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Medizinstudium : Mit Wasser statt Morphium

  • -Aktualisiert am

Geplanter Eingriff: Kugeln statt Tumoren entfernt der Student dem künstlichen Patienten im nachgebauten Operationssaal mit einem Endoskop. Bild: Frank Röth

Im Simulationskrankenhaus werden Medizinstudenten auf den Berufsalltag vorbereitet. An Puppen lernen sie zum Beispiel, Katheter zu legen.

          3 Min.

          „Das Werkzeug nicht auf dem Patienten ablegen“, mahnt Ärztin Jasmine Sterz den Medizinstudenten. Gerade hat er eine Pinzette auf dem grünen Tuch deponiert, mit dem ein Bein abgedeckt ist, um die Hand für eine Zange frei zu bekommen; in der anderen Hand hält er die gebogene Nadel mit dem blauen Faden. Der junge Mann lernt nähen – allerdings nicht von Textilien, sondern von Haut. „Training praktischer Fertigkeiten“ steht auf seinem Lehrplan. Bevor Medizinstudenten der Goethe-Universität im ersten klinischen Semester ihr Blockpraktikum in der Chirurgie absolvieren dürfen, müssen sie eine Woche lang in das Simulationskrankenhaus. Dort trainieren sie die wichtigsten Handgriffe an lebensechten Puppen oder nachgebildeten Körperteilen. Die Schnittwunde, die der junge Student gerade verschließt, befindet sich an einem einzelnen Plastikbein. Das Silikon sei fester als menschliche Haut, sagt Sterz, die Aufgabe dadurch schwerer.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Training wird schon seit 2006 angeboten. Bisher fanden entsprechende Seminare in Büroräumen nahe der orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim statt. Seit Januar können die Studenten noch realistischer im 800 Quadratmeter großen Simulationskrankenhaus üben, das im ersten Stock des neuen Lehr-, Lern- und Prüfungszentrums „Medicum“ auf dem Campus der Universitätsklinik eingerichtet wurde. Gestern stellte die Universität es der Presse vor. Offiziell wird das Medicum erst Mitte August von Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) eröffnet, dessen Ministerium die Kosten übernommen hat.

          Üben in Ruhe und unter Zeitdruck

          Für 250.000 Euro sind im Simulationskrankenhaus ein Arztzimmer, eine Notaufnahme, ein Schockraum, ein Operationssaal mit Umkleide und Waschraum sowie Intensiv- und Bettenzimmer entstanden. Zusätzlich gibt es Besprechungs- und Lagerräume, zwei Zimmer wurden wie eine Privatwohnung ausgestattet, hinzukommen soll hinter dem Haus noch eine Halle mit einem Rettungswagen. Geleitet wird das nachgebaute Krankenhaus von Privatdozentin Miriam Rüsseler. Die Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und leitende Notärztin der Stadt Frankfurt hat von 2004 an das Ausbildungskonzept mitentwickelt.  Ziel ist es, den Studenten Ängste zu nehmen und sie sicherer im Umgang mit Patienten zu machen. Dafür üben die jungen Leute nicht nur an Puppen, die sogar atmen und schreien können und bis zu 47.000 Euro kosten, sondern auch mit eigens dafür ausgebildeten Laiendarstellern. In den Räumen werden die Studenten nicht nur auf klinische Praktika oder den Einsatz im Rettungswagen vorbereitet, sondern auch in Notfallmedizin ausgebildet.

          Weil hier zudem praktische Prüfungen abgenommen werden, gibt es Kameras und von hinten durchsichtige Spiegel in den Räumen. Zu den Handgriffen, die geübt werden, gehört neben der Wundversorgung zum Beispiel das Abtasten des Bauchraums, das Legen von Magensonden, das Einsetzen und Entfernen von Kathetern. Allein 90 Minuten dauert das Training zur Vorbereitung auf eine Operation. Einige Übung erfordert es zum Beispiel, sterile Handschuhe so anzuziehen, dass sie danach noch steril sind. Am Anfang können die Studenten alles in Ruhe üben, später unter Zeitdruck und mit einer erhöhten Geräuschkulisse. In den Wohnräumen lernen sie zudem in fremder Umgebung und beengten Verhältnissen klarzukommen. Mit den Laiendarstellern werden Anamnese und Gesprächsführung trainiert, damit die jungen Ärzte auch unter Stress noch empathisch auf die Patienten eingehen.

          „Hier sind Fehler gewünscht und gewollt“

          Das Ganze lässt sich die Universität einiges kosten. Allein für Verbrauchsmaterial wie Fäden, Tupfer, Desinfektionsmittel und Medikamente – die Originalampullen sind zum Beispiel statt mit Morphium nur mit Wasser gefüllt – müssen 300.000 Euro im Jahr ausgegeben werden. 200 Euro pro Teilnehmer fallen nur für das einwöchige praktische Training an, das alle 350 Medizinstudenten eines Jahrgangs absolvieren müssen. Aus rechtlichen Gründen dürfen die Materialien nämlich nicht von den Pharmafirmen gesponsert werden. Das Simulationskrankenhaus sei ein „großer Gewinn für die Lehre“, sagt Studiendekan Robert Sader. Die Frankfurter Universität habe den Medizinstudenten als eine der ersten in Deutschland das Angebot nach amerikanischem Vorbild gemacht, was in Hessen noch einzigartig sei.

          Es werde von den Studenten gut angenommen, berichtet Rüsseler, und viele ältere Kollegen bedauerten, dass es das nicht schon früher gegeben habe. Bei den Übungen kämen die Studenten oftmals ins Schwitzen, vergäßen, dass die Situation nicht echt sei. Eines ist Rüsseler dabei aber wichtig: „Hier sind Fehler gewünscht und gewollt, damit sie in der Realität nicht gemacht werden.“ Um die Studenten noch besser auf den Berufsalltag vorzubereiten, plant Rüsseler ein neues Projekt: In einer achtstündigen Schicht im Simulationskrankenhaus sollen sie künftig auf Nachtdienste vorbereitet werden.

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