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Nachbarschaftsstreit : Im Irrenhaus

Tunnelblick: Die streitenden Parteien in diesem Haus in Frankfurt-Nieder-Eschbach scheinen unversöhnlich Bild: Frank Röth

Ein Rentner in Nieder-Eschbach fühlt sich von seinen Nachbarn schikaniert. Jetzt soll er enteignet werden. Die Deutsche Annington will die Wohnung in dem Frankfurter Stadtteil zwangsversteigern.

          Die Nacht vom 8. auf den 9. August 2009 ist besonders hart. Wieder einmal findet das Ehepaar nur mühsam in den Schlaf. Seit Monaten geht das so: Mal drehen die Nachbarn nach Mitternacht die Musik auf, mal donnert jemand offenbar mutwillig an die Heizungsrohre direkt über ihrem Schlafzimmer. Um 23.15 Uhr ruft jemand vom Balkon: „Soll ich runterkommen, du blöde Kuh? Ich mache dich platt!“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So steht es im Lärmprotokoll von Herrn und Frau Popow, die ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten. Herr Popow macht nicht den Eindruck, als denke er sich das aus. Der höfliche, grauhaarige Herr wirkt wie ein Schaf unter Wölfen - er wohnt mit den falschen Leuten in einem Haus.

          Er führt ein Lärmprotokoll, sie wird bespuckt

          Seit Jahren hat sich die Lage in dem Mehrparteienhaus zugespitzt, unter dessen Dach vier Mieter und zwei Eigentümer leben. Popow führt seit drei Jahren ein Lärmprotokoll, beschwerte sich ein ums andere Mal bei der Deutschen Annington, der die Mietwohnungen in dem Haus gehören. Als seine Frau von der Nachbarin bespuckt und als „Arschloch“ beschimpft wurde, hat er die Polizei eingeschaltet. „Wir haben seit drei Jahren keine Nacht richtig geschlafen“, sagt er.

          Jetzt soll Herr Popow seine Wohnung aufgeben. Der Eigentümer der Mietwohnungen, die Deutsche Annington, strengt einen Beschluss an, er lautet auf Zwangsenteignung. Die Nachbarn hatten sich ihrerseits über ihn beschwert. Angeblich beleidigt Herr Popow sie, dreht morgens um 5.30 Uhr die Musik auf. „Music Power Bass“, haben sie in einem Protokoll notiert. „Um die Uhrzeit schlafe ich noch“, sagt Herr Popow. Das Ehepaar sieht sich als Opfer einer Intrige. „Das ist eine Inszenierung“, glaubt Popow.

          Lange Gebäuderiegel aus den Nachkriegsjahren

          Die Siedlung in Nieder-Eschbach sieht so verschlafen und unauffällig aus wie viele andere: lange Gebäuderiegel aus den Nachkriegsjahren, dazwischen Rasen mit weißen Wäschestangen. Auf dem Bürgersteig führt eine Frau ihren Hund aus. Auch ihre Unterschrift stehe auf der Liste, mit der sich die Nachbarn über sie beschwert hätten, sagt Popow. „Dabei wohnt sie gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Ich habe noch nie mit ihr geredet.“

          Herr Popow ist vor fast zwanzig Jahren aus Russland eingewandert. Bis 2002 lebte er im Gallusviertel, kaufte dann als Altersvorsorge die leerstehende Wohnung in Nieder-Eschbach, die damals noch der Viterra AG gehörte. „Sie war in einem schrecklichen Zustand“, erinnert er sich. „Aber der Schnitt gefiel mir.“ Er renovierte selbst. 2005 übernahm die Deutsche Annington die Viterra und ihren Wohnungsbestand.

          Der 65 Jahre alte Rentner hat in Kiew an der Hochschule Kunstgeschichte gelehrt. Das ist der Wohnung anzusehen. Sie ist eine kleine Galerie. Ikonen und kunstvoll bemalte Porzellanteller hängen an der Wand, alte Gläser stehen in der Vitrine. Im Fernsehen läuft bei leiser Lautstärke Damenfußball.

          „Wir leben wie in einem Irrenhaus“

          Popow hat einen Doktortitel, ein schönes Auto und verreist gerne. Das spielt vielleicht deshalb eine Rolle, weil dem Streit vermutlich auch Sozialneid zugrunde liegt. „Wir leben wie in einem Irrenhaus“, sagt Popow. Die Herkunft der Menschen sei ihm egal, nicht aber das kulturelle Niveau. „Wir sind wie schwarze Schafe.“ Ein mit den Umständen vertrauter Beobachter hat den Eindruck, dass die Hausgemeinschaft unglücklich zusammengesetzt ist: „Gebildete Leute mit exzellenten Manieren leben in einer Gemeinschaft mit Leuten, die gröber gestrickt sind.“

          Schon früh fingen die Probleme an. Popow war der erste Eigentümer in dem Mehrparteienhaus. Die Mieter distanzierten sich, eine Nachbarin streute Gerüchte. Von ihrem Mann fühlt sich Popow schikaniert: Der habe schon mit Fäusten gegen die Tür gedonnert oder ihn im Hausflur nicht passieren lassen.

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