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Nachlass Joseph von Eichendorf : Ewige Klänge

Handschriftenblatt: die ersten Arbeiten Eichendorffs am berühmten Gedicht „Wünschelrute“ Bild: Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum

Das Freie Deutsche Hochstift hütet den handschriftlichen Entwurf eines berühmten Gedichts aus dem Nachlass Joseph von Eichendorffs. Ein Besuch im Allerheiligsten des Goethe-Museums.

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          Es liest sich leicht, geradezu schwerelos, aber es war richtige Arbeit. Was heute unter dem Titel „Wünschelruthe“ in der historisch-kritischen Ausgabe der Eichendorff-Werke abgedruckt ist, sieht im ersten handschriftlichen Entwurf ganz anders aus. Kein Vierzeiler mit Kreuzreim und vierhebigen Trochäen, sondern die ersten beiden Quartette eines Sonetts in holprigem Metrum unter dem Titel „Musik“, gefolgt von fünf Zeilen, die zu zwei Terzetten werden sollten: „Es schläft ein Lied (oder wunderbare Melodie) in allen Dingen / Viele Jahrhunderte lang, / Und sie heben an zu singen, / Wie Säuseln von Schwingen, / Triffst du den rechten Klang.“ Über dem Eingangs-„Es“ steht das Wort „Verzaubert“, neben dem Fünfzeiler eine Notiz: „Der Dichter soll den Zauber lösen – Sieh zu, daß du triffst den rechten Klang.“ So sprechen lyrisches Ich und Verfasser mit sich selbst.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Freie Deutsche Hochstift hütet die größte Sammlung von Eichendorff-Autographen weltweit: knapp 2000 Seiten. Zwischen den blauen Rollmagazinen im Handschriftenarchiv hat Konrad Heumann eine Mappe für Großfolioblätter geöffnet. In schwarzer dokumentenechter Eisengallustinte und steiler, zackiger deutscher Kurrentschrift ist da zu lesen, wie sich der preußische Beamte Joseph von Eichendorff 1835 mit seinem Text abgemüht hat, der heute als lyrisches Manifest der deutschen Romantik gilt. Generationen von Schülern haben über ihm gebrütet, genauer: über dem, was von ihm übrig blieb und im „Deutschen Musenalmanach“ 1838 erstmals abgedruckt wurde: „Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.“ Über die Verse hat der Herausgeber Adelbert von Chamisso das Wort „Wünschelruthe“ gesetzt, das von Eichendorff gar nicht vorgesehen war. Aber die historisch-kritische Ausgabe hat es so übernommen.

          Eine Metapher für die Intuition

          Was ist die Wünschelrute? Darüber kann man mit Heumann ins Disputieren geraten. Schließlich ist er als Leiter der Handschriftenabteilung im Allerheiligsten des Hochstifts verpflichtet, jede Aussage Wort für Wort zu belegen. Und es liegt nun einmal keine Korrespondenz zwischen Eichendorff und Chamisso vor. Kannte Chamisso womöglich jenen Eichendorff-Text aus der „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“, mit dem ihm der Dichter gewollt oder ungewollt Interpretationshilfe leistete? „Denn das Gefühl ist hier nur die Wünschelruthe, die wunderbar verschärfte Empfindung für die lebendigen Quellen, welche die geheimnisvolle Tiefe durchranken . . .“, heißt es dort. Heumann spekuliert nicht gern. Wir einigen uns darauf, dass Eichendorffs und Chamissos „Wünschelruthe“ eine Metapher für die Intuition ist.

          Was ist überhaupt eine Wünschelrute? Ein gegabelter Haselzweig, dem seit jeher Zauberkraft nachgesagt wird. Denn die Hasel war ein Strauch der weißen Magie und gehörte zu den heiligsten Gehölzen der Kelten und Germanen. Den Kelten galt sie als Strauch der Poeten, ihre Nüsse verliehen Dichtern und Magiern Inspiration. Ihr Abholzen wurde in Irland mit der Todesstrafe geahndet. Bei uns hallt ihr Zauber im Märchen vom „Aschenputtel“ nach, das die Brüder Grimm 1812 unter die Leser gebracht hatten. Mit einem Haselstecken ließen sich Schlangen bannen, mit einem gegabelten Haselzweig Quellen und Schätze finden – auch im übertragenen Sinne.

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