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Christopher Street Day : Anders, aber nur noch ein bisschen

Protest gegen Diskriminierung: CSD-Teilnehmer im vergangenen Jahr auf dem Römerberg. Bild: dpa

Straftaten gegen Schwule und Lesben gibt es kaum in Frankfurt. Trotzdem lässt die Polizei beim CSD erhöhte Vorsicht walten – und auch die Veranstalter haben ein eigenes Sicherheitskonzept.

          Vor einem Jahr kam es schon am Freitagabend kurz vor Mitternacht zum Notfall. Die Konstablerwache musste geräumt werden. „Das hat sehr gut geklappt“, sagt Joachim Letschert vom Verein CSD Frankfurt. Das Sicherheitskonzept für den Christopher Street Day (CSD) sei aufgegangen. Am 17.Juli 2015 hatte ein Unwetter über dem Platz gewütet. Da eine Stunde später, um 1Uhr in der Nacht, ohnehin Schluss gewesen wäre, verlief die Evakuierung des Platzes ziemlich reibungslos. Der Ernstfall war also kein echter Ernstfall, schon gar keiner, der die für die Sicherheit Verantwortlichen bei dem fröhlichen Fest von Lesben und Schwulen ernsthaft gefordert hätte.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In diesem Jahr ist das Sicherheitskonzept noch ausgefeilter, wie CSD-Sprecher Letschert sagt. Unter anderem wird ein Sicherheitsbeauftragter drei Tage lang im Einsatz sein. Mit dem Massaker an Homosexuellen in Orlando in Florida vor gut einem Monat hat die erhöhte Wachsamkeit nicht unmittelbar zu tun. Und mit schlechten Erfahrungen in Frankfurt eigentlich auch nicht. Im Gegenteil: Die Stadt kann fast als Insel der glückseligen Lesben und Schwulen gelten, wie nicht nur die CSD-Verantwortlichen versichern. „Straftaten gegen homosexuelle Frauen und Männer sind uns so gut wie nicht bekannt“, sagt auch Polizeihauptkommissar Matthias Block-Löwer.

          Viele Straftaten werden nicht angezeigt

          Er und seine Kollegin Julia Reichel sind die Ansprechpartner für Menschen in gleichgeschlechtlicher Lebensweise im Polizeipräsidium Frankfurt am Main, so die offizielle Bezeichnung. Noch in den neunziger Jahren gab es schwere Fälle von Körperverletzung. Schwule wurden zum Teil mit Baseballschlägern zusammengeschlagen. Doch die Zeiten scheinen lange vorbei. Allerdings würden viele Straftaten, dazu zählen auch Delikte psychischer Gewalt wie Beschimpfungen, Beleidigungen und Mobbing, oft nicht zur Anzeige gebracht. Bei Diskussionsrunden erlebe er es häufig, sagt Block-Löwer, dass junge Schwule davon ausgehen, es sei normal, wenn sie mit „Schwuchtel“ beschimpft würden. „Aber das ist es nicht.“

          Auch wenn es „keine Veränderung der Gefährdungssituation“ gibt, wie der Polizeihauptkommissar sagt, wird die Zahl der Polizeikräfte in diesem Jahr beim CSD „minimal erhöht“. Die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln, aber auch vor wenigen Wochen beim Schlossgrabenfest in Darmstadt hätten dabei die Frankfurter Polizei bei ihrer Entscheidung, zusätzliche Beamte in den Einsatz auf die Konstablerwache zu schicken, mehr beeinflusst als das Attentat im fernen Orlando. Wie jedes Jahr werden zudem Polizisten in privater Mission beim CSD vertreten sein und nebenher für mehr Sicherheit sorgen: Der Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter ist mit einem eigenen Stand vertreten.

          „Wir können uns in Frankfurt glücklich schätzen“

          Selbst wenn der eine oder andere Fall nicht als Straftat gegen einen Homosexuellen angezeigt wird, Frankfurt darf als besonders offen und liberal gelten. Legt man zugrunde, dass fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sich gleichgeschlechtlich orientieren, dann leben in Frankfurt bis zu 70000 Schwule und Lesben; Block-Löwer geht davon aus, dass eine Großstadt wie Frankfurt eher die Zehn-Prozent-Marke erreicht. Trotzdem gibt es seit einigen Jahren kaum noch eine feste Szene. „Rückzugsräume“ würden einfach nicht mehr benötigt, sagt Ralf Bareuter. „Die Jugend geht dahin, wo die Musik oder der DJ gut ist. Sie haben nicht mehr das Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten zu treffen.“

          Bareuter, gerade 50 Jahre alt geworden, kennt als Eventmanager die Frankfurter Szene seit Jahren. Viele Bars, aber auch Großraumdiskotheken für ein vor allem homosexuelles Publikum haben schon lange ihre Türen geschlossen. Bareuter gehört zu den letzten Veranstaltern, der alle paar Wochen mit seinem „Club 78“ in der „Union Halle“ an der Hanauer Landstraße 1200 bis 1500 „gays and friends“ zusammenbringt. „Dass wir früher auf der Straße hier noch eins aufs Maul bekommen haben, können sich die jungen Schwulen ja gar nicht mehr vorstellen. Da können wir uns in Frankfurt glücklich schätzen“, sagt er. Trotzdem wirke Orlando nach. Bei der „Delicious Party“ morgen Abend im „Gibson Club“ an der Zeil, eigens von Bareuter zum CSD organisiert, werde es sicherlich mehr Taschenkontrollen als sonst geben.

          Willkommenskultur: Erstmals auch Flüchtlinge beim CSD

          Zu den wenigen verbliebenen Institutionen im einstigen schwul-lesbischen Bermuda-Dreieck rund um die Alte Gasse gehört Dietmar „Linda“ Bokelmann mit seiner 30 Jahre alten Szenekneipe „Zum Schwejk“. Auch bei ihm spielt die sexuelle Orientierung seiner Gäste längst nicht mehr die Rolle wie früher einmal. „In der Schwulen-Szene leben wir die Willkommenskultur“, sagt der Wirt. Damit spielt er zugleich auf die vielen Migranten in der Stadt an, „die nicht nur vor dem Krieg fliehen, sondern auch vor den Repressalien aufgrund ihrer Sexualität“. Sie besonders brauchen Hilfe, wie Bokelmann meint. Und die bekommen sie: Erstmals nehmen am CSD in diesem Jahr homosexuelle Flüchtlinge teil, die von der Gruppe „Rainbow Refugees“ unterstützt werden.

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