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Naturschutzreferent Norgall : „Die Ressourcen sind begrenzt“

Vorratssäcke: Damit Stadtbäume, wie hier auf dem Goetheplatz, die heißen Sommer überstehen, werden sie bewässert – mit Trinkwasser. Bild: Max Kesberger

Trinkwasser ist auch in der Rhein-Main-Region wertvoll. Doch verschwendet Frankfurt kostbare Nass aus einem anderen Gebiet? Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen, äußert sich, ob die Kritik berechtigt ist.

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          Die Initiatoren der Mahnwache auf dem Römerberg kritisieren: Frankfurt verbrauche zu viel Wasser und schädige damit vor allem Wälder und Natur im Vogelsberg. Ist Frankfurt zu durstig?

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurt verbraucht in jedem Fall viel mehr Wasser als es auf eigenem Stadtgebiet fördert. Es nutzt Wasser aus dem Hessischen Ried und es lebt von Wasserimport aus dem Vogelsberg und aus Mittelhessen. Diese Importe sollte man langfristig reduzieren.

          Der Vorwurf lautet, dass die stark wachsende Stadt Frankfurt nicht nur mehr Wasser verbraucht, sondern dass die Metropole und der Ballungsraum Grundwasser verschwenden. Haben die Kritiker recht?

          Man hat in den vergangenen 20 Jahren vergessen, weitere Anstrengungen zur sparsamen Wasserverwendung zu unternehmen. Gerade in Zeiten des Klimawandels müssen wir aber wieder zurück zur aktiven Wassersparpolitik. Wir müssen mit Brauch- und Regenwasser ganz anders umgehen. Eine große Einsparmöglichkeit ist, sukzessive einen völlig unabhängigen, zweiten Brauchwasserstrang in die Wasserversorgung einzubauen, so dass wir Leitungen mit Trinkwasser haben, mit höchster Wasserqualität, mit dem wir sparsam umgehen, und Leitungen mit Brauchwasser, um Gärten zu bewässern und/oder es für Toilettenspülungen einzusetzen.

          Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen
          Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen : Bild: Helmut Fricke

          In den neunziger Jahren hat Frankfurt eine große Wassersparkampagne initiiert. Fachleute sagen, der Pro-Kopf-Wasserverbrauch ist kaum noch zu verringern. Waschmaschinen, Duschen, Toiletten funktionieren extrem wassersparend.

          Die Installation des zweiten Leitungssystems für Brauchwasser ist ein ganz wichtiges Element, um weniger Trinkwasser zu verbrauchen. Gleichzeitig muss Frankfurt nachdenken, wie es selbst mehr Trinkwasser gewinnen kann. Dazu müsste das Grundwasser im Stadtwald noch weiter mit Mainwasser angereichert werden, um die Fördermengen zu erhöhen. Das sind zwei wesentliche Steuerungsgrößen. DieFachwelt diskutiert sie, aber sie erreichen noch nicht die politische Öffentlichkeit. Es bleibt bei der Diskussion in den Hinterzimmern der Experten. 2021 sind Kommunalwahlen, da ist der Wettbewerb der Tüchtigen eigentlich gefragt.

          Brauchwasser in Wohnhäusern einzusetzen setzt voraus, dass Regenwasser in Zisternen aufgefangen und das zweite Leitungsnetz gebaut wird. Das macht das Bauen noch teurer.

          Man sollte es zunächst für Neubauten vorschreiben. Ob es das Bauen tatsächlich teurer macht, muss man sehen. Eines steht jedoch fest: Wenn wir uns jetzt nicht damit auseinandersetzen, dass unsere Ressourcen begrenzt sind, werden die Probleme später noch größer. Die beiden vergangenen Sommer waren mit extremen Dürren verbunden.

          Die Mahnwache suggeriert, es gebe einen Stadt-Umland-Konflikt beim Wasser. Richtig ist doch aber, dass überall im Sommer die Rasen gesprengt, die Swimmingpools, so klein sie auch sind, mit Trinkwasser gefüllt werden.

          Natürlich sind viele Bürger völlig falsch orientiert, wenn sie mitten in der Dürre ihre Gärten bewässern, damit ihr Rasen grün ist. Das ist ökologisch nicht mehr haltbar. Da müssen wir umdenken. Und zwar gleichgültig, wo wir im Rhein-Main-Gebiet sind. Ein Rasen muss auch mal braun werden dürfen. Wenn es regnet, treibt der wieder grün aus. Die Situation, die wir im letzten Jahrhundert hatten, ist vorbei. Rhein-Main wird insgesamt immer mehr zum Wassermangelgebiet.

          Im heißen Sommer 2018 ist ein Streit zwischen der Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig und der Schutzgemeinschaft Vogelsberg entbrannt: Heilig hatte die Frankfurter aufgerufen, die Straßenbäume zu gießen – mit Trinkwasser. Daraufhin hieß es aus dem Vogelsberg, damit Frankfurt seine Bäume behalte, werde im Vogelsberg die Natur geschädigt. Wie sehen Sie das als BUND?

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