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Nach Tod eines Skaters : Eltern des toten Skaters akzeptieren Anklage nicht

  • -Aktualisiert am

Blumen und Kerzen erinnern in Frankfurt-Rödelheim an den bei einem Unfall getöteten jungen Skater Bild: Helmut Fricke

Ihr 14 Jahre alter Sohn starb nach einem tragischen Verkehrsunfall in Frankfurt-Rödelheim. Die Eltern des getöteten Skateboard-Fahrers und ihr Anwalt fordern jetzt einen Prozess - nicht nur wegen Unfallflucht.

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          Der Anwalt der Eltern, deren 14 Jahre alter Sohn Marc im Dezember vergangenen Jahres an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Rödelheim gestorben war, hat vergangenen Freitag beim Frankfurter Amtsgericht Beschwerde gegen die Eröffnung des Hauptverfahrens eingelegt. Der Anwalt schätzt die Anklageschrift der Frankfurter Staatsanwaltschaft als „fehlerbehaftet“ ein. Die Anklage legt dem Autofahrer lediglich Unfallflucht zur Last, nicht jedoch unterlassene Hilfeleistung oder gar fahrlässige Tötung.

          Für den Unfall, der sich am 12. Dezember auf der Sternbrücke im Frankfurter Stadtteil Rödelheim ereignete, gibt es keine Augenzeugen. Passanten berichteten jedoch, dass der Unfallfahrer nach der Kollision kurz ausgestiegen sei, den schwerverletzten Jungen betrachtet und anschließend seine Fahrt fortgesetzt habe. Aufgrund der stark beschädigten Windschutzscheibe des Wagens konnte der Fahrzeughalter ausfindig gemacht werden. Er erklärte aus Sicht der Strafverfolger überzeugend, dass sein 25 Jahre alter Sohn Serkan gefahren sei.

          Wegen Raubes und Menschenraubes verurteilt

          Dieser war 2006 wegen schweren Raubes und erpresserischen Menschenraubes zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren Haft verurteilt worden. Zur Zeit des Unfalls stand er unter Bewährung. Im vergangenen Jahr machte er sich außerdem der Fahrerflucht nach Sachbeschädigung schuldig. Serkan K. schweigt bislang zu den Vorwürfen, die den Unfall mit Marc betreffen. Ein blutiger Fingerabdruck auf der Folie, mit der die Windschutzscheibe abgeklebt worden war, ist jedoch ein wichtiges Indiz gegen ihn. Nachdem er per Haftbefehl gesucht wurde, stellte sich Serkan K. der Polizei; sechs Tage waren seit dem Unfall vergangen.

          Im März klagte die Frankfurter Staatsanwaltschaft den zur Tatzeit 25 Jahre alten Serkan K. an, „sich als Unfallbeteiligter nach einem Unfall im Straßenverkehr vom Unfallort entfernt zu haben“, ein Vergehen, das mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden kann. Wie in der Anklageschrift ausgeführt wird, sieht die Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht für eine fahrlässige Tötung. Das begründete sie mit den unfallanalytischen Gutachten eines Ingenieurs, der ermittelt habe, dass die Kollision für den Angeschuldigten „nicht vermeidbar“ gewesen sei. Ferner kommt die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift zu dem Ergebnis, dass der Tod des Jungen „auch bei einer direkten Benachrichtigung der Rettungskräfte durch den Angeschuldigten selbst nicht abzuwenden gewesen“ sei.

          Unfallverlauf „nur eingeschränkt“ zu rekonstruieren

          In dem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft in das Ergebnis ihrer Ermittlungen einfließen ließ, heißt es, der Unfallverlauf könne „nur eingeschränkt“ rekonstruiert werden. Allerdings erwähnt der Sachverständige auch technische Indizien, die darauf hin deuteten, dass sich der jugendliche Skateboardfahrer „so lange auf der Fahrbahn befand, dass der Pkw-Fahrer Abwehrmöglichkeiten hatte und nicht nutzte, weil er unaufmerksam war, wozu auch das ungebremste Erfassen passt“. Offen ist damit, ob dem Autofahrer ein Verschulden nachzuweisen ist. In dem Gutachten heißt es weiter: „Allein anhand dieser Indizien kann aber nicht bewiesen werden, dass er (der Autofahrer) den Unfall hätte vermeiden können.“

          Für die Eltern des getöteten Gymnasiasten und deren Anwalt ist unverständlich, weshalb die Staatsanwaltschaft diese Gutachten dahingehend interpretiert, dass die Kollision für den Autofahrer „nicht vermeidbar“ gewesen sei. Ferner bemängeln sie, dass der mutmaßliche Fahrer nicht auch zumindest wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt ist. Ihr Anwalt weist darauf hin, dass nach dem Gesetz Hilfe geleistet werden müsse, sofern dies nicht „anderweitig sofort“ geschehe oder aber die Hilfe von „vornherein aussichtslos“ sei. Dieser Fall sei beispielsweise dann gegeben, wenn das Opfer bereits offensichtlich tot sei. Marc jedoch starb nicht am Unfallort, sondern erlag seinen Verletzungen rund zwei Stunden später im Universitätsklinikum. Der Staatsanwaltschaft komme die Aufgabe zu, wegen aller verfolgbaren Straftaten einzuschreiten, meint der Anwalt.

          Unterlassene Hilfeleistung schwer zu fassen

          Die Staatsanwaltschaft weist die Vorwürfe einer fehlerhaften Interpretation der unfallanalytischen Gutachten zurück. Auf Anfrage bekräftigte Doris Möller-Scheu, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, die Bewertung, wonach der Fahrer nicht genügend Zeit zur Reaktion gehabt habe und der Unfall somit nicht zu verhindern gewesen sei. Der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung sei schwer zu fassen, erläuterte die Oberstaatsanwältin, wenn ein Unfall auf einer belebten Straße geschehe. Es komme darauf an, ob die Möglichkeit zur Hilfe durch Dritte bestehe. Diese sei am Unfallort aber offenbar gegeben gewesen. Auch sei davon auszugehen, dass der Fahrer bemerkt habe, dass hinter ihm weitere Autos gefahren seien. Bei der von den Eltern kritisierten Bemerkung in der Anklageschrift, dass der Tod des Jungen nicht mehr abzuwenden gewesen sei, handele es sich um eine Tatsache, die zum Ermittlungsergebnis gehöre und deshalb in der Anklage genannt werden müsse.

          Wenn es bei der Anklage wegen lediglich Unfallflucht bleibt, sind die Eltern von Marc bei der Verhandlung nicht als Nebenkläger zugelassen, weil die Unfallflucht kein Delikt darstellt, die eine solche Rolle im Strafprozess zulässt. Allerdings könnte das Gericht, falls sich im Laufe der Hauptverhandlung neue Erkenntnisse ergäben, einbringen, dass auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in Betracht käme, ergänzte Möller-Scheu.

          „Argumentation der Staatsanwaltschaft unlogisch“

          Für Marcs Familie ist es bitter, dass sich der Autofahrer, der ihren Sohn sterbend zurückließ, nur mit dem Vorwurf der Unfallflucht konfrontiert sieht. „Wir wollen darauf hinweisen“, sagen die Eltern, „dass die Argumentation der Staatsanwaltschaft unlogisch ist. Außerdem ist ein Problem, dass die Unschuldsvermutung der deutschen Justiz nur gegenüber Tätern gilt, nicht aber gegenüber Opfern.“

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