https://www.faz.net/-gzg-11blh

Nachtbusse in Frankfurt : Die kritischste Zeit ist um drei

Nachtbusse in Frankfurt: Zwischen Nachtarbeitern und Nachtschwärmern fahren immer mal wieder Gäste mit, die nicht so friedfertig sind Bild: Franz Bischof

Wenn Frankfurt ruht, sind die Nachtbusfahrer unterwegs. Sie chauffieren Nachtschwärmer, Nachtarbeiter – und manchmal auch Kundschaft, die nicht so friedfertig ist.

          4 Min.

          Als der Bus gegen halb eins auf den Parkplatz am Börneplatz rollt, stellt sich Alexander Herzen an die Straße und zündet sich eine Zigarette an. Er lehnt sich an den Bus, in seinem gestreiften Hemd und der dünnen Strickjacke mit der Aufschrift „VGF“, und nimmt einen tiefen Zug. Es ist kalt in dieser Nacht, aber Herzen ist froh, wenn er ein wenig frische Luft atmen kann. In sieben Minuten wird er in den Bus steigen und durch die Stadtteile fahren. Vom Börneplatz bis zum Lokalbahnhof, weiter durch Sachsenhausen bis nach Niederrad, Goldstein, Schwanheim, Nied und Höchst.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Windschutzscheibe ist sein Fenster zur Welt

          Bis halb fünf Uhr morgens wird er die Stadt bei Nacht erleben, durch eine ein Mal zwei Meter große Scheibe, die seit acht Jahren sein Fenster zur Welt ist. Die Welt, sagt Herzen, sei komisch geworden. Früher hätten die Menschen noch „Guten Abend“ gesagt und die Fahrscheine unaufgefordert vorgezeigt. Heute müsse er die Kunden erst daran erinnern, dass die Fahrten im öffentlichen Nahverkehr nicht kostenfrei sind. „Und dann schimpfen die auch noch. Sagen, sie hätten ihr ganzes Geld in der Kneipe verprasst. So ist sie heute, die Welt.“

          Es fängt an zu nieseln, als Herzen über die Alte Brücke fahrt. Die Hochhäuser werden kurz sichtbar, mit jedem Meter Richtung Sachsenhausen schrumpfen sie. Der Main schlängelt sich unter der Brücke hindurch wie ein schwarzes Band. „Mein Chef hat gesagt, mit Betrunkenen sollte man besser Späße machen, dann werden sie nicht so schnell aggressiv“, sagt Herzen, während der Bus am Affentorplatz vorbeirollt. „Diesem Rat folge ich, und ich glaube, es hilft.“

          Am Südfriedhof steigen vier junge Männer ein, setzen sich auf einen Vierersitz weiter hinten im Bus. Sie reden laut und schnell. Herzen hält an einer Ampel und lässt einen Fußgänger passieren, der langsam über die Straße schlurft. An der nächsten Haltestelle steigen drei der Jungen aus. Der, der zurückbleibt, schaut aus dem Fenster, steckt sich die Kopfhörer in die Ohren und hört Musik.

          „Die meisten Fahrgäste sind ja ganz in Ordnung“, sagt Herzen. „Sie wollen einfach nur von A nach B und sind froh, wenn sie angekommen sind.“ Dennoch passiere immer mal wieder etwas. So wie vor einigen Wochen, als ein Kollege während einer Nachtfahrt angegriffen und erheblich verletzt worden war. „Ich habe mich schon gefragt, was ich in so einer Situation tun würde. Wie reagiert man, wenn man weiß, dass es jetzt brenzlig wird?“ Wahrscheinlich würde er versuchen, mit den Leuten zu reden, sagt Herzen. „Aber wenn auch das nichts nützt, kann man wohl nicht mehr viel tun.“

          Kein Geld für den Fahrschein

          Zwei größere Vorfälle hat er bisher erlebt. Einmal hätten zwei Betrunkene eine Scheibe mit dem Nothammer zerschlagen, ein anderes Mal sei eine ältere Frau im Bus gestürzt und ohnmächtig geworden. „Ich habe nur gedacht: Bitte, lieber Gott, lass die Oma hier nicht sterben.“ Er hatte per Notknopf die Zentrale benachrichtigt, der Krankenwagen war innerhalb weniger Minuten da. „So etwas nimmt einen mit“, sagt Herzen. „Das brauche ich nicht jeden Tag.“ Der Siebenunddreißigjährige mag die Nachtfahrten, meldet sich meistens sogar freiwillig für die Schicht, damit er tagsüber Zeit für seine Familie hat. Den Busführerschein hat er vor acht Jahren gemacht. Früher einmal war er Lastwagenfahrer für eine Milchfabrik, dann hat er als Kurier Pakete transportiert. Aber Menschen, sagt er, seien ihm lieber. Auch wenn es mit ihnen nicht immer einfach sei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.
          Niederlage für Boris Johnson: Das House of Lords votiert für eine Anpassung seines Brexit-Gesetzes zum Bleiberecht für EU-Ausländer in Großbritannien.

          Anpassung des Brexit-Gesetzes : Johnson erleidet Schlappe im Oberhaus

          Das House of Lords will die rund 3,6 Millionen europäischen Ausländer in Großbritannien stärker schützen – und erteilt den Brexit-Plänen des Premiers in diesem Punkt eine Absage. Nun entscheidet das Unterhaus. Droht ein Ping-Pong-Prozess?

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.