https://www.faz.net/-gzg-qw53

Netzwelt : Wikipedia kommt nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Jimmy Wales in Frankfurt Bild: dpa/dpaweb

Der Gründer der erfolgreichen Internetseite Wikipedia trifft sich mit anderen Hobby-Enzyklopädisten zur ersten Konferenz in Frankfurt. Schüler, Professoren und Internetlegenden pilgern in die Mainmetropole.

          3 Min.

          „Wikiwiki“ ist das hawaiische Wort für „schnell“. Es stand Pate für die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die ihrem Namen gerecht wird und rasend schnell wächst. Seit das kostenlose Online-Nachschlagewerk vor vier Jahren gegründet wurde, haben Heerscharen von freiwilligen Helfern mehr als zwei Millionen Artikel zusammengetragen. Es finden sich Einträge in Weltsprachen wie Englisch und Arabisch, aber auch in raren Idiomen wie Plattdeutsch und Südsee-Kreolisch. Bald wird die globale Kommune der Wissenssammler auch mit einigen Eigenheiten des Hessischen vertraut werden. Denn vom 4. bis 8. August gastiert der Träger von Wikipedia, die Wikimedia Foundation, in Frankfurt, um seine erste internationale Konferenz abzuhalten.

          „Es ist höchste Zeit, mal ein solches Treffen zu veranstalten“, sagt Jimmy Wales, der Gründer der Enzyklopädie. Mit der Wikipedia-Seite hat er eine Plattform entwickelt, auf der jeder Internetbenutzer zu verschiedenen Themen Artikel schreiben kann (F.A.Z vom 4.Juni). Dieses Konzept ist äußerst erfolgreich. Wikipedia gehört zu den hundert meistbesuchten Adressen im weltweiten Netz. In Deutschland wurde die Enzyklopädie kürzlich mit dem Online Award des Adolf Grimme Instituts ausgezeichnet.

          Von freiwilligen Helfern aufgebaut

          Das Projekt ist rein spendenfinanziert und verdankt seinen Erfolg dem Engagement von Tausenden Freiwilligen, welche die Wissenssammlung ständig erweitern und überwachen und sich „Wikipedianer“ nennen. „Unter den Helfern finden sich Rentner, Hausfrauen und Kinder, die verschiedensten Leute“, sagt Wales. „Doch die meisten Wikipedianer sind Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die in technischen Berufen arbeiten.“

          Diese Beschreibung paßt auf Arne Klempert. Er arbeitet als Programmierer in Königstein, in seiner Freizeit hilft er ehrenamtlich beim Ausbau von Wikipedia. Etwa drei Stunden am Tag verfaßt Klempert Artikel, überprüft die Enzyklopädie auf Fehlinformationen und übernimmt organisatorische Aufgaben. In der jüngsten Zeit war er mit der Vorbereitung der Frankfurter Konferenz beschäftigt, für die er der ortsansässige Koordinator ist.

          „Eroberung der Medien durch die Bürger“

          Klempert freut sich auf den persönlichen Austausch mit den anderen Wissenssammlern, mit denen er ansonsten vor allem per E-Mail kommuniziert. Auf der Konferenz werde man sich unter anderem mit der Zukunft von Wikipedia, der Software und neueren Projekten, wie dem ähnlich konzipierten Wiki-Nachrichtendienst, befassen. Auch die soziologischen Aspekte der „Eroberung der Medien durch die Bürger“ sollen diskutiert werden.

          Bekannte Koryphäen der gesellschaftswissenschaftlichen Welt werden auf der Konferenz allerdings nicht erwartet. Auch Politiker hätten sich noch nicht gemeldet, sagt Klempert. Dafür werden einige Größen der Internetkommune teilnehmen, unter anderen der in der Szene legendäre Gründer der Free-Software-Foundation Richard Stallman und der Wikipedia-Initiator Wales. Etwa 400 Teilnehmer aus aller Welt hätten sich angemeldet, sagt Klempert. Er erwartet eine bunte Mischung von Besuchern: „Vom Schüler bis zum Professor haben wir alles dabei.“

          Frankfurt als prädestinierter Tagungsort

          Unterbringungs- und Tagungsort ist das Haus der Jugend am Deutschherrnufer in Sachsenhausen. Dessen gutes Raumangebot habe dazu beigetragen, sich für Frankfurt als Tagungsort zu entscheiden, sagt Klempert. Sein amerikanischer Kollege Wales nennt weitere Gründe, die Konferenz hier abzuhalten: „Wir wollten nach Europa gehen, weil sich dort viele Untergruppen in den verschiedenen Sprachen gebildet haben, deren Erfahrungsaustausch sicher fruchtbar ist.“ Frankfurt sei durch seine zentrale Lage auf dem „alten“ Kontinent und seinen internationalen Flughafen ein perfekter Ort für ein internationales Treffen. Außerdem habe die gute Organisation und die große Zahl der deutschen Wikipedianer eine Rolle gespielt, in Hessen zu konferieren. Nach Englisch sei Deutsch die wichtigste Sprache der Internet-Enzyklopädie. Täglich steige die Zahl der deutschsprachigen Artikel um etwa 400 an.

          Beim bekanntesten deutschen Anbieter kostenpflichtiger Enzyklopädie-Informationen sieht man den Aufstieg der Internetseite relativ gelassen. Beim Brockhausverlag heißt es, Wikipedia stelle keine wirkliche Konkurrenz dar, weil man sich auf die Informationen, die dort zu finden seien, nicht unbedingt verlassen könne. Doch dem, der sich nur in althergebrachten Nachschlagewerken informiert, bleibt manches Detail verborgen, das im Netz verraten wird. So finden Konferenzbesucher, die sich bei Wikipedia über Frankfurt erkundigen, im entsprechenden Beitrag neben Informationen über die Stadtgeschichte, Geographie und Kultur auch die Rubrik „Skurriles“. Dort wird auf die „Frankfurt-Offenbach-Witze“ hingewiesen, denen ein eigener, mit zahlreichen Beispielen versehener Artikel gewidmet ist. In einem herkömmlichen Lexikon wird man einen solchen Eintrag wohl auch in Zukunft nicht finden können.

          Weitere Themen

          Wie man eine Bierflasche auftreten kann Video-Seite öffnen

          Geht doch : Wie man eine Bierflasche auftreten kann

          Es gibt viele Möglichkeiten, Bierflaschen aufzumachen. Mit dem Feuerzeug, am Bierkasten oder auch mit dem zwölfer Schraubschlüssel aus der Werkzeugkiste. Es geht aber auch spektakulärer, wie F.A.Z.-Redakteurin Marie Lisa Kehler zeigt.

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Die Demographie-Falle beim Klimawandel

          11 Milliarden Menschen könnten bis zum Ende des Jahrhunderts auf dem Planeten leben. Fürs Klima ist das fatal – doch gerade für Industrieländer zeigt die Demographie einen ungeahnten Hoffnungsschimmer.
          Verabschiedung der Fregatte „Bayern“ am 2. August in Wilhelmshaven

          Indopazifik-Reise : Fregatte Bayern ankert in Perth

          Kurz nach der Verkündung eines neuen Sicherheitspakts im Indopazifik zeigt auch Deutschland in der Region Flagge gegenüber China.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.