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Neues Forschungsinstitut : Mit dem Streitbus in die Stadt

Grundsatzdiskussion: Auch über die Corona-Politik darf gestritten werden. Bild: dpa

Die Uni Frankfurt beteiligt sich am neuen Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Seine Wissenschaftler wollen Debatten ermöglichen - auch solche der unangenehmen Art.

          3 Min.

          Hilft Lob gegen Hass? Nicole Deitelhoff hält das für möglich, und Kollegen von ihr wollen der Frage nun wissenschaftlich nachgehen. Wie sich Verbal-Aggression im Internet bekämpfen lässt, ist ein Thema für das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das jetzt auch an der Uni Frankfurt seine Arbeit aufgenommen hat.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Umgangsformen in den sozialen Medien zu verbessern wäre gewiss im Sinne eines gut bürgerlichen Miteinanders. Wobei die Annahme, dass sich eine ordentliche Streitkultur im Netz allein mit Verboten durchsetzen lässt, nach Deitelhoffs Worten den Erkenntnissen der Sozialpsychologie widerspricht. Deshalb solle in dem „Hate Speech“-Projekt auch getestet werden, ob „formal-automatisierter Zuspruch bei zivilisierten Beiträgen“ einen günstigen Effekt habe. Die Politologieprofessorin kennt diesen Ansatz aus Diskussionen in Doktorandenkolloquien. „Dort gilt: Am Anfang musst du immer etwas Positives sagen.“

          40 Millionen Euro vom Bund für vier Jahre

          Den konstruktiven Meinungsaustausch in der Gesellschaft zu fördern ist eine der Aufgaben des neuen Instituts, das vom Bundesbildungsministerium über vier Jahre mit 40 Millionen Euro gefördert wird. Elf Standorte in zehn Bundesländern hat die Einrichtung; koordiniert wird ihre Arbeit an den Universitäten Leipzig, Bremen und Frankfurt. An der Goethe-Uni ist auch die Geschäftsstelle des Instituts ansässig. Deitelhoff gehört zu seinem Sprecherkreis; außer ihr bilden weitere neun „Principal Investigators“ das Frankfurter Leitungsteam: Soziologen, Philosophen, Rechts- und Politikwissenschaftler.

          Hilft Lob gegen Hass? Die Frankfurter Friedensforscherin Nicole Deitelhoff hält das für möglich
          Hilft Lob gegen Hass? Die Frankfurter Friedensforscherin Nicole Deitelhoff hält das für möglich : Bild: Wolfgang Eilmes

          Praxisnah wie die Untersuchung zur Hassrede sind auch andere Vorhaben des Instituts. Deitelhoff selbst wird sich damit beschäftigen, wie Konflikte um den Bau von Moscheen oder Flüchtlingsheimen gelöst werden können. Ob Planfeststellungsverfahren, Runde Tische und Bürgerwerkstätten bei umstrittenen Projekten für Ausgleich sorgen, will sie durch Studien an realen Beispielen, aber auch durch Rollenspiele mit ihren Studenten herausfinden. Ein anderes Forschungsprojekt soll zeigen, wie sich die Behandlung von migrationsbezogener Kriminalität etwa in den Medien auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung auswirkt.

          „Frei Schnauze“ über aktuelle Themen reden

          Wie Gesellschaften Differenzen austragen und trotzdem ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln können, ist laut Deitelhoff für die Frankfurter Forscher die übergreifende Frage. Antworten darauf erhofft sich die Professorin auch von drei Projekten, die in die Öffentlichkeit hineinwirken sollen. Das erste ist der Streitbus, den das Institut mit Unterstützung der Demokratie-Initiative „Mehr als wählen“ auf Tour schicken will. Vom nächsten Frühjahr an soll der Bus an verschiedenen Orten in Frankfurt halten und den Bürgern einen Raum bieten, in dem sie über aktuelle Themen reden können – „frei Schnauze“, wie es Deitelhoff ausdrückt.

          Schon im Herbst könnte zudem der Streitclub seine ersten Gäste begrüßen: Gedacht ist an Diskussionen mit je zwei Moderatoren und einem Gast, der auch gewagte Thesen vertreten darf. Schulklassen sollen die Gespräche verfolgen und dabei lernen, wie man Auseinandersetzungen gut moderiert. Das dritte Projekt trägt die Überschrift „Streit in der Wissenschaft“: Hier sollen, wie Deitelhoff sagt, „Kampfbegriffe“ – zum Beispiel Heimat – aufgegriffen werden, über die dann ein Gastredner referiert.

          „Natürlich wird das Ärger geben“

          Die Institutssprecherin ist sich im Klaren darüber, was auf die Universität zukommt, sollte sie oder ein Kollege es wagen, „rechte“ Gesprächspartner einzuladen – was unter „rechts“ zu verstehen ist, definieren selbsternannte Diskurswächter nach eigenem Gutdünken. Für manche fällt schon die islamismuskritische Ethnologin Susanne Schröter unter das Verdikt, andere sehen die Schmerzgrenze erreicht, wenn ein AfD-Politiker das Wort bekommen soll.

          „Natürlich wird das Ärger geben“, sagt Deitelhoff. Aber: „Unsere Aufgabe ist es nicht, jeder Gruppe an der Universität nach dem Mund zu reden.“ Selbst eine Saalblockade aus Protest gegen unliebsame Gäste „muss man aushalten können“. Die Professorin ist allerdings auch nicht versessen darauf, sich solch einen handfesten Konflikt inklusive möglichem Polizeieinsatz an die Hochschule zu holen, wie sie erkennen lässt: Das Institut sei mit der Stadt Frankfurt im Gespräch über geeignete Veranstaltungsorte außerhalb der Uni. Und eine Grenze würde Deitelhoff bei der Auswahl der Diskutanten zumindest für sich persönlich doch ziehen: „Personen, die systematisch die Rechte anderer missachten“, will sie nicht ans Mikrofon lassen. Man darf gespannt sein, wie viel Provokation auf dem Podium das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt noch für sozial verträglich erachtet.

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