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Netzwerk Wohnen : Senioren im Blickfeld der Sensoren

Im hohen Alter noch selbstbestimmt sein: Das Projekt Netzwerk Wohnen hilft Senioren im Alltag. (Symbolbild) Bild: dpa

Alte Menschen sollen im Rheingau-Taunus-Kreis möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben können. Dabei kann moderne Technik den Senioren weiterhelfen.

          Selbstbestimmt und selbständig in den eigenen vier Wänden alt werden, das ist nicht nur der Wunsch der meisten Senioren. Auch die Kommunen und Wohlfahrtsverbände wollen vermeiden, dass ältere Bürger vorzeitig in ein Heim wechseln müssen. Doch die heimischen vier Wände sind selten auf betagte Bewohner vorbereitet. Manches kann nur mit großem Aufwand verändert werden, andere Dinge hingegen können mit überschaubaren Kosten so umgestaltet werden, dass Senioren auch bei zunehmenden körperlichen Einschränkungen gut in ihrer Wohnung zurechtkommen.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Einschätzung, was technisch und baulich möglich ist und was nicht, ist allerdings eine Aufgabe für Fachleute. Doch Analysen und Expertisen sind teuer. Die Städte Geisenheim und Taunusstein haben deshalb vor vier Jahren als Modellstandorte eine ehrenamtliche Wohnberatung aufgebaut.

          Die Projektphase verlief so erfolgreich, dass das „Netzwerk Wohnen“ 2017 nicht nur einen Förderpreis des hessischen Sozialministeriums erhalten hat. Vielmehr wurde die unbefristete Fortsetzung des Beratungsprojekts beschlossen, und mit Aarbergen, Eltville, Oestrich-Winkel, Walluf, Waldems und Kiedrich kamen sechs weitere Kommunen hinzu, so dass eine kommunale Arbeitsgemeinschaft gegründet wurde. Taunussteins Bürgermeister Sandro Zehner (CDU) hofft, dass sich mittelfristig alle 17 kreisangehörigen Kommunen beteiligen.

          Innenminister kommt zu Besuch

          Denn das Projekt ist aus Sicht aller Beteiligten erfolgreich. Inzwischen haben sich 54 Wohnberater für ihre Aufgabe qualifizieren lassen. Jeweils zwei besuchen auf Wunsch die alten Leute in ihren Wohnungen und Häusern, analysieren die Wohnsituationen und geben Ratschläge und Tipps, auch im Hinblick auf öffentliche Fördertöpfe. So können beispielsweise für den Umbau von Bädern und Küchen bis zu 5000 Euro beantragt werden, für den Einbau von Aufzügen sogar bis zu 6000 Euro. Für eine Wohnung können bis zu 12.500 Euro innerhalb von fünf Jahren abgerufen werden. Es gibt zudem Förderprogramme der KfW-Bank und Zuschüsse der Krankenkassen zu Hilfsmitteln wie Badewannenliftern und Duschstühlen.

          Das Beratungsprojekt hat auch das Land überzeugt. Innenminister Peter Beuth (CDU) war kürzlich nach Taunusstein gekommen, um den Vertretern der acht Kommunen und des Netzwerks Wohnen einen Zuschussbescheid in Höhe von 100.000 Euro für fünf Jahre zu überreichen. Das Geld dient der Aus- und Fortbildung und stammt aus dem Landesausgleichsstock. Der Zuschuss würdigt laut Beuth eine ungewöhnliche Art der interkommunalen Kooperation. „So etwas hatten wir in Hessen noch nicht“, sagte Beuth, denn üblicherweise erstrecke sich die interkommunale Kooperation auf Infrastruktureinrichtungen wie gemeinsame Bauhöfe und Feuerwehrhäuser.

          Partnerschaften werden forciert

          Auch im Fall des Netzwerks Wohnen musste dem Ministerium allerdings ein „Effizienzgewinn“ nachgewiesen werden, also eine finanzielle Ersparnis durch enge Zusammenarbeit. Diese Ersparnis wurde auf 104.000 Euro jährlich und damit 56 Prozent der Gesamtkosten taxiert, was ein vergleichsweise hoher Wert ist. Beuth lobte den Landkreis für seine vielfältigen Initiativen zur interkommunalen Zusammenarbeit. Seit 2008 habe das Land die Anstrengungen schon mit mehr als einer Million Euro belohnt. Das sei im hessenweiten Vergleich überdurchschnittlich. In der Zukunft will sich das Netzwerk auch dem Thema Digitalisierung und „Smart Home“ zuwenden. Dazu bedarf das Netzwerk aber Kooperationen und Partnerschaften wie mit der Wiesbadener Eswe.

          Das Unternehmen der Landeshauptstadt sieht sich inzwischen schon auf dem Weg vom „Versorger zum Fürsorger“ und eröffnete vor wenigen Wochen ein neues Geschäftsfeld mit einem Assistenz-System, das es älteren Menschen und Menschen mit Handicap ermöglichen soll, selbstbestimmt im eigenen Haus zu bleiben, ohne dass sich die Familie Sorgen machen muss.

          Das technische System kann zwar nicht Pflege, Betreuung und soziale Kontakte ersetzen. Es soll aber als „flankierende Maßnahme“ die Sicherheit der alten Menschen stärken. Das System funktioniert auf der Basis von Bewegungsmeldern und Türsensoren und soll viel mehr leisten als ein klassischer Hausnotruf. Es gleicht jeweils erfasste Aktivitäten mit dem gewöhnlichen Tagesablauf der umsorgten Person ab. Auf einer App können sich Angehörige anhand einer grünen Statusmeldung versichern, dass bei Oma und Opa alles in Ordnung ist.

          Sollten Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf registriert werden, dann werden die Angehörigen durch gelbe oder rote Meldungen auf der App darüber informiert und können schnell nachhören und handeln. Eswe wirbt für das „in Deutschland bislang einmalige Angebot“ mit dem Motto „Wissen, dass es Mutti gut geht!“. Deren Rundum-Kontrolle ist schon von 60 Euro an monatlich möglich.

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