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Zu viele Leute unterwegs? : Eine Frage der „Passantenfrequenz“

Die Geschäftsleiterin eines Bekleidungsgeschäftes auf der Zeil steht mit ihrem Handy mit Zähl-App im Verkaufsraum. Bild: dpa

Halten sich nach den ersten Lockerungen der Corona-Regeln zu viele Menschen in Einkaufsstraßen und auf Plätzen auf? Ein Verfahren, das die „Passantenfrequenz“ auswertet, soll darüber Aufschluss geben.

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          Wie schnell beleben sich die deutschen Innenstädte, wenn die Restriktionen in der Corona-Krise weiter gelockert werden? Gerade in einer Phase, in der eine zweite Infektionswelle befürchtet wird, ist das eine wichtige Frage. Aus soliden Daten ließen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, ob schon wieder zu viele Menschen unterwegs sind und sich damit das Risiko von Infektionen zu stark erhöht. Das Kölner Startup-Unternehmen hystreet.com hatte schon im Mai 2018 damit begonnen, ein Verfahren zu entwickeln, diese „Passantenfrequenz“ zu messen. Die Zahl drückt aus, wie viele Menschen sich während einer Stunde auf Straßen und Plätzen hin und her bewegen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hystreet-Geschäftsführer Nico Schröder zeigt sich überzeugt, dies durch seine Methode inzwischen sehr verlässlich erfassen zu können. Laserscanner, die an Hauswänden oder auf Säulen angebracht sind, rastern, ähnlich wie man das aus Sciencefiction-Filmen kennt, rund um die Uhr Straßen „Top-Lagen“ in mittlerweile rund 100 deutschen Städten.

          Verfahren „augensicher“

          Das Verfahren sei konform zu den Datenschutzbestimmungen und „augensicher“, sagt Schröder. Früher sei es eher nach dem „Bauchgefühl“ gegangen sei, wie voll es in den Innenstädten sei, nun liefere sein Unternehmen zu „99 Prozent“ exakte Werte. 

          Während vor der Corona-Krise vor allem der Einzelhandel und die Immobilienwirtschaft für Umsatzperspektiven und Wertanalysen an solchen Zahlen interessiert waren, fragen, seitdem die Epidemie Deutschland erreichte, laut Hystreet-Chef vor allem Behörden, Kommunen und Landesregierungen an. Sie nehmen auch die Dienste anderer Unternehmen in Anspruch, die etwa von Privaten oder Behörden installierte Videokameras auswerten, um einzuschätzen, wie viele Menschen im öffentlichen Raum unterwegs sind.

          Nachdem die Beschränkungen im Handel eine Woche nach Ostern gelockert worden waren, hat das Unternehmen Hystreet in 17 Städten an Hotspots des Handels die Zahlen verglichen: Wie groß war der Betrieb, als im Wesentlichen nur noch Lebensmittelgeschäfte, Drogerien und Apotheken  geöffnet sein durften? Wie viele Kunden kamen und gingen vom 20. April an, als man wieder in kleineren, anderen Geschäften einkaufen konnte?

          Ein einheitliches breites Bild bietet sich aufgrund der Messungen nicht, eher einen groben Trend. Im Mittel sei seit der Wiederöffnung der meisten Geschäfte die „Passantenfrequenz“  auf 40 Prozent des Wertes vor dem Lockdown gestiegen, teilt Hystreet mit. Interessanter ist der Blick in einzelne Städte. Man liefere die Daten, sie zu interpretieren obliege den Kommunen, hebt Schröder hervor. Womit es zum Beispiel zusammen hänge, dass in Mainz nach einer Woche die Frequenz fast schon wieder die Hälfte des vorherigen Standards erreichte, während das Niveau in Frankfurt deutlich darunter blieb, bedürfe einer tiefergehenden Analyse.

          Wie stark diese Straßen und Plätze, Lockdown hin oder her, genutzt werden, hängt laut Schröder von urbanen Faktoren wie der Art der Bebauung, attraktiven touristischen Ziele oder der „Flanierqualität“ ab.  Oder von der Möglichkeit, trotz geschlossener Restaurants sich dort am Schalter „to go“ zu verköstigen. Die berühmte Freßgass in Frankfurt sei dafür ein gutes Beispiel. Durch sie zögen die Banker aus dem umliegenden Türmen offenbar weiterhin mittags in großer Zahl.

          Passantenfrequenzen für insgesamt 57 Städte und 118 Standorte in Innenstadtlagen sind unentgeltlich auf dem Portal www.hystreet.com einzusehen.

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