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Nach dem 11. September : „Muslime wurden plötzlich als Bedrohung wahrgenommen“

Im Gespräch: Amir Mansoor Bild: Maximilian von Lachner

Für Amir Mansoor hat sich das Leben nach den Anschlägen stark verändert. Im Interview spricht er darüber, wie Menschen aus Pakistan und Muslime plötzlich als Bedrohung wahrgenommen wurden – und was er dagegen unternommen hat.

          2 Min.

          Herr Mansoor, können Sie sich noch erinnern, wie Sie von den Anschlägen am 11. September 2001 erfahren haben?

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ja, natürlich. Ich habe damals für den Sozialdienst am Frankfurter Flughafen gearbeitet. Wir haben in einer Unterkunft Menschen betreut, die in Deutschland Asyl suchten. Während am Flughafen über ihre Eilanträge entschieden wurde, haben wir sie versorgt. Ich arbeitete in der Frühschicht, war im Aufenthaltsraum, als plötzlich das Telefon klingelte und der Dienstleiter fragte: Wie reagieren die Leute darauf? Ich wusste überhaupt nicht, was er meinte. Von den Anschlägen hatten wir noch nichts gehört. In der Ecke des Raums lief zwar lautlos ein Fernseher, doch darauf hatte niemand geachtet. Wenig später saßen dann 70 oder 80 Menschen davor. Still, schweigend, geschockt. Wir haben dann häufig umgeschaltet, damit jeder etwas versteht, von CNN und BBC zu arabischsprachigen Sendern. Erst als ich zu Hause war, konnte ich anfangen, darüber zu sprechen, was passiert war.

          Wie haben Sie diesen Tag und diese Anschläge wahrgenommen?

          Ich blicke auf die Welt oft wie auf ein Schachspiel. Jeder von uns, jeder Mensch, jedes Land, jeder Regierungschef, hat seine festgelegte Position. Doch am elften September kam Osama bin Laden und hat das Spiel über einen Haufen geworfen. Die Anschläge waren eine Zäsur. Normalerweise vergessen wir Menschen sehr schnell, die Anschläge aber sind ein Ereignis, an das wir uns immer erinnern, über das wir auch jetzt noch häufig sprechen, nicht nur an den Jahrestagen. Dieser Tag hat uns traumatisiert, er ist ein Teil unseres Lebens geworden.

          Was hat sich in Ihrem Leben nach den Anschlägen geändert?

          Ich bin als Fünfzehnjähriger aus Pakistan nach Deutschland gekommen. Nach den Anschlägen bemerkte ich bald, wie die Stimmung sich drehte. Wir Menschen aus Pakistan und Muslime wurden plötzlich als Bedrohung wahrgenommen, auf einmal wurden wir alle in einen Topf geworfen. Du kommst aus Pakistan, dann wirst du auch Al-Qaida und die Taliban unterstützen: Solche Sätze sind damals gefallen. Dagegen wollte ich etwas unternehmen.

          Was haben Sie getan?

          Ich hatte davor schon angefangen, an der Interkulturellen Bühne Theater zu spielen. 2004 gründete ich dann mit einigen Mitstreitern Pakbann, einen pakistanischen Kulturverein. Wir wollten zeigen, dass das Land, aus dem wir stammten, mehr ist als ein Unterschlupf für Terroristen. Wir wollten von der Schönheit der Landschaft erzählen, von den Menschen, von der Gastfreundlichkeit. Und wir haben aus den Erfahrungen, die wir selbst in Deutschland gemacht haben, unsere eigenen Theaterstücke entwickelt. Unser Ziel war der Dialog.

          Hat das funktioniert?

          Ja, das Interesse war von Anfang an groß. In der Stadt haben wir uns einen Namen gemacht. Und wir wurden zum Ansprechpartner, zum Vermittler zwischen den Kulturen. Das Stadtschulamt kommt oft auf uns zu, wenn es an einer Schule zu Problemen kommt. Wir haben auch schon Polizisten in interkulturellen Fragen weitergebildet.

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          Als die Taliban nun Afghanistan zurückeroberten, waren Sie in Pakistan im Urlaub. Wie hat man dort auf die Ereignisse im Nachbarland reagiert?

          Das wurde dort erst einmal auch nicht anders wahrgenommen als von Deutschland aus. Sorgen machen sich die Menschen, weil sie wissen, dass nun viele Flüchtlinge kommen werden. Wohnraum und Arbeitsplätze sind in Pakistan sowieso knapp, die Probleme werden sich nun weiter verschärfen.

          Wie kann man der Region helfen?

          Ich verstehe nicht, warum Deutschland und der Westen in solche Gebiete Waffen liefert. Erst verdient man Geld mit Waffengeschäften, dann, wenn alles am Boden liegt, baut man mit viel Entwicklungshilfe die Länder wieder auf. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann müssen wir in Bildung investieren. Bildung und Kommunikation sind das A und O für ein gutes Zusammenleben.

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