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„Hijabi Fashion Day“ : Mode für die moderne Muslima

Andrang: Zahlreiche Muslima interessierten sich für muslimische Mode beim „Hijabi Fashion Day“ - auch ohne Kopftuch Bild: Carlos Bafile

Bedecken bedeutet nicht verstecken: Selbstbewusste Muslima plädieren für mehr Mut beim „Hijabi Fashion Day“. Designerin Bergen Kaba, die ihre Mode zeigt, hat in Mailand gelernt.

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          Der Traum von Bergen Kaba hängt an einer Kleiderstange. Es ist ihre erste eigene Kollektion. Entworfen für Frauen, die sich gerne modern, aber bedeckt kleiden. Bergen Kaba ist 28, Designerin und Muslima. Sich selbst begreift sie als Botschafterin. Ihre Kleider sollen ihre Nachricht in die Welt tragen: „Bedecken bedeutet nicht verstecken.“ Deshalb wählt sie kräftige Farben und außergewöhnliche Schnitte. So, wie sie es in Mailand gelernt hat.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Herzstück ihrer Kollektion, ein knallbuntes Kleid, zieht die Blicke auf sich. Es wird bewundert, befühlt und schließlich doch immer wieder zurückgehängt. „Die Frauen wollen auffallen, aber trauen sich am Ende dann doch nicht“, bedauert Kaba, während sie einer Kundin ein weiteres Kleid aus ihrer Kollektion zeigt. Es ist ein schwarzes. Sehr schlicht, sehr klassisch. Der Kundin gefällt es.

          Etwa Halal-Nagellack

          Beim „Hijabi Fashion Day“ haben Muslimas die Möglichkeit erhalten, sich über aktuelle Mode- und Lifestyle-Trends zu informieren. Knapp 20 Aussteller waren auf Einladung von Organisatorin Latifa Dadi in die Klassikstadt gekommen, um die neuesten Trends vorzustellen. Etwa Halal-Nagellack. Um diesen auszuprobieren, sind drei Freundinnen extra aus dem Raum Köln/Bonn angereist. Karneval kann an diesem Sonntag warten. Sie wollen endlich testen, ob der Nagellack hält, was der Hersteller verspricht. Angeblich sollen die Farben nämlich wasserdurchlässig sein und müssten somit nicht vor der rituellen Gebetswaschung entfernt werden. Die drei Freundinnen sind verzückt – und kaufen gleich mehrere Fläschchen.

          Die Frauen, die durch die Gänge schlendern, halten ihre Handys stets griffbereit. Fotos werden gemacht und ins Internet gestellt. Sich bedeckt zu kleiden bedeutet nicht automatisch, nicht gesehen werden zu wollen. Es sind Hunderte Bilder, die an diesem Tag aus der Klassikstadt auf der Internetplattform „Instagram“ landen. Die Plattform, erzählen zwei junge Frankfurterinnen, sei ohnehin die wichtigste Inspirationsquelle, wenn es um Mode für Muslimas gehe.

          Blickdicht müssen die Stoffe sein

          Denn Kleidungsstücke, die islamischen Regeln standhalten, seien in regulären Läden kaum zu finden. Blickdicht müssen die Stoffe sein, Arme und Dekolleté bedecken, dürfen aber nicht hauteng anliegen. Instagram sei so etwas wie ein Modemagazin für Muslimas. „Wir hoffen, qualitativ hochwertige und stilvolle Sachen heute zu finden“, sagt eine der beiden. Außerdem wolle sie Versandkosten sparen. Denn meist lasse sie sich ihre Kleidung aus den Vereinigten Staaten oder aus England schicken. Auch sie geht zielstrebig auf das bunte Kleid zu – und auch sie hängt es wieder zurück. Nein, auffallen um jeden Preis wollen sie nicht. Eher sich optisch in die aktuelle Mainstream-Mode einfügen – auch mit Kopftuch.

          Organisatorin Dadi blickt mit einem zufriedenen Lächeln auf die länger werdende Schlange derer, die auf Einlass warten. Die Frauen stehen an diesem Tag an, um ein bisschen Inspiration, aber auch um eine Portion Mut mitzunehmen. Denn den braucht es manchmal, um die islamische Kleiderordnung in die Moderne zu übersetzen. „Ich will den Frauen, die sich entschieden haben, sich bedeckt zu kleiden, zeigen, dass sie das auch in einem modernen Stil machen können“, sagt die 26 Jahre alte Geschäftsfrau und Gründerin des Frankfurter Modelabels Hijabi.

          „Sex sells gilt nicht mehr“

          An den Ständen wird der Andrang dichter. Die Wartenden knabbern zum Zeitvertreib rosa Weingummi. Ein Werbegeschenk. Das Produkt wird mit von einer jungen Frau mit Kopftuch beworben. Alles veggie – alles halal. In einem abgetrennten Bereich der Halle sind Gebetsteppiche ausgerollt, gleich gegenüber werden die neuesten Wohntrends angeboten. Lara Chakrour vertreibt an einem kleinen Stand Holz-Kalligraphie. „Allah is with you wherever you are“ – Allah ist bei dir, wo auch immer du bist, steht auf einem Schriftzug zu lesen. Wer will, kann bei ihr die Holzarbeiten auch in arabischer Schrift in Auftrag geben. Die 32 Jahre alte Berlinerin hat sich erst vor wenigen Monaten selbständig gemacht. Ihr Mann ist gemeinsam mit ihr nach Frankfurt gereist. Er hütet das Baby, sie bewirbt die Holzkunst. So recht scheint er sich nicht wohl zu fühlen zwischen all den Frauen, die über Mode, Make-up und, ja, auch über die Beschneidung ihrer Söhne reden.

          Er flüchtet nach draußen und verpasst die Ankunft von Mode-Bloggerin „Ajat“. Mit ihren großen Locken und dem Kleid in Schlangenoptik sticht sie aus der Masse hervor. Ajat ist das, was man heute einen Internetstar nennt. Tausende muslimische Frauen folgen ihr auf Instagram oder lesen ihren Blog. Sex sells, so sagt sie, gelte nicht mehr. „Ich kann eine Inspiration für Leute sein, indem ich mich bedecke, ohne mich zu verschleiern.“ Sie hat das bunte Kleid entdeckt. Es scheint, als habe es seine mutige Trägerin gefunden.

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