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Nordhoff-Wahl : Das Raumschiff Römer fliegt weiter

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Wiedergewählt: Kulturdezernent Nordhoff Bild: dpa/dpaweb

Und seine Gesichtszüge lösen sich doch. Bei der Übergabe der Ernennungsurkunde war das Lächeln noch sehr gequält, die Spannung noch nicht gänzlich geschwunden. Draußen vor der Tür des Sitzungssaals nimmt Bernhard Nordhoff weitere Glückwünsche entgegen und strahlt.

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          Und seine Gesichtszüge lösen sich doch. Bei der Übergabe der Ernennungsurkunde war das Lächeln noch sehr gequält, die Spannung noch nicht gänzlich geschwunden. Draußen vor der Tür des Sitzungssaals nimmt er weitere Glückwünsche entgegen und strahlt. Endlich. Es ist geschafft. Der neue, alte Kulturdezernent atmet durch. Die Oberbürgermeisterin dagegen sitzt mit versteinerter Miene auf ihrem Platz. Kein Ausdruck von Freude hatte sich eingestellt, nachdem Stadtverordnetenvorsteher Karlheinz Bührmann das Ergebnis verlesen hatte. Wenig später schaut Petra Roth geradezu finster drein. Ärger über mögliche Abweichler in der CDU? Ein plötzlicher Schauder angesichts der Erkenntnis, daß sie es nun tatsächlich wieder in den nächsten Jahren mit Hans-Bernhard Nordhoff im Magistrat zu tun haben wird?

          Das Stadtoberhaupt hatte die Wiederwahl des Stadtrats gewünscht. Weil sie das Viererbündnis aus CDU, SPD, FDP und Grünen nicht gefährden wollte. Vom Ausdruck reinen Glücks jedoch ist Petra Roth körpersprachlich milchstraßenweit entfernt. Die Oberbürgermeisterin habe den Kulturdezernenten, den sie verdiene, raunt es sphinxhaft aus sozialdemokratischem Mund. Ein anderer Spruch, dessen Urheberschaft im dunkeln liegt, macht an diesem Abend im Frankfurter Rathaus die Runde. Er spielt auf das Wahlverhalten zu rot-grünen Magistratszeiten und das Wort eines ehemaligen SPD-Oberbürgermeisters an: "Früher haben die Schweine mit Nein gestimmt, heute stimmen sie mit Ja."

          Das Raumschiff Römer fliegt weiter. Der Viererantrieb hebt es hinweg über "diese Leute", wie Barbara Heymann, die Vorsitzende der SPD-Fraktion, Essens Kulturdezernenten Oliver Scheydt zitierend, die namhaften Kritiker Nordhoffs aus den Reihen von Kultur und Wissenschaft in ihrer Rede vor dem Urnengang nennt. Hinweg auch über ein parteiverdrossenes Volk, das von der Politik schon lange nichts anderes erwartet als parteitaktisches und machterhaltendes Verhalten. Uwe Becker, Fraktionsvorsitzender der CDU, gedenkt in seiner kurzen Rede der Bündnisraison.

          Hilmar Hoffmann ist gekommen. Der frühere Frankfurter Kulturdezernent, der in den fetten siebziger und den noch fetteren achtziger Jahren die Stadt zum Synonym für erfolgreiche Kulturpolitik machte, hält in Treue fest zum Genossen Hans-Bernhard. "Wenn man sich nach Kulturdezernenten umschaut in der Bundesrepublik, fallen einem nur zwei Leute ein: Oliver Scheydt in Essen und Hans-Bernhard Nordhoff in Frankfurt." In allen anderen vergleichbaren Städten sehe es kulturpolitisch düster aus. Nordhoff habe es geschafft, daß Frankfurt immer noch den höchsten Kulturetat habe. Was aber rät er dem Mann, der seinen früheren Posten innehat? "Ich würde für wichtige Projekte Sponsoren gewinnen. Da muß er viel Zeit darauf verwenden. Es ist nicht damit getan, Briefe zu schreiben. Da muß er in die Vorstandbüros gehen."

          Grünen-Fraktionschef Lutz Sikorski erweist Hilmar Hoffmann die Ehre, indem er ihn zu Beginn seiner Rede direkt anspricht. Um anschließend das Wort an Barbara Heymann zu richten: "Barbara, an einer Stelle möchte ich doch intervenieren: Daß die Oper Opernhaus des Jahres wurde, ist das Verdienst des Intendanten Bernd Loebe, und den ausgerechnet wollte Nordhoff nicht. Wir sind ja unter uns, da können wir ja offen reden." Laut Hessischer Gemeindeordnung hat der Stadtrat nämlich den Sitzungssaal verlassen müssen. Und auch die Außenlautsprecher mußten abgeschaltet werden. So entging Nordhoff auch die Suada von Jutta Ditfurth. Sie bedauerte, "daß die Kultur nicht mehr auf der Straße und in den Hinterhöfen tanzt". Und daß sie statt dessen im Bann der Sponsoren stehe. Am Schluß der Aufruf, Nordhoff zu wählen: "Sie haben ihn verdient. Wählen Sie ihn, CDU, SPD, Grüne. Er paßt zu Ihnen. Zu mir paßt er nicht." Staatstragend dagegen der Auftritt des Stadtverordneten Wolfgang Hübner vom BFF. Nordhoff sei die Inkarnation des politisch korrekten sozialdemokratischen Parteisoldaten. Aber man wisse nicht, was er eigentlich mit der Kultur vorhabe. Da muß die Oberbürgermeisterin gähnen.

          Es gibt zwei Wahlgänge. Zuerst entscheiden die Stadtverordneten darüber, ob sie überhaupt wählen wollen. 63 stimmen mit Ja. Dann geht es um Nordhoff. "Ich eröffne die Wahlhandlung", sagt der Stadtverordnetenvorsteher. Alles stürmt nach vorne. Zu früh. "Sie wissen doch, daß die Regularien durchzuführen sind", mahnt Bührmann und verweist die Stadtverordneten wie an diesem Abend schon mehrere Male zurück auf ihre Plätze. Wenig später freilich stauen sich die Volksvertreter vor den Kabinen. Die Wahl ist geheim. Niemand im Saal scheint zu zweifeln, daß die Wiederwahl des Stadtrats glatt über die Bühne geht. Volker Stein, Fraktionschef der FDP, bringt die Stimmung auf den hessischen Nenner: "Die Leut' wisse' doch, um wases geht." Mit 58 von 92 abgegebenen Stimmen wird Nordhoff wiedergewählt. Sozialdezernent Franz Frey überreicht Nordhoff ein Foto, auf dem er, Frey, Bürgermeister Achim Vandreike und Nordhoff als die drei Tenöre verkleidet zu sehen sind. Es gibt viele Küßchen für Nordhoff. Seine Frau hält sich am Saaleingang an einem Blumenstrauß fest. Sie hat ein Siegerlächeln auf den Lippen. MICHAEL HIERHOLZER

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