https://www.faz.net/-gzg-9ngqr

Buchhandlung Carolus schließt : Das letzte Kapitel nach 147 Jahren

  • -Aktualisiert am

Am 7. Juli ist Schluss: Die Frankfurter Buchhandlung Carolus an der Vilbeler Straße. Bild: Bäuml, Lucas

Frankfurts älteste Buchhandlung Carolus muss schließen. Ihr ist offenbar nicht nur der Umbruch in der Branche zum Verhängnis geworden.

          Noch erschiene ihr alles äußerst surreal, sagt Ariane Roth. Sie wisse, was in den nächsten Wochen auf sie zu käme und was zu tun sei. Aber wenn sie sich morgens auf den Weg zur Arbeit mache und die Vilbeler Straße entlang liefe, würde ihr immer wieder bewusst, „uns gibt es bald nicht mehr“.

          Ariane Roth, Geschäftsführerin der Carolus Buchhandlung in der Frankfurter Innenstadt, ist gezwungen ihren Laden zu schließen. Schweren Herzens, wie sie sagt. „Hier steckt so viel Schweiß, Energie und Herzblut drin“, so Roth. Von Bücherliebe spricht sie, eine Zukunft ohne Carolus könne sie sich kaum vorstellen. Aber letztendlich müsse sie einsehen, dass die Buchhandlung sich nicht mehr rechnet. „Der erzielbare Umsatz im Verhältnis zu den Kosten erlaubt es nicht mehr, die Buchhandlung wirtschaftlich zu betreiben“, sagt sie.

          Schon am 14. Juni beginnt der Räumungsverkauf, keine vier Wochen später, zum 7. Juli, wird der Geschäftsbetrieb endgültig eingestellt. Und das mehr als 147 Jahre nach Gründung von Carolus. Vor nicht einmal drei Wochen habe man sie und ihre drei Mitarbeiterinnen über das anstehende Aus informiert. Wie es für sie alle weitergehen wird, ist ungewiss. „Wir sind im Moment noch ganz mit Carolus beschäftigt“, sagt Roth.

          Keine gute Lauflage

          Natürlich habe es viele Gespräche mit dem Verlagshaus Herder gegeben, dem Eigentümer der Buchhandlung, berichtet die Geschäftsführerin. Doch sie kenne die Zahlen ihres Ladens, und dass Herder entsprechende Konsequenzen ziehen würde, sei absehbar gewesen. Seit 1084 gehört Carolus zum katholischen Verlagshaus Herder mit Sitz in Freiburg. Der Verlag ist auch Mehrheitsgesellschafter bei der Buchhandelskette Thalia. Somit läge eine Übernahme des Ladens durch Thalia eigentlich nahe, Verleger Manuel Herder schließt diese Option jedoch aus. Die geringe Größe von nur 200 Quadratmetern auf zwei Ebenen und das jenseits einer guten Lauflage, mache es unmöglich, das Geschäft weiterzuführen, heißt es.

          Im Carolus beginnt der Räumungsverkauf.

          Dabei wurde die Buchhandlung erst vor vier Jahren verkleinert. Ende 2015 musste Carolus aus dem Laden am belebten Liebfrauenberg in die weniger frequentierte Vilbeler Straße umziehen. Die Verlaufsfläche von zuvor 500 Quadratmetern reduzierte sich um mehr als die Hälfte, und von ehemals 14 Angestellten blieben nach dem Umzug nur noch vier übrig. Die geringe Miete, eine kleinere Ladenfläche und weniger Personal bedeuten zwar geringere Fixkosten, jedoch musste Carolus auch das Sortiment verkleinern. „Wir haben sehr damit zu kämpfen, dass viele zu uns in den Laden kommen, sich beraten lassen und die Produkte dann aber online bestellen“, sagt Roth.

          Konkurrenz durch Netflix und Amazon

          Schon lange spüre die Buchhandlung das geänderte Lese- und Kaufverhalten. Vor zwei Jahren etwa räumte die letzte Zweitausendeins-Filiale im Gründungsort Frankfurt ihre Bücherregale, im Bahnhofsviertel traf es das Traditionsgeschäft „Südseite“, in Bockenheim bangt die Karl-Marx-Buchhandlung derzeit um ihre Existenz. Das Händlersterben ist nicht auf Frankfurt beschränkt. Um zwölf Prozent sei die Zahl der Buchkäufer in Deutschland gesunken, heißt es vom Börsenverein, der Umsatz sei um knapp ein Zehntel gesunken.

          Die Verantwortung dafür gibt der Branchenverband dem Internet und speziell Streaminganbietern wie Netflix und Amazon. Sie würden die Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer schwächen und sie hätten Serien und Filme im Angebot, über die man mitreden wolle. „Serien erfüllen viele Bedürfnisse, die früher Bücher erfüllten“, heißt es in einer 2018 vorgestellten Analyse des Börsenvereins.

          Kunden sind geschockt

          Die Schließung des Carolus-Ladens trifft nicht nur die Mitarbeiter, sondern offenbar auch die Kundschaft. „Alle sind sehr betroffen“, sagt Roth. „Wir bekommen Schokolade mitgebracht und Briefe geschickt.“ Langjährigen Käufern schössen die Tränen in den Augen, sobald sie von der Schließung erführen. „Viele der Kunden sind mit uns vom Liebfrauenberg hierher umgezogen, andere haben uns an der Vilbeler Straße neu entdeckt“, sagt Roth.

          Das Haus an der Vilbeler Straße gehört dem Gesamtverband der Frankfurter Kirchengemeinden. Als dessen Vorstandsvorsitzender, der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz, vor Wochen von den finanziellen Schwierigkeiten der Buchhandlung erfuhr, habe er Verleger Manuel Herder kontaktiert, berichtet der Stadtdekan. Herder habe gesagt, es fehle der Buchhandlung an zehn Prozent des Umsatzes, um rentabel zu sein. „Ich habe daraufhin einen Rundbrief an die 42 Kirchgemeinden in Frankfurt geschrieben und darum gebeten, alle künftigen Käufe über Carolus zu tätigen“, sagt der Stadtdekan.

          Eine nette Geste, sagt Roth, aber zehn Prozent des Umsatzes seien in diesem Fall immer noch ein hoher sechsstelliger Betrag. Und diesen nehme man nicht ein, indem ein paar mehr Romane, Taufkerzen oder Bibeln verkauft würden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.