https://www.faz.net/-gzg-wde7

Medien : Grundlagenforschung zur Werbebranche

Zählt zur „Kreativindustrie” in Frankfurt: Agentur McCann-Erikson Bild: Frank Röth

„Es ist schwierig, Leute von Hamburg nach Frankfurt zu holen.“ Vor diesem Hintergrund hat die Stadt Frankfurt eine Studie über ihre „Kreativindustrie“ in Auftrag gegeben. Das Ziel: Ihr Image soll verbessert werden.

          3 Min.

          „Es ist schwierig, Leute von Hamburg nach Frankfurt zu holen.“ Diesen Satz hört man immer wieder, wenn man mit Vertretern der Werbebranche spricht. Manche, die das sagen, sind selbst irgendwann von der Alster an den Main gewechselt. Das gilt für die Agenturchefs Martin Wider (Publicis Frankfurt) und Norbert Lindhof (Y&R Germany) ebenso wie für den Doyen der Branche Lothar S. Leonhard (Ogilvy & Mather). Hamburg gilt vor allem in der Werbewelt immer noch als der Kreativstandort schlechthin - geprägt von Namen wie Springer & Jacoby, Scholz & Friends und heute JungvonMatt.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurt kämpft seit mehr als einem Jahrzehnt gegen sein dürftiges Image. Das allerdings ist nach Auffassung vieler völlig unberechtigt. Der gebürtige Münchner Wider, der immerhin zehn Jahre in Hamburg tätig war, bevor er nach Frankfurt kam, gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der „kleinsten größten Stadt der Welt“ spricht: Frankfurt sei offener und internationaler als Hamburg oder Berlin, habe ein grandioses Kulturangebot, eine tolle Uni, gute Schulen und viele gute Clubs und Restaurants zum Ausgehen. Und auch Norbert Lindhof ist überzeugt, Frankfurt sei um Klassen interessanter als sein Ruf.

          30.000 sozialversicherungspflichtig Mitarbeiter - vermutlich

          Dennoch ist Frankfurt für junge Kreative offenbar nicht gerade ein begehrtes Pflaster. Allein private Gründe waren es, die Katy Fathali-Nagel bewogen haben, vor knapp fünf Jahren mit Christian Schön die Agentur „fathalischön“ am Main zu gründen. Schließlich würden „hippe Agenturen ja eher dort vermutet, wo die Trends gesetzt werden“, und das sei derzeit nun einmal Berlin. Und so blickt sie wehmütig, aber verständnisvoll ihren Kollegen von „eikes graphischer hort“ nach, die gerade an die Spree umgezogen sind. Berlin lockt nämlich nicht nur mit trendigem Umfeld, sondern auch mit niedrigen Lebenshaltungskosten und Mieten. Katy Fathali-Nagel, die mit ihrer Agentur für die Kunsthalle Schirn, das Schauspiel, aber auch für Nike oder MTV arbeitet, vermisst in Frankfurt aber noch mehr einen „Marktplatz“ - einen Treffpunkt für die Branche.

          Den halten auch Wirtschaftsdezernent Boris Rhein (CDU) und Urda Martens-Jeebe für notwendig, denken dabei allerdings nicht an die Kommunikationsmärkte, die Mitte der neunziger Jahre auf dem Römerberg veranstaltet wurden. Dem Image der etwas langweiligen, kühlen Bankenstadt will man anders begegnen: „Creative Cluster“ heißt das Zauberwort. Eine Studie soll klären, wie es um die Anhäufung von Unternehmen und Mitarbeitern aus diesem bisher kaum erforschten Wirtschaftssegment in Frankfurt bestellt ist. Zu diesem kreativen Haufen werden vom Hörfunksender bis zum kleinen Verlag, vom Grafikbüro bis zur Großagentur und vom Fotografenstudio bis zum Software-Haus alle Unternehmen gezählt, die im weitesten Sinne vom Geschäft mit Kreativität und Kommunikation existieren. Mehr als 8000 solcher Unternehmen mit rund 30.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und noch viel mehr freien Mitarbeitern werden im Raum Frankfurt vermutet. Über die Struktur der Teilbranchen, deren Umsätze und über die Zahl der tatsächlich dort Tätigen weiß man bisher wenig.

          „Creative Industries Report“ in wenigen Wochen erwartet

          Licht in dieses Dunkel bringen sollen die Wirtschaftsgeographen des Instituts für Humangeographie der Frankfurter Goethe-Universität mit dem „Creative Industries Report“, der in wenigen Wochen erwartet wird. Die Ergebnisse sollen dann als Grundlage dienen, um den Kreativstandort weiter zu fördern und seine Stärken herauszustellen, damit weitere Unternehmen, aber auch Nachwuchskräfte angelockt werden.

          Denn die Suche nach Mitarbeitern wird in der Branche zu einem immer drängenderen Problem. In der Frühjahrsbefragung der Mitgliedsagenturen des Kommunikationsverbands GWA habe jede zweite angekündigt, sie wolle zusätzliche Mitarbeiter einstellen, berichtet der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Henning von Vieregge. Die Einstellungsbereitschaft übertreffe dabei sogar die Wachstumserwartungen. Die seien zwar tendenziell positiv, aber keineswegs euphorisch. Es geht wohl mehr darum, sich im Wettbewerb um die Talente zu positionieren. Denn es werden Mitarbeiter gesucht, die den kreativen Herausforderungen der neuen Medien gewachsen sind. Die Branche erwartet, dass Internet und Handy für die Werbung weiterhin eine wachsende Bedeutung erhalten. Die Gründung einer Kreativakademie wäre für Marketing-Club-Präsidentin Gabriele Eick eine wichtige Maßnahme, um den Standort zu stärken.

          „Beste Infrastruktur, gutes politisches Klima“

          Als weiterer wichtiger Baustein wird die Computerspiele-Branche gesehen. Darum hofft man auch in den Werbeagenturen darauf, dass es der Frankfurter Messegesellschaft gelingen möge, die wichtige Spielemesse „Games Convention“ von Leipzig nach Frankfurt zu holen. Wenn sich nämlich die Werbung in die virtuelle Welt ausbreiten soll, braucht man Designer und Programmierer, die solche Welten erschaffen können. Die Messe, so meint man, könne zudem helfen, weitere Unternehmen der Software- und Spielebranche anzuziehen.

          Und für diese biete Frankfurt nicht nur die beste Infrastruktur, sondern auch politisch ein gutes Klima, meint Rhein. Er kann sich auch vorstellen, solche Unternehmen bei der Ansiedlung stärker zu unterstützen - beispielsweise mit Anschubförderungen oder mit der Bereitstellung günstiger Liegenschaften. In Kamingesprächen mit Vertretern der kreativen Branchen will Rhein erörtern, was noch getan werden kann, damit der Standort nicht länger nur als Finanzplatz wahrgenommen wird. So wird es vielleicht künftig leichter, Kreative nach Frankfurt zu locken - nicht nur auf gut gepolsterte Chefsessel.

          Weitere Themen

          Bescheidene Geburtstagsfeier

          150 Jahre Commerzbank : Bescheidene Geburtstagsfeier

          Die Commerzbank hat in ihrer Geschichte viele Höhen und Tiefen erlebt. 150 Jahre nach ihrer Gründung scheint ihre Zukunft ungewisser denn je. Auch die Feier fällt kleiner aus.

          Topmeldungen

          Unzufriedene Deutsche : Kapitalismus am Pranger

          Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.
          Eine Ära endet: Es gibt in der Union Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel, aber insgesamt zu wenig Frauen

          CDU-Vorsitz : Röttgens Frau ohne Namen

          Norbert Röttgen und Friedrich Merz versprechen für den Parteivorsitz noch tollere Teamlösungen als Armin Laschet: mit Frauen! Doch woher nehmen?

          Coronavirus : In Peking bleibt man am besten zu Hause

          In der chinesischen Hauptstadt bestimmt der Kampf gegen das Coronavirus das Alltagsleben: beim Gemüsekauf, beim Spaziergang im Park, in der Apotheke und im Internet. Manche nutzen eine Corona-App als Informationsquelle.

          Soziale Netzwerke : Hass und Fake News nach Attentaten

          Nach einem Angriff wie in Volkmarsen geht es auf Twitter hoch her: Beileidsbekundungen, Spekulationen und Wut. Dabei kommt es oft zu Falschmeldungen, die zu Verschwörungstheorien und Ressentiments führen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.