https://www.faz.net/-gzg-9styr

Frankfurter Kriminalfälle : Das Mädchen und der Baulöwe

Berühmt, allzeit vorzeigbar und millionenfach nachgedruckt: Das wohl bekannteste Foto der Nitribitt Bild: dpa

Frankfurter Kriminalfälle der vergangenen 70 Jahre ergeben ein Mosaik, das den Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erkennen lässt. Fünf markante Prozesse der Epoche, nachgelesen in der Rhein-Main-Zeitung – von Rosemarie Nitribitt bis Jürgen Schneider.

          5 Min.

          Tun sich, wie Kriminalpsychologen behaupten, vor Gericht Abgründe auf, vor denen viele Menschen stehen und vor denen dann doch die meisten wieder zurücktreten? Wie sehr spiegeln sich in den Prozessen Fehlentwicklungen und moralischer Wandel einer Gesellschaft wider? Die gewaltige Faszination, die Kriminalfälle auf Literatur, Film und Fernsehen seit Jahren ungebrochen ausüben, lässt sich vielleicht vor dem Hintergrund solcher Fragen erklären.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Blättert man die Archivbände dieser Zeitung durch, dann wird deutlich, wie sehr die Charakterisierungen der Täter, überhaupt die in den Kellern der Justiz lagernden Akten und Beweisstücke, Zeitzeugnisse sind. Das gilt allemal für den Versuch, die Schrecken der Nazi-Herrschaft aufzuarbeiten, wie er von 1963 bis 1965 in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen unternommen wurde. Aber auch sonst ist Justizgeschichte gerade in einer Stadt wie Frankfurt, die der gesellschaftlichen Entwicklung im Land immer ein Stück vorauszueilen scheint, immer auch Sozialgeschichte.

          Mord im Wirtschaftswunder

          Der Fall der Rosemarie Nitribitt, ermordet Ende Oktober 1957, steht für vieles: für das deutsche Wirtschaftswunder nach der Katastrophe von Nazi-Herrschaft und Weltkrieg, für eine Gesellschaft, die sich feiern wollte, für die burlesken Seiten der jungen Republik, für die Anziehungskraft des Kapitals, aber auch für ein neues Selbstbewusstsein der Frauen. Die Frankfurter Prostituierte wollte, noch nicht 25 Jahre alt, soweit das überhaupt möglich war, ihren Beruf selbständig ausüben, zeigen, wer sie war und was sie erreicht hatte. Ihr Mercedes-Cabriolet, mit dem sie ihr Revier markierte, war Sinnbild ihrer Emanzipation. Wer sie tötete, welchen Hintergrund das Verbrechen hatte, das wurde nie aufgeklärt. Deshalb ranken sich bis heute Legenden um die Figur Rosemarie Nitribitt und welche Verbindungen sie zu oberen Wirtschaftskreisen und in Ministerien hatte. Ihr in der Wirklichkeit vermutlich gar nicht so schillerndes Leben wurde zu mehreren Spielfilmen verarbeitet, die sich immer weiter vom Original entfernten.

          Die Justiz ist, auch wegen schwerer Ermittlungsfehler, daran gescheitert, die Banalität des Bösen zu ergründen. Der Prozess gegen ihren Bekannten Pohlmann, der schließlich als Einziger als Täter in Betracht kam, endete mehr als zweieinhalb Jahre später mit einem Freispruch mangels Beweisen. Der Oberpostsekretär, der zuvor nur Schulden hatte, mit einem Mal aber über 20 000 Mark verfügte, sagte nach der Urteilsverkündung: „Für mich gibt es keine Rückkehr ins bürgerliches Leben, ich bin kein freier Mann mehr.“

          Vorboten des Terrors

          Die Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser Anfang April 1968 markieren im Rückblick eine Wegscheide der Studentenproteste. Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die später die Rote Armee Fraktion gründeten, waren in jenen Tagen eigentlich in der Stadt, um an einem Kongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes teilzunehmen. In dem Prozess ein halbes Jahr später gestanden sie, im Kaufhaus M. Schneider Feuer gelegt zu haben. Sie wollten, wie sie sagten, damit gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg und dem „Völkermord“ in Vietnam protestieren. Eine Beteiligung am zweiten Anschlag bestritten sie. Man habe keine Menschen gefährden wollen, sagten sie. Tatsächlich waren die Brandsätze sehr simpel gestrickt, gezündet gegen Mitternacht über einen Wecker. Dennoch war der Schaden enorm, er belief sich auf rund 2,2 Millionen Mark.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Parteitag stimmt zu : Die SPD sagt vorerst Ja zur Groko

          Der Leitantrag zum Fortbestand der Großen Koalition findet auf dem Parteitag in Berlin eine breite Unterstützung: Die Genossen wollen ihre neuen Vorsitzenden stärken. Die sollen nun Gespräche mit der Union suchen.

          Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

          Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.