: "Die Ausländer sollen auf uns zukommen. Integration ist ein Geben und Nehmen", sagt Hans Reim von der katholischen Matthias-Gemeinde. Er bekommt viel Applaus. Der Stadtteil müsse für die deutsche Bevölkerung erhalten bleiben.

          Ähnlich sagt es Bernd Oettinghaus, der frühere Pfarrer des Christlichen Zentrums Nordweststadt: "Die Deutschen müssen wissen, daß ihre Kultur sinnvoll erhalten bleibt." Dagegen stehe, daß "identitätsstiftende" Objekte wie Kirchen abgerissen werden sollten. "Das verstärkt die Angst." Oettinghaus spielt auf ein reformiertes und ein evangelisches Gotteshaus an, an deren Stelle Wohnhäuser entstehen sollen. "Die Stadt hätte diese Flächen nie aus ihrer gemeinnützigen Bindung herauslassen dürfen." Nun solle auch noch die Matthias-Kirche verkauft werden. Die Sorge um einen Identitätsverlust ihres Stadtteils treibt die Bürger sichtlich um. Die Thesen Kulenkampffs verstärken dieses Gefühl. In der zunehmenden Segregation sieht er allerdings nicht nur Nachteile, etwa den einer möglichen Abschottung. "Eine ethnische Nachbarschaft führt auch zur Stabilisierung, die ja gewünscht ist." Wichtig ist ihm, daß die Geschäftstätigkeit von Ausländern gefördert wird. Das schaffe Arbeitsplätze für junge Leute, außerdem seien solche Läden "Brückenköpfe für Kommunikation". Hier habe das Gallusviertel mit seinen Räumen für Kleingewerbe einen Vorteil gegenüber der Nordweststadt, die als Wohnstadt konzipiert worden sei. "Das ist wenig integrationsfähig."

          Eine Möglichkeit, die Kommunikation zwischen Deutschen und Ausländern zu fördern, gibt es dennoch: Wulf Raether nennt das "Kleine Zentrum", das Einkaufszentrum an der Thomas-Mann-Straße. Raether gehört zum Verein "Brücke 71", der das Zentrum aufwerten will - was auch nötig ist. Der Verein möchte, daß eine Genossenschaft oder eine GmbH dieses Zentrum führt, und erwartet von der Stadt eine Absicherung, um Kredite zur Übernahme des Areals aufnehmen zu können. Der Kontakt zur Stadt läuft über das "Quartiersmanagement" des Diakonischen Werks, das sich im kommunalen Programm "Soziale Stadt" um die Nordweststadt kümmert.

          Scheint hier die Möglichkeit zu einer positiven Veränderung auf, sieht Oettinghaus eine andere Entwicklung mit Sorgen: daß Wohnungsbaugesellschaften viele Wohnungen verkauften und dem Stadtteil ein ähnliches Schicksal drohe wie dem sozial schwierigen Dietzenbacher Spessartviertel. Dort gibt es viele Eigentümer, die Wohnungen vermieten, aber wenig Interesse an dem Quartier haben. Eines möchte Oettinghaus - möchten wohl alle in der Kirche Versammelten - nicht: daß es in der Nordweststadt so wird wie in Dietzenbach. STEFAN TOEPFER

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