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Integration durch Sport : „Was macht dein Landsmann da?“

Integration durch Sport: Jugendliche beim Fußball spielen. (Symbolbild) Bild: Patrick Junker

Rassismusvorwürfe auf der einen, mangelnder Integrationswille auf der anderen Seite. Der Fall Mesut Özil hat eine Debatte ausgelöst, die am Ende zu mehr Einigkeit führen könnte.

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          So ein „richtiger Deutscher“ wird Orgun Özcan in den Augen mancher wohl nie werden. Und das, obwohl er hier geboren wurde, hier zur Schule gegangen ist und mittlerweile als Sozialpsychologe an der Uni Marburg arbeitet. Er hat es versucht, dieses „deutsch sein“. Hat auf eine korrekte Aussprache geachtet, hat versucht, im Alltag nicht aufzufallen. Es hat nicht immer ausgereicht. Denn da ist sein Aussehen. Die Haut ein bisschen dunkler, der Bartwuchs ein bisschen stärker. Da ist sein Name. Ein „Ö“, ein „z“, gefolgt von einem „c“ – türkisch eben. Orgun Özcan will nicht, dass seine Herkunft über seine Identität bestimmt. Er will mehr sein als „der deutsche Türke“. „Ich bezeichne mich mit meinem Namen. Mich macht doch aus, womit ich mich in meinem Leben beschäftige, was mir wichtig ist. Es kommt darauf an, was ich tue.“

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Özcan beschäftigt sich an der Marburger Uni mit den Ursachen und Folgen von Alltagsdiskriminierung. Dass es sie gibt, ist für ihn unbestritten. Er will sie nicht verurteilen, sondern verstehen. Gerade deshalb sei es wichtig, dass die Özil-Debatte geführt werde, sagt er. Aber der Vorwurf der mangelnden Integration treffe „ein Kollektiv“. Es werde von vielen türkischstämmigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Rückschlag empfunden, dass die Gesellschaft wieder in „die“ und „wir“ eingeteilt werde, dass die Diversität einer Gesellschaft plötzlich mit „Überfremdung“ übersetzt werde.

          Angriff auf die türkische Identität

          „Ich erlebe es mit fast 30 Jahren noch immer, dass mein Aussehen als andersartig auffällt und irritiert.“ Oft, sagt Orgun Özcan, sei das keine bewusste Diskriminierung. „Aber für den, der damit umgehen muss, kann es schwierig sein.“ Özcan sieht in der Debatte eine Chance, beide Seiten einander näherzubringen. Gleichzeitig sieht er aber auch die Gefahr der Entfremdung. „Es kann sein, dass einige die Debatte als Angriff auf ihre türkische Identität verstehen.“ Durch den Versuch, sie zu schützen, könne es zu einer stärkeren Identifikation kommen und im Gegenzug zu einem Abwenden von der deutschen Identität.

          Ähnlich sieht es auch Anna Lisa Aydin. Die 34 Jahre alte Sozialpsychologin arbeitet an der Uni Frankfurt und ist mit einem „Darmstädter mit türkischen Eltern“ verheiratet. Auch sie hat beobachtet, dass ihr Mann, obwohl hier geboren, wohl nie richtig dazugehören wird. Anna Lisa Aydin spricht nicht von Rassismus oder Diskriminierung. Sie wählt ein anderes Wort: Ausgrenzung. So sei ihr Mann erst kürzlich zu seiner Meinung im Falle Özil gefragt worden: „Was macht dein Landsmann da?“ Das Wörtchen „Landsmann“ habe dem Ehepaar gezeigt, dass noch immer in Kategorien eingeteilt werde.

          Fehlender Respekt und schlechte Behandlung

          Einen deutschen Pass zu besitzen sei das eine. Aber „so richtig deutsch“ sei man deswegen noch lange nicht. Aydin kritisiert diese Haltung. Denn wenn sich eine bestimmte Gruppe immer wieder von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt fühle, steigere das die Wahrscheinlichkeit, dass diese Gruppe künftig nicht mehr versuche dazuzugehören. Stattdessen werde durch die Besinnung auf die ethnischen Wurzeln eine eigene Identität geschaffen.

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