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Mehr Möglichkeiten ohne Abitur : Bildungswege ohne Sackgassen

Gute Neuigkeiten für Hessens Viertklässler: Auch ohne Abitur gibt es viele Möglichkeiten für den späteren Werdegang. Bild: dpa

Ein Verein und viele Partner wollen Eltern von Viertklässlern besser informieren: Entgegen der vorherrschenden Meinung gibt es auch ohne Gymnasialabschluss viele Berufs- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

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          Der Wirtschaftsminister kramt in der Vergangenheit, in seiner eigenen und in der des Bildungsstandorts Frankfurt. Der Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir, der aus Offenbach stammt und in Wiesbaden arbeitet, hatte in seiner Schulzeit offenbar nicht nur Erfolgserlebnisse. Irgendwann landete er auf der Max-Beckmann-Schule in Bockenheim. Die war damals nicht die beste Adresse. Die Max-Beckmann- und die Ernst-Reuter-Schule II, so erzählt es Al-Wazir am Donnerstagabend im „Stadtraum“ im Gallus, hätten alle in Frankfurt damals nur „Lumpensammler“ genannt: Schulen für jene, die dort doch noch das Abitur schafften. So wie Al-Wazir 1991.

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt steht der Minister vor einem Saal voller Grundschulleiter, die mit Corona-Abstand auf Stühlen sitzen, und sagt: „Ich weiß nicht, wie es sonst bei mir geklappt hätte.“ Denn ohne Abi wären Schüler wie er damals in einer Sackgasse gelandet. Al-Wazir ist auf Einladung des Vereins „Eltern für Schule“ gekommen, es ist der Auftakt für 13 Informationsveranstaltungen für Eltern von Viertklässlern in diesem Spätsommer und Herbst.

          „Die Frage ist, gibt es diese Sackgassen noch?“, sagt Al-Wazir. Auf der Suche nach der Antwort erinnert sich der Grünen-Politiker an die Grundschulzeit seiner eigenen Kinder. Schon in der dritten Klasse sei die Debatte unter Eltern losgegangen: „Schafft’s das Kind aufs Gymnasium?“ In der vierten Klasse habe dann ein enormer Druck auf den Kindern gelastet. Dabei zählt in Hessen bei der Schulwahl der Elternwille, die Grundschule empfiehlt nur, auf welche weiterführende Schulform ein Kind gehen sollte.

          „Entwicklung und Flexibilität ermöglichen“

          Viele machten anschließend in der fünften Klasse ihre „erste große Erfahrung des Scheiterns“, sagt Al-Wazir. Deshalb halte er es für wichtig, die Eltern frühzeitig zu informieren, dass es die Sackgassen in Hessen tatsächlich nicht mehr gebe. Wer einen Realschulabschluss und eine Ausbildung mit der Note 2,5 oder besser hat, kann zum Beispiel an der Fachhochschule studieren.

          Der Wirtschaftsminister ist nicht der Einzige, der an diesem Abend über die Frage nach dem richtigen Weg für Viertklässler spricht. An der Veranstaltung mit dem Titel „Was soll mein Kind mal werden?“ nimmt auch Stadträtin Sylvia Weber teil, deren Bildungs- und Integrationsdezernat im selben Gebäude untergebracht ist. Sie sagt: „Am Übergang 4/5 ist es nicht zu früh, um über den Beruf zu reden.“ Noch immer wollten viele Eltern, dass ihre Kinder unbedingt Abitur machen. In der marokkanischen Community etwa seien die beliebtesten Berufswünsche Arzt und Ingenieur. „Es ist wichtig, dass Schulen Entwicklung und Flexibilität ermöglichen“, findet die Sozialdemokratin – und berichtet, dass der Elternwunsch, Kinder auf das Gymnasium zu schicken, langsam zurückgehe, während der nach Integrierten Gesamtschulen steige.

          Eltern als Richtungsgeber 

          Es gibt noch mehr Grußworte. Petra Lölkes ist die Frankfurter Koordinatorin der hessischen Strategie „Olov“ für den Übergang von der Schule zum Beruf. Sie berichtet, dass sich Eltern ihrer Rolle als Richtungsgeber oft nicht bewusst seien. Zudem herrschten oft stereotype Muster wie „das Kind soll ins Büro“. Deshalb macht auch die Gesellschaft für Jugendbeschäftigung, deren Geschäftsführerin Lölkes ist, bei den Infoabenden mit.

          Evelin Spyra, Leiterin des Staatlichen Schulamts Frankfurt, erinnert daran, dass die Pandemie Pfleger systemrelevant gemacht habe. „Das zeigt, dass die Gesellschaft von der Vielfältigkeit der Begabungen lebt.“ Brigitte Scheuerle von der IHK ist dabei, weil sie Eltern darlegen möchte, „dass keine Gymnasialempfehlung kein Beinbruch ist“. Stephanie Krömer vom Arbeitsamt trifft sonst eher auf Achtklässler, hält es aber auch für sinnvoll, sich schon vorher „auf den gemeinsamen Weg“ zu begeben. Und die Bundestagsabgeordnete Bettina Wiesmann (CDU) lobt die Vielfalt der Schulformen als „großes Pfund“.

          Noch am selben Abend beginnt die erste Elterninformation. Dabei geht es mit Hilfe von Impulsvorträgen und Postern um die Wege zum beruflichen Erfolg. Das Angebot, das an Schulen in verschiedenen Stadtteilen stattfindet, soll die offiziellen Elternabende der Schulen ergänzen. Voriges Jahr kamen dem Verein zufolge insgesamt 1300 Eltern. Diesmal sind die Teilnehmerzahlen wegen der Pandemie begrenzt. Die Termine finden sich unter www.elternfuerschule.de.

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