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Neue Strukturen für Zahnmedizin : Frankfurter Carolinum in finanziellen Nöten

Ein besonderer Ort: Zahnmedizin-Studenten bei der Praxis im Frankfurter Carolinum Bild: Jens Gyarmaty

Das Carolinum, die Ausbildungsstätte der Frankfurter Zahnmediziner, wird von einer Stiftung getragen. Nun soll es zur Universitätsmedizin wechseln. Studenten fürchten um die Lehre.

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          Wenn die Frankfurter Zahnmedizinstudenten praktische Handgriffe üben, müsste ein Betreuer sechs Studenten überwachen. „Das erreichen wir schon lange nicht mehr“, sagt Alexander Korff. Mehr als 25 Prozent Überkapazität entstünden, weil sich Erstsemester einen Studienplatz im Frankfurter Carolinum erklagen. Rund 130 statt der vorgesehenen 100 Studenten fingen ihr Studium an - allerdings müssten bis zum Physikum auch etwa 25 Prozent wieder aufgeben, schätzt Korff. Er selbst studiert im zehnten Semester Zahnmedizin und ist Fachgruppenvorsitzender der angehenden Zahnärzte.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Weil er und seine Kommilitonen um ihr Studium fürchten, sind 40 von ihnen mit einem Brief an die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) nach Wiesbaden gefahren. Nicht nur die ihrer Meinung nach schlechte Betreuungsrelation missfällt den Studenten. „Momentan ist nicht klar, was aus dem Carolinum werden soll“, heißt es in ihrer Note. Hintergrund ist die besondere Struktur, die das Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Carolinum zu einer eigenständigen Institution innerhalb der Goethe-Universität macht. Noch. Sie ist getragen von einer Stiftung und gleichzeitig von der Gründung 1914 an ein Teil der Universität.

          Schon früher finanzielle Nöte

          Vor 120 Jahren ist das Carolinum von der Stifterin Hannah Luise Freifräulein von Rothschild gegründet worden, als Freiherrlich Carl von Rothschildsche Stiftung Carolinum. Arme Frankfurter konnten in der Zahnklinik und auf der allgemeinmedizinischen Krankenstation des Carolinums behandelt werden. Heute behandeln die Studenten dort zu günstigeren Preisen Patienten, was vom siebten Semester an Teil ihrer Ausbildung ist. Die ist ebenfalls schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Zweck der Stiftung. Wiewohl jüdischen Ursprungs, hat diese dank des Engagements ihrer Verwalter sogar den Nationalsozialismus überdauert. Auch finanzielle Notlagen ereilen das Carolinum nicht zum ersten Mal, und die Überbelegung kennt die Stiftung auch: 1920 mussten fast 200 statt der vorgesehenen 60 Studenten ausgebildet werden. Wenn es nach der Hochschule, dem Land und auch der Stiftung geht, gehört das Carolinum schon vom 1. Januar 2011 an ganz zum Fachbereich Medizin der Goethe-Universität. Vielleicht biete der Neuanfang die Möglichkeit, die Struktur der Einrichtung zu verändern, hoffen die Studenten.

          Dass so viele Studenten vor Gericht recht und damit einen zusätzlichen Studienplatz bekommen, liegt nämlich nach Meinung der Studenten an ungenügenden Kapazitätsberechnungen, die auf dem Jahr 1983 beruhen. Das sieht die Universitätsleitung anders - die Zahlen seien nach einem Urteil vom März dieses Jahres gerichtsfest. Im übrigen, so der Sprecher der Goethe-Universität, sei in einem „letter of intent“ schon 2008 die Übernahme festgelegt worden: Einvernehmlich heiße es darin, die Zahnmedizin sei ein wichtiger Teil der universitären Ausbildung, der auch weiterzuentwickeln sei. Schon seit mehreren Jahren gäben zudem die Universität, das Land und der Fachbereich Medizin insgesamt 450.000 Euro mehr, um das Defizit des Carolinums zu mindern.

          Defizit „im unteren sechsstelligen Bereich“

          „Die wissenschaftlichen Mitarbeiter für die Betreuung muss man bezahlen können - und das können wir nicht“, sagt Joachim Conradi, der Verwaltungsleiter des Carolinums. Zwischen 500.000 und einer Million Euro liegt seinen Angaben nach das jährliche Defizit - die Hochschulleitung sieht es eher „im unteren sechsstelligen Bereich“. Die Löhne etwa, so Conradi, seien in drei Jahren um 7,5 Prozent gestiegen, die Zuwendungen von Hochschule und Stiftung aber blieben seit Jahren gleich. Um das Defizit auszugleichen, müsste die Stiftung an ihre Substanz gehen - was schon laut Satzung nicht möglich sei. Deshalb soll das Carolinum abgegeben werden. Die Studenten fürchten, dass schon zum 1. Januar noch weniger wissenschaftliche Mitarbeiter für sie zuständig sein könnten - Verträge liefen aus, Neubesetzungen seien nicht vorgesehen, so Korff. Bald schon könnten verpflichtende Vorlesungen und Kurse ausfallen.

          Die Zusammenführung von Medizin und Zahnmedizin sei fest vorgesehen, sagte der Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, Ingmar Jung, gestern den Studenten. Es könnte aber noch Klärungsbedarf in einigen Punkten geben. Ein Vertrag zwischen Land, Stiftung und Universität müsste den Übergang besiegeln. Vielleicht ist dann Grund zum Feiern - der 150. Geburtstag der Stifterin Hannah Luise von Rothschild, geboren am 9. November 1850, ist in all der Aufregung nämlich untergegangen.

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