https://www.faz.net/-gzg-6kn66

Mit dem Tandem um die Welt : Aufdringliche Bären und lästige Moskitos

Frankfurt: Die Meinholds sind auch in der Heimat oft mit dem Tandem unterwegs. Bild: Marcus Kaufhold

Julia und Stefan Meinhold sind zwei Jahre lang mit dem Tandem um die Welt geradelt. Jetzt haben sie ein Buch darüber geschrieben.

          2 Min.

          Die Entscheidung, ein Drittel ihres Besitzes wegzuwerfen, trafen sie 2006. Ein weiteres Drittel verkauften sie, der Rest wurde aufbewahrt. Bei ihren Eltern, denn einen eigenen Wohnsitz hatten sie damals schon nicht mehr. Dann ging es mit dem Tandem im Flugzeug nach Neuseeland.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Dezember des Jahres 2006 haben Julia und Stefan Meinhold ihre zweijährige Weltreise angetreten. Damals waren sie 33 und 30 Jahre alt und wollten sich einen Traum erfüllen: Von Neuseeland nach Hawaii, dann in den hohen Norden Amerikas, die Westküste hinab und über Mexiko nach Peru, zu den Inka-Ruinen von Machu Picchu. Raus aus dem Arbeitsalltag der Bank, weg von der Karriereplanung, einfach radeln, das war der Wunsch.


          Kaum ruhige Nächte auf Hawaii


          Die Strecken auf dem Land legten sie mit einem Tandem samt Anhänger zurück, zusammen anfangs 110 Kilogramm schwer. Einiges ließen sie aber schnell zurück, es wog schlichtweg zu viel für die lange Reise. Immer wieder war ihnen Aufmerksamkeit gewiss: „Der Hintermann radelt gar nicht!“ Solche Scherze hörten sie von Wanderern und anderen Radfahrern unzählige Male. Mit letzteren ließen sie sich auch gern mal auf Rennen ein, die ihnen von Zeit zu Zeit einen Schlafplatz einbrachten.

          Nicht überall fühlten sich die Meinholds richtig wohl. Auf Hawaii, eigentlich als Trauminsel bekannt, teilten sie sich den Zeltplatz mit Obdachlosen, die einmal in der Woche von der Polizei verjagt wurden. Ruhige Nächte gab es dort nur selten, und auch die drückende Schwüle machte ihnen zu schaffen. Auf der 500 Kilometer langen Strecke um die Insel begegnete ihnen kein einziger Tourenradler, die Einheimischen erklärten sie für verrückt. Womöglich ließen sich die paradiesischen Strände doch am besten in einem Touristenressort genießen, sagt Julia Meinhold.

          Zwei Jahre waren genug

          Meistens ist das Ehepaar aber liebenswerten Menschen begegnet und hat gute Erfahrungen gemacht. Die Gastfreundschaft der Neuseeländer, die imposante amerikanische Westküste und das gute Essen in Mexiko – diese Erinnerung bringt die beiden noch immer zum Schwärmen. In Mexiko wurden sie auf der gefährlichen Strecke im Grenzgebiet zu den Vereinigten Staaten von der Touristenpolizei begleitet, die sich sichtlich verwundert über die Pläne der beiden Deutschen zeigte. In den ländlichen Gegenden passten immer wieder Einheimische auf sie auf, begleiteten sie oder boten ihnen eine Unterbringung an. Nach vier Monaten verließen sie Mexico, ohne dass ihnen ein Peso gestohlen worden war. Auch während der Fahrt entlang der Westküste der Vereinigten Staaten wurden sie mehrmals von Fremden angesprochen und zum Essen eingeladen, oder jemand zahlte heimlich ihre Rechnung im Restaurant.

          Die Reise war eigentlich auf etwa fünf Jahre angelegt, und vieles hatte das Paar zu Beginn offen gelassen. „Nach zwei Jahren waren wir dann aber so voller Eindrücke, dass wir festgestellt haben: Es ist genug“, sagt Julia Meinhold.

          Das Tandem ist immer dabei

          Nach ihrer Rückkehr haben die beiden aus den Notizen ein Buch zusammengestellt. „Gangwechsel – Eine Weltreise mit dem Tandem“, heißt der 277 Seiten dicke Reisebericht, der inzwischen im Delius-Klasing-Verlag erschienen ist. Sie erzählen darin von aufdringlichen Bären, lästigen Moskitos und den zahmen Schafen Neuseelands. Mit dem Buch, in dem sie abwechselnd von ihren Erlebnissen erzählen, wollen sie die Reiselust anregen.

          Das Wegfahren sei ihnen viel schwerer gefallen als die Rückkehr, sagt Stefan Meinhold. Beide hatten bis zu ihrem Abenteuer bei der Deutsche Bank gearbeitet und etwa fünf Jahre auf die Reise gespart. Seit der zweijährigen Auszeit arbeitet Julia Meinhold als selbständige Übersetzerin, in ihren alten Bankjob will sie nicht zurück. Ihr Mann hatte schon einen Monat vor der Rückkehr im Herbst 2008 eine neue Stelle in Aussicht, er arbeitet nun wieder bei einer Bank.

          Inzwischen wohnt das Paar in einer kleinen Wohnung in Bockenheim, die Wände hängen voller Reisefotos. Zwei befreundete Paare, die sie in Neuseeland und Mexiko kennengelernt haben, waren schon zu Besuch. Sie selbst haben momentan keine großen Reisepläne mehr, sondern fahren immer nur dann in den Urlaub, wenn es der Terminplan zulässt. „Wir wollen in der Gegenwart leben“, sagen Julia Meinhold. Aber das Tandem ist immer dabei.

          Weitere Themen

          Im Reich der Phantasie

          Clemens Brentano : Im Reich der Phantasie

          Mit Märchen und Liedern wollte sich Clemens Brentano weiterentwickeln: In „Gockel, Hinkel, Gakeleia“ hat der Frankfurter Kaufmannssohn das verschlungene Erzählen aus der Tradition arabischer Blütenornamentik auf die Spitze getrieben.

          Topmeldungen

          Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts in Dresden auf ihren Plätzen.

          Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

          Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.
          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.
          Lachen für die Kameras: Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Chef Herbert Diess (rechts) im Oktober 2019 in Wolfsburg

          Osterloh gegen Diess : Das System VW schlägt zurück

          Betriebsratschef Bernd Osterloh wagt den Machtkampf mit VW-Chef Herbert Diess. Hauptkritikpunkte: Sein Führungsstil und die vielen technischen Pannen im Unternehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.