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Moldau : „Aber wir sind ja auch ein kleines Land“

Guter Dinge: Der moldauische Generalkonsul Iulian Grigorita Bild: F.A.Z. - Eilmes

Iulian Grigorita ist Generalkonsul von Moldau - dem ärmsten Land Europas. Seit die russische Regierung ein Einfuhrverbot auf moldauische Produkte erhoben hat, geht es dem Land noch schlechter.

          3 Min.

          Es gibt nicht viele Leute, die von sich behaupten können, niemand sonst habe einen Job wie sie, kein Landsmann bekleide dasselbe Amt. Kanzlern und Präsidenten geht es so. Königinnen und Königen natürlich auch – und dem Papst. Aber Iulian Grigorita gehört auch dazu. Der Sechsunddreißigjährige ist Generalkonsul der Republik Moldau – und damit allein auf weiter Flur.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht nur in Frankfurt, wo er in einer alten Villa am Dornbusch residiert, sondern weltweit. Denn er ist der einzige Generalkonsul seines Landes überhaupt. Sonst hat die kleine Republik mit der Hauptstadt Chisinau – eingezwängt zwischen Rumänien und der Ukraine und etwa so groß wie Belgien – nur Botschafter in die Welt entsandt. Und natürlich deren Mitarbeiter. Den Titel eine Generalkonsuls aber trägt einzig und allein Iulian Grigorita.

          Auf Russland angewiesen

          Am Sonntag ist es genau ein Jahr her, dass er mit seiner Familie an den Main kam. Die Grigoritas haben sich inzwischen gut eingelebt, bewohnen ein Reihenhaus nur ein paar Gehminuten vom Konsulat entfernt. Der neunjährige Sohn besucht die Schule, die zweieinhalbjährige Tochter kommt demnächst in den Kindergarten. Verständigungsprobleme gibt es nicht: Von 2000 bis 2003 haben sie – damals noch zu dritt – in Berlin gelebt und perfekt Deutsch gelernt. „Frankfurt ist eine schöne Stadt“, sagt der Diplomat, lächelt und fügt hinzu, am liebsten erkunde er die Metropole mit dem Rad. Wenn sein Arbeitspensum es zulasse.

          Aber das ist gewaltig. Rund zwölf Stunden – von acht bis acht – ist der Generalkonsul normalerweise im Büro. Er empfängt Besucher, schmiedet Kontakte, stellt Dokumente aus und hat Unmengen von Papierkram zu erledigen. Mancher Generalkonsuln-Kollege gucke ungläubig, wenn er erfahre, dass er, Grigorita, tatsächlich noch eigenhändig Briefe und Pässe stempeln muss – „aber was bleibt uns übrig mit nur fünf Konsulatsmitarbeitern“. Neben Grigorita arbeiten in dem gelben Haus an der Adelheidstraße noch ein Konsul, eine Sekretärin, eine Buchhalterin und ein Fahrer. „Nicht viel“, meint der Chef, lächelt wieder und fügt hinzu: „Aber wir sind ja auch ein kleines Land.“

          Klein – und arm. Und in hohem Maße angewiesen auf Russland. Das nach dem Zusammenbruch 1991 unabhängig gewordene Moldau mit seinen rund vier Millionen Einwohnern bezieht einerseits seine gesamte Gasversorgung aus dem Riesenreich im Osten, auf der anderen Seite ist Russland der wichtigste Exportmarkt für Obst, Gemüse und Wein für das stark landwirtschaftlich geprägte Land zwischen den Flüssen Dnjestr und Pruth.

          Einfuhrverbot auf Obst, Gemüse und Fleisch

          Doch die Beziehungen zwischen Chisinau und Moskau sind schlecht: Die Russen unterstützen die von einem separatistischen Regime geführte, abgespaltene Region Transnistrien östlich des Dnjestr; sie haben ein Einfuhrverbot auf Obst, Gemüse und Fleisch aus Moldau (das auf Umwegen über Weißrussland allerdings weiterhin auf russische Märkte gelangt) und mit fadenscheiniger Begründung eine „Weinsperre“ verhängt, die für Produkte aus Transnistrien nicht gilt. Für das ärmste Land Europas, das nach dem Beitritt Rumäniens im nächsten Jahr an der Außengrenze der Europäischen Union liegen wird, hat dieser Boykott schlimme Folgen – die Absichten der moldauischen Regierung, langfristig Mitglied der EU zu werden, hat er eher noch bestärkt.

          Darum ist auch für Generalkonsul Grigorita das Anbahnen von Wirtschaftskontakten sehr wichtig – und Frankfurt, das ungefähr so groß ist wie Chisinau, als Standort für Moldaus einziges Generalkonsulat mit Bedacht gewählt. Als Wirtschafts- und Finanzzentrum biete die Stadt unzählige Gelegenheiten, um Kontakte zu knüpfen, sagt er. Und die Verkehrsanbindung mit dem Flughafen – inzwischen gibt es sogar fünfmal in der Woche Direktflüge in die moldauische Hauptstadt – sei unschlagbar: „Das bietet keine andere Stadt in Europa.“

          Leicht hat es Grigorita mit seinen Bemühungen nicht. Abgesehen davon, dass die konsularischen Aufgaben für die vier- bis fünftausend Moldauer, die nach seinen Schätzungen legal in seinem sechs Bundesländer umfassenden Konsularbezirk leben, sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, ist die kleine Republik, die zwar nahe dem Schwarzen Meer liegt, aber keinen eigenen Zugang dazu hat, hierzulande noch sehr unbekannt und muss gegen osteuropäische Konkurrenten bestehen. „Viele Leute hier denken nur an den Fluss, der durch Prag fließt, wenn sie den Namen Moldau hören“, sagt Grigorita. Er würde das gern ändern, aber ob seine verbleibenden drei Jahre in Frankfurt dafür ausreichen, bezweifelt er selbst. „Das ist ein langer Prozess, da muss man einen langen Atem haben.“

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