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Max-Planck-Institut für Hirnforschung : Glücklicher Ort für glückliche Forscher

Gelehrtes Paar: Erin Schuman (links) und ihr Mann, die neuen Direktoren des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Grundstein ist gelegt, die neuen Direktoren sind angekommen: Erin Schuman und Gilles Laurent setzen am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt auf den Dialog der Disziplinen.

          3 Min.

          Das Gehirn liebt keine Überraschungen, wie ein Team um den Hirnforscher Wolf Singer jüngst herausgefunden hat. Überraschend aber hat die Asche des Vulkans Eyjafjalla dafür gesorgt, dass gestern Singers Kollegen, der geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Hirnforschung Gilles Laurent und seine Frau und Co-Direktorin Erin Schuman, nicht dabei sein konnten, als der Grundstein für das neue Institutsgebäude am Frankfurter Campus Riedberg gelegt wurde. Es blieb Peter Mombaerts, noch Direktor am gegenüberliegenden MPI für Biophysik, vorbehalten, Laurents per E-Mail gesandte Rede zu verlesen und mit den Vertretern der Max-Planck-Gesellschaft und der Politik die Gedenkkapsel einzumauern. Im Frühsommer 2012 soll das Gebäude, das auf rund 8000 Quadratmetern Platz für mehr als 250 Forscher bieten soll und zu dem auch ein Tierhaus gehört, fertiggestellt sein. Auch Mombaerts wird das Institut wechseln und dort einziehen - als Nachfolger des dann emeritierten Wolf Singer.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ein Ort, an dem herausragende Wissenschaft betrieben wird, und einer, der zu einem besseren Leben beiträgt“, soll das neue MPI-Gebäude laut Schuman und Laurent werden. Ihr Wunsch nach einem glücklichen, erfüllten Forscherleben schließt auch sie beide ein. Mag das Gehirn, zumindest in seinen Strukturen, Überraschungen abhold sein - Forscher lieben sie umso mehr. Sehr schnell haben sich Erin Schuman und Gilles Laurent, sie Amerikanerin, er Franzose, im Juni 2008 entschieden, vom California Institute of Technology, wo sie 17 und 20 Jahre lang in eigenen großen Forschungslabors gearbeitet haben, an das MPI nach Frankfurt zu wechseln: ein Umzug in ungewöhnlicher Richtung, streben doch viele europäische Forscher nach Amerika. Laurent und Schuman kamen im August 2009 mit ihren drei Töchtern, und sie wollen sich langfristig engagieren.

          Eine unabdingbare Grundlage

          Am Riedberg, wo sie schon als Gäste Büros und Labore in anderen Gebäuden haben, geht es Schlag auf Schlag: Beide haben ihre Forschungen neu ausgerichtet, und ihr Wechsel an das MPI und der baldige neue Kollege Mombaerts bedingen auch dort eine gewisse Änderung der Arbeitsschwerpunkte. Schuman verantwortet die Abteilung „Synaptische Plastizität“, Laurent, der auch die Geschäfte führt, „Neurale Systeme und Kodierung“, Wolf Singer die Neurophysiologie. Mit demnächst vier Abteilungen werde die Zahl der Forscher von etwa 150 auf rund 250 ansteigen. Das sei immer noch eine recht kleine Einheit, sagt Schuman - umso wichtiger ist den beiden der Zusammenhalt.

          Den demonstrierten die Mitarbeiter , indem sie T-Shirts mit einer Skizze des neuen Gebäudes trugen. „Raum für Kommunikation ist in der heutigen Forschung eine unabdingbare Grundlage“, sagt Laurent. Neurowissenschaften ließen sich nicht ohne Interdisziplinarität betreiben, von der Psychologie über die Biologie bis zur Mathematik. Es müsse dynamisch und mit viel Interaktion zwischen den Abteilungen zugehen. Das schlägt sich auch in dem neuen Gebäude nieder, dessen hölzerner Mittelbau ein Ort der Begegnung samt Bistro werden soll.

          Kategorien wie „Glück“ mögen in deutschen Ohren bezogen auf die Wissenschaft im ersten Moment merkwürdig klingen - Schuman und Laurent, die geprägt sind durch ihre amerikanischen Erfahrungen mit Interdisziplinarität und offener Kommunikation, sehen die doppelte Chance, am MPI für Hirnforschung in einer Zeit des inneren, personellen Wandels auch einen neuen Ort zu bekommen. „Um erfolgreich zu sein, muss man glücklich mit dem sein, was man tut, man darf keine Angst vor Grenzen haben, um kreativ zu forschen. Schließlich muss man auch verrückte Ideen verfolgen“, so Schuman. Langsam lernten sie alle Kollegen kennen, sagen beide - und sie seien erstaunt, wie viele Vernetzungen und neue Möglichkeiten sich dadurch ergäben. Wöchentliche Treffen, Kolloquien und Gastredner sollen den Austausch stärken.

          „Erstaunliche, aufregende Dinge“ hat Schuman mit ihrer Forschergruppe schon herausgefunden, sagt sie strahlend. In der vergangenen Woche konnte sie erste Erkenntnisse aus einem ihrer beiden neuen Schwerpunkte veröffentlichen. Um zu zeigen, wie sich Synapsen bilden und welche Neurotransmitter daran beteiligt sind, hat ihr Team Nervenzellen auf einer Platte geordnet wachsen lassen, parallel zu Versorgungskanälen und weiteren Kanälen, die es ermöglichen, die Vorgänge an den Nervenzellen auch mit neuen bildgebenden Verfahren darzustellen.

          „Wir entdecken extrem interessante Dinge“

          Laurent hat rund 15 Jahre lang an Insekten untersucht, wie Gerüche im Gehirn abgebildet werden: „Sie sind ungeheuer effizient, mit nur einer Million oder 500.000 Neuronen“, erklärt der Forscher. In Frankfurt wendet er sich nun einem ebenfalls „einfachen“ Gegenstand zu, der dreischichtigen Cortexstruktur, die auch in der menschlichen Großhirnrinde zu finden ist - unter anderem da, wo die Gerüche verarbeitet werden.

          „Wir entdecken extrem interessante Dinge - es ist wie eine neue Welt, die sich auftut“, sagt Schuman, deren zweites großes Projekt sich mit der Boten-RNA beschäftigt. Man glaubt der temperamentvollen Frau sofort, dass sie zuweilen ihre Kollegen in den Labors „am liebsten vom Stuhl schubsen und es selber machen“ würde, wie sie lachend sagt: Denn die langen, manchmal zwanzigstündigen Labortage gibt es kaum noch für eine Wissenschaftlerin, die ein Institut managt.

          „Man darf sich nie zu sehr in seine Ideen verlieben - aber die Fakten bleiben sehr lange“, sagt Laurent und weist an die Wand in seinem Büro: Dort hängen die Nervenzellen-Zeichnungen von Santiago Ramón y Cajal, eine Zusammenfassung seiner Forschung von vor mehr als 100 Jahren. Viel Wissen von damals ist inzwischen veraltet - die Bilder aber stimmen immer noch.

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