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Auswahlverfahren für Tänzer : Im Schweiße ihres Angesichts

Bei den Auditions in London müssen die zusammengestellten Paare eine anspruchsvolle Choreographie vortanzen. Bild: Dan Joseph/ BB Promotion

Ein Job als Tänzer beim Hit-Musical „Bodyguard“ ist begehrt. Doch das Auswahlverfahren von Choreographin Karen Bruce kommt einem ambitionierten Trainingscamp gleich.

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          Die Luft in dem schmucklosen Kellerraum ist zum Schneiden. Olfaktorisch kommt dem Besucher ein Pumakäfig in den Sinn. Vor großen Spiegeln an den Wänden strecken, dehnen und winden sich aber keine Raubkatzen im grellen Licht der Neonleuchten. Im Untergeschoss der Londoner Ballettschule „Danceworks“ üben 30 Tänzerinnen und Tänzer zu Whitney-Houston-Hits wie „Queen Of The Night“ und „I’m Every Woman“ die Schrittfolgen einer anspruchsvoll wirkenden Choreographie. Eine große Frau mit blonden Haaren beäugt die Vorführung mit kritischem Blick, bisweilen geht sie zu einzelnen Tänzern, korrigiert deren Haltung oder wirft sich selbst kurz in Pose, um vorzuführen, wie sie sich den Bewegungsablauf wünscht. Mag die blonde Frau äußerlich auch nicht dem Bild einer Profitänzerin entsprechen, beweisen die fließenden Bewegungen, mit denen sie die kleinen Korrekturen vornimmt, das Gegenteil.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Tatsächlich hat Karen Bruce als junge Frau selbst in Shows im Londoner West End getanzt. „Mit meinen 1,80 Meter Körpergröße war es aber schwer, Rollen zu bekommen, weil ich oft einen Kopf größer als die Tänzer war“, erinnert sich die heute Sechsundfünfzigjährige mit einem Schmunzeln an jene Zeit, die ihr gleichwohl den Weg zu ihrer eigentlichen Karriere eröffnete: „Ich hatte schon immer Spaß daran, Choreographien zu entwickeln“, sagt sie. Dieser Spaß hat die Engländerin weit gebracht. Für ihre Choreographien ist sie unter anderem mit einem Laurence Olivier Award geehrt und in Spanien bei den Premios del Teatro Musical als beste Choreographin ausgezeichnet worden.

          Neben der Tätigkeit für in Großbritannien populäre Fernsehshows wie „Strictly Come Dancing“ oder „So You Think You Can Dance“ hat Bruce sich auf die Choreographie von Musicals spezialisiert. Zu ihren erfolgreichsten Arbeiten zählt dabei „The Bodyguard“, jenes 2012 in London uraufgeführte Musical, das den gleichnamigen Kinohit aus dem Jahr 1992 auf die Bühne brachte. Wie seinerzeit im Film mit Whitney Houston und Kevin Costner in den Hauptrollen, wird auch im Musical die Geschichte des exzentrischen Popstars Rachel Marron erzählt, der von einem unbekannten Stalker verfolgt wird. Um die Diva zu beschützen, wird der frühere Geheimagent Frank Farmer engagiert, wobei Rachel erst keinen weiteren Bodyguard will, bevor sich zwischen den beiden dann doch eine Romanze mit dramatischen Wendungen entspinnt, garniert mit mehr als einem Dutzend Whitney-Houston-Welthits.

          900 Bewerbungen auf 12 Plätze

          Obwohl der Fokus auf den beiden Hauptdarstellern liegt, ist das Musical kein Zweipersonenstück, sondern hat reichlich Personal, zu dem auch jeweils sechs Tänzerinnen und Tänzer gehören. Und Teil dieses Ensembles wäre gern jeder der 30 Anwärter, die sich zum Vortanzen in einem Londoner Keller eingefunden haben, um unter den kritischen Augen von Karen Bruce, Frank Thompson und Martin Flohr zu bestehen, die gemeinsam in mehreren Auditions diejenigen Darsteller und Tänzer suchen, die von Oktober an für ein halbes Jahr mit „Bodyguard – Das Musical“ auf Tournee durch Deutschland, Österreich und Luxemburg gehen und dabei über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel auch in der Alten Oper Frankfurt zu sehen sein werden.

          Die 30 Aspiranten im Keller der Ballettschule haben dabei schon eine erste Hürde genommen. Wie Frank Thompson, der als künstlerischer Supervisor die Tourproduktionen von „Bodyguard“ überwacht, im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt, hat es 900 Bewerbungen für die zwölf Plätze im Tanzensemble gegeben. 150 der Bewerber haben er und Karen Bruce ausgewählt. „Wir wollten auf jeden Fall professionelle Tänzer und haben geschaut, welche Ausbildung die Aspiranten haben und mit wem sie schon zusammenarbeiteten. Da gewinnt man schon einen guten ersten Eindruck, und dann will man die Ausgewählten natürlich auch sehen“, beschreiben die beiden ihre Auswahlkriterien. Aus ganz Europa sind Tänzerinnen und Tänzer der Einladung zum Casting gefolgt.

          Die Jury bewertet die Vorführungen akribisch.

          Das ist von Anfang an fordernd. Karen Bruce und ihre Assistenten führen den Bewerbern eine Schrittfolge mit Engtanz-Abschnitt und Hebefiguren vor, die diese dann mit zufällig zugeteilten Partnern tanzen müssen. Zehn Minuten Zeit gewährt Karen Bruce den Paaren zum Üben, dann müssen sie die Schrittfolge beherrschen. Die Choreographie mit ihren Latin- und Salsa-Anteilen ist nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern verlangt auch vollen körperlichen Einsatz, den die durchtrainierten Tänzer klaglos im Schweiße ihres Angesichts leisten. Immer wieder lässt die Jury die Bewerber in Dreiergruppen auftreten, kontrolliert Abläufe und Haltung und sucht nach dem gewissen Etwas, das den Blick des Zuschauers gefangennimmt.

          Zur Not gibt es ein weiteres Casting

          Karen Bruce und Frank Thompson wissen, dass sie um ein Publikum buhlen, das die ausgetüftelten Choreographien von Popstars wie Beyoncé, Rihanna oder Justin Timberlake kennt und Ähnliches auch auf den Musical-Bühnen erwartet. Allzu große Hoffnungen wollen sie den Bewerbern an jenem Nachmittag im Keller auch nicht machen. „Vielleicht finden wir zwei oder drei Paare“, sagen sie. Zur Not müsste eben ein weiteres Casting angesetzt werden, berichten sie aus ihrer Erfahrung.

          Dabei sei die Suche nach geeigneten Tänzern bei weitem nicht die größte Herausforderung, sagen sie und lachen: „Rennen Sie mal mehrmals hintereinander über eine so breite Bühne wie im Musical Dome in Köln oder auch in der Alten Oper in Frankfurt und singen dann mit völlig klarer Stimme ,I Will Always Love You’, ohne jeden Schnaufer. Dann wissen Sie, was sie in der Rolle der Rachel draufhaben müssen.“ Solch einer starken Hauptrolle wollen sie ein ebenso starkes Tanzensemble zur Seite stellen. Und bis das endgültig gefunden ist, muss einiges an Schweiß fließen.

          „Bodyguard – Das Musical“

          „Bodyguard – Das Musical“ ist ab 23. Oktober auf Tournee. Nach Stationen in Köln und München wird es von 18. Dezember 2019 bis 11. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt aufgeführt.

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