https://www.faz.net/-gzg-a16pm

Nordwestbahn wieder in Betrieb : Die Rückkehr des Fluglärms

Ankunft: Ein Flugzeug landet – solche Szenen mehren sich auch auf dem Frankfurter Flughafen wieder Bild: Imago

In besonders vom Fluglärm betroffenen Wohnvierteln rund um den Frankfurter Flughafen bleiben vermehrt Fenster geschlossen. Denn am Himmel wird es wieder lauter. Manch ein Anwohner hat das Grollen aber fast schon vermisst.

          3 Min.

          Die Nachricht auf dem Handydisplay kommt aus dem Nachbarhaus. „Noch einen Tag Genuss-Schlaf“, schreibt die Absenderin zum Wochenbeginn. Dahinter ein Smiley mit einem zerknautschten Gesichtsausdruck. Weil die Nordwestlandebahn des Frankfurter Flughafens nach Monaten der Zwangspause von Mittwochmorgen an wieder vermehrt angeflogen werden darf, halten viele Anwohner der besonders vom Fluglärm geplagten Wohnviertel in Frankfurt und Umgebung ihre Fenster vorsorglich schon am Vorabend geschlossen.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Und da liegen sie nun. In viel zu warmen Schlafzimmern und beginnen, die Geräusche der Nacht zu vermissen. Die Katzenkämpfe im Hinterhof, das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, die spät heimkehrenden Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor der Krise glaubhaft versichern konnten, sich vom Fluglärm nicht gestört zu fühlen, scheinen in den vergangenen Monaten den Wert der Ruhe schätzen gelernt zu haben.

          Kritiker wollen neues Konzept

          Den Flughafenausbau-Gegnern hatte schon die Ankündigung gereicht, dass die Deutschen Flugsicherung und der Flughafenbetreiber Fraport die Nordwestlandebahn nun wieder nutzen wollen, um eine neue Strategie mit weniger Flügen und weniger Fluglärm zu fordern. Dirk Treber etwa, langjähriger Ausbaukritiker und Mitglied der Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms aus Mörfelden-Walldorf, fordert, die von der Covid-19-Pandemie erzwungene Ruhe am Flughafen zu nutzen, um ein neues Mobilitätskonzept zu erarbeiten.

          Mit weniger Flügen, mehr Klimaschutz und mehr Lebensqualität für die Anrainer des Flughafens. Ein geändertes Mobilitätsverhalten werde zahlreiche neue Arbeitsplätzen schaffen und so die Lebensqualität für die Menschen verbessern, ist sich Treber sicher, der viele Jahre in der Frankfurter Fluglärmkommission mitgearbeitet hat.

          „Provokation und rücksichtslos“

          Die Frankfurter Fluglärmschutzbeauftragte Ursula Fechter hält es zumindest für fragwürdig, dass die Südbahn nun schon wieder teils ausfalle, nachdem die Piste erst vor wenigen Monaten grundlegend saniert worden sei. Dabei hätte man ihrer Ansicht nach auch die Arbeiten an den Rollwegen zur Südbahn mit erledigen können, anstatt diese nun womöglich als Vorwand zu nutzen, um die Wiederinbetriebnahme der Landebahn Nordwest zu rechtfertigen, äußerte Fechter. Dass ein Umdenken möglich sei, zeige nicht zuletzt der Beschluss der Frankfurter Stadtverordneten. Sie haben zugesagt zu prüfen, ob auf kürzeren Strecken die Bahn nicht dem Flugzeug vorzuziehen sei.

          Als Provokation und rücksichtslos gegenüber den über allen Menschen in der Flughafenregion bezeichnete Jürgen Lamprecht, Sprecher der des Bündnisses der Frankfurter Bürgerinitiativen gegen Fluglärm und die Flughafenerweiterung, die Reaktivierung der Landebahn Nordwest. Lamprecht erneuerte die Forderung der Bürgerinitiativen, die Nordwestlandebahn geschlossen zu halten und die Betriebseinschränkungen für des Flughafens auf 22 bis 6 Uhr auszudehnen und damit von der derzeitigen gültigen Nachtflugbeschränkung von 23 Uhr bis 5 Uhr abzuweichen. Nur so seien den Bewohnern der Region nächtliche Schlaf-, Erholungs- und Ruhephasen zu ermöglichen.

          Einige dieser Bewohner scheinen allein durch die Ankündigung, dass Flugzeuge wieder die Nordwestlandebahn ansteuern dürfen, automatisch in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Anlassloses Aufschrecken aus dem Schlaf um kurz vor fünf Uhr in der Früh. Einfach, weil der Körper gelernt hat, dass es in wenigen Minuten laut werden könnte. Normalerweise hört man sie dann nämlich schon, die Flieger, die sich in weiten Schleifen nähern.

          In weiter Ferne ein dumpfes Dröhnen

          An diesem Morgen, an Tag eins nach der Corona-Zwangspause, bleibt es aber ruhig am Himmel. Irritiertes Lauern auf das Geräusch, das das Ende der Lärmpause einläuten wird. Die Minuten verstreichen. Kein Ton ist zu hören. Also: aufstehen, Fenster öffnen, warten. Schließlich waren sie doch angekündigt, die Flieger. Massenhaft sollten sie an diesem ersten Tag landen. Um 5.04 Uhr ist zum ersten Mal seit langer Zeit in weiter Ferne ein dumpfes Dröhnen zu hören. Das Geräusch, das kaum einer vermisst hat, wirkt vertraut. Es ist laut, es ist grollend, es gehört irgendwie dazu, zum Leben in genau diesem Gebiet der Stadt.

          Schneller als gedacht, fallen die Augen wieder zu. Statt Schäfchen werden Flugzeuge gezählt. Es bleibt an diesem ersten Morgen bei etwa einem Dutzend. Und irgendwie hat das Geräusch, das so lange nicht zu hören war, auch etwas Beruhigendes. Fast so, als würde mit den Flugzeugen ein bisschen Normalität zurückkehren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Aufruhr im Schwimmen : Zurück im Doping-Sumpf

          Ryan Murphy wird von Jewgeni Rylow geschlagen. Der Amerikaner spricht im Anschluss von einem Rennen, das „wahrscheinlich nicht sauber“ war – und wird vom Olympischen Komitee Russlands als Verlierer verhöhnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.