https://www.faz.net/-gzg-1679h

Moderne Handarbeit : Digitale Verstrickungen

  • -Aktualisiert am

Gut gelaunt: „Strick-Bloggerinnen” bei ihrem monatlichen Treffen im Frankfurter Café Die Brücke Bild: Cornelia Sick

Die Arbeit mit Wolle und Nadeln ist bei jüngeren Frauen wieder angesagt. Zum Beispiel in Frankfurt: Sie treffen sich, sprechen über Trends, Tipps und einiges mehr. Aber auch das Internet dient als Plattform.

          3 Min.

          Über den braunen langen Holztisch im Frankfurter Café in Sachsenhausen sind bunte Wollknäuel und Strickanleitungen verteilt. Dazwischen stehen Gläser mit Apfelschorle oder biologischer Limonade. Gerade ist eine junge Frau angekommen, die eine Brotdose, gefüllt mit Wolle und Stricknadeln, auspackt. Langsam wird es eng auf dem Tisch.

          „Die sind ja toll geworden“, sagen die Frauen wie aus einem Mund, als Lena Pauwels grüne Söckchen in der Runde hochhält. „Hier, gebt das mal durch“, sagt Wiebke Lama und reicht kleine Wollknäuel an ihre Nachbarin weiter. „Die sind ganz neu im Sortiment, ihr dürft euch gern bedienen.“ Einige Teilnehmerinnen sind hingegen ganz in ihre Arbeit vertieft. „Manchmal muss man beim Stricken auch nachdenken, und dann kann man nicht so viel quatschen“, erklärt Anke Telschow. Sie fertigt gerade eine grüne Jacke für sich selbst.

          Stricken wieder „in“

          Die Frauen beim Stricktreff liegen voll im Trend, Handarbeiten ist wieder angesagt. Das zeigt nicht nur die Zunahme solcher Treffs, sondern auch die gestiegene Nachfrage nach Wolle. „In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Umsatz um jeweils zwanzig Prozent gesteigert“, sagt Bernd Speckmaier von Lana Grossa, einem Garnhersteller. Das Jahr 2009 sei ein sehr gutes für Handstrickwolle gewesen, bestätigt Angela Probst-Bajak von der Initiative Handarbeit. Gerade bei jungen Frauen sei das Hobby wieder „in“.

          Eine „Strick-Bloggerin” hat ein englischsprachiges Anleitbuch mitgebracht, weil in den Vereinigten Staaten und in England der Trend schon ausgeprägter sei

          Beim Frankfurter Stricktreff ist zu besichtigen, was die Faszination ausmacht. Zwölf Frauen sitzen am Abend im Café Die Brücke und frönen der alten, ihrer neuen Leidenschaft; die jüngste Teilnehmerin ist 24, die älteste 70 Jahre alt. Hoch im Kurs stehen Socken, Oberteile und Schals. Die Jüngeren haben den Umgang mit den Stricknadeln zumeist nicht mehr in der Schule gelernt. Für die hessischen Grundschulen steht im Kunstunterricht zwar „Textiles Gestalten“ im Lehrplan, was jedoch nicht zwingend Stricken bedeutet.

          „Ich war einfach zu ungeduldig“

          Die 24 Jahre alte Stephanie Damaschke erzählt, wie sie vor elf Jahren diese Handarbeit von der Mutter gelernt habe, jedoch nicht dabeigeblieben sei. „Ich war einfach zu ungeduldig“, sagt sie. Während des Studiums habe sie es sich dann noch einmal selbst beigebracht. Zum einen, um Beschäftigung zu haben, wenn es ihr langweilig sei, zum anderen aber auch aus modischen Gründen: „Was in den Geschäften angeboten wurde, hat mir nicht so richtig gefallen.“ Den Wunsch nach Individualität sieht auch Angela Probst-Bajak als Grund für den Trend zurück zum Selberstricken. In vielen Geschäften hingen die gleichen Kleidungsstücke. Etwas Selbstgefertigtes sei hingegen Ausdruck der eigenen Kreativität.

          Bei Sandra Langewisch hat es ähnlich wieder angefangen. Vor ein paar Jahren habe sie in einem Geschäft einen Schal gesehen, der 100 Euro kosten sollte. „Das war mir zu teuer, und so habe ich wieder zu den Stricknadeln gegriffen“, erzählt sie.

          In Zeiten einer technisierten Arbeitswelt wollten viele etwas mit den eigenen Händen schaffen, sagt Probst-Bajak. Vielleicht sei auch deswegen Stricken wieder beliebter. Die Handarbeit steigere den Wert eines Kleidungsstücks. „Deshalb ist es ja auch so ärgerlich, wenn man Wolle von schlechter Qualität gekauft hat“, sind sich die Frauen des Stricktreffs einig. Schließlich stecke in so manchem Teil richtig Arbeit drin.

          Englischsprachiges Anleitbuch mitgebracht

          Den letzten Boom gab es in den achtziger Jahren, wie Anja Busse, Chefredakteurin des Strickmode-Magazins „Verena“, zu berichten weiß. Dass Stricken wieder Konjunktur hat, merkt sie an den Auflagezahlen des Magazins. Die Vorlagen seien vor allem viel moderner geworden. Die Frauen des Stricktreffs sind jedoch skeptisch, ob sie dadurch inspiriert werden. Sandra Langewisch hat ein englischsprachiges Anleitbuch mitgebracht, weil in den Vereinigten Staaten und in England der Trend schon ausgeprägter sei. Außerdem gefielen ihr viele Ideen, die von dort kämen, besser als das, was es auf dem deutschen Markt gebe.

          Aber Stricken ist nicht nur internationaler, modischer und jünger geworden. Vieles rund um das Hobby spielt sich vor allem im Internet ab. Dort gibt es zahlreiche Blogs, Videos und das Netzwerk „ravelry.com“. Dort sind mehr als 600 000 Mitglieder angemeldet, die ihre Projekte veröffentlichen und sich austauschen. Man finde auch zahlreiche Anleitungen im Netz, berichten die Frauen des Stricktreffs. Durchsucht man das Videoportal YouTube, werden zum Stichwort Stricken mehr als 100 Videos angezeigt. Zumeist sind nur zwei Hände zu sehen, die dem Zuschauer vorführen, wie linke Maschen oder Bündchen gestrickt werden. In diesen Filmchen habe sie Grundlegendes gelernt, sagt Stephanie Damaschke.

          „Meet to knit“

          Der Frankfurter Stricktreff ist ebenfalls über das Internet zustande gekommen. Als eine der Gründerinnen kann sich Silke Hupka fühlen. Sie hatte mit ihrem Blog im Jahr 2004 angefangen und schnell gemerkt, wie groß das Interesse im Raum Frankfurt ist. Sprachlich ist mit der Traditionspflege nicht viel her. Der Blog, der die Zusammenkünfte Gleichgesinnter in verschiedenen Frankfurter Cafés auflistet, heißt „meet to knit“.

          Die Stricktreffs sind offen für alle, die gern zu den Nadeln greifen. Auch diejenigen, die erst damit beginnen wollen, dürfen teilnehmen. „Doch es ist Vorsicht geboten“, warnen die Teilnehmerinnen. Stricken mache süchtig.

          Weitere Themen

          Der Weg zur Selbstfindung

          Perspektivwechsel : Der Weg zur Selbstfindung

          Die Geschichte vom heimkehrenden Odysseus ist in Gabriel Faurés Oper „Pénélope“ aus der Perspektive der Frau des Helden erzählt. Die Regisseurin Corinna Tetzel glaubt, dass die beiden nicht so einfach wieder ein Paar werden können.

          Topmeldungen

          In eine neue Zukunft? Das neue SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Neue SPD-Spitze : Zwei Neulinge, viele Helfer

          Die SPD hat eine koalitionskritische Hinterbänklerin und einen Polit-Pensionär an die Spitze gewählt. Aber der Rest der Führung besteht aus Parteiprofis, die überwiegend regieren wollen. Wer sind sie? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.