https://www.faz.net/-gzg-pnfl

: Mann mit Doppelpaß: Deutsch-Iraner Omid Nouripour ist im Bundesvorstand der Grünen

  • Aktualisiert am

Die Rede seines Lebens hat Omid Nouripour vor zwei Jahren auf dem Bundesparteitag der Grünen gehalten. Sie endete mit einer Demonstration der besonderen Art: Nouripour hielt zwei Pässe in die Höhe, seinen deutschen und seinen iranischen.

          Die Rede seines Lebens hat Omid Nouripour vor zwei Jahren auf dem Bundesparteitag der Grünen gehalten. Sie endete mit einer Demonstration der besonderen Art: Nouripour hielt zwei Pässe in die Höhe, seinen deutschen und seinen iranischen. Mit dieser Doppelpaß-Aktion hatte der Mann aus Frankfurt auf einen Schlag die Sympathien der durch Roland Koch doppelpaßtraumatisierten Grünen gewonnen. Die Delegierten wählten Nouripour anschließend in den Vorstand der Partei - allerdings mit weniger als 60 Prozent der Stimmen.

          Am vergangenen Wochenende hat Nouripour auf dem Parteitag der Grünen in Kiel wieder eine Kandidatenrede gehalten. Darin verglich er seinen Lebensweg mit dem des 11.-September-Terroristen Ziad Jarrah: Beide im ungefähr gleichen Alter, beide einer liberalen Familie entstammend, beide aus einem islamischen Land - Nouripour aus Iran, Jarrah aus dem Libanon - nach Deutschland gekommen, beide lebenslustig und dem westlichen Stil zugewandt. Bei Jarrah ist, daran besteht für Nouripour kein Zweifel, während seiner Zeit in Deutschland etwas völlig schiefgelaufen, wodurch er zum militanten Islamisten wurde. Nouripour hingegen empfahl sich dem Parteitag als jemand, dem die Integration in die deutsche Gesellschaft gelungen ist. Die Grünen-Delegierten schätzen bekanntermaßen solche Multikulti-Mustermänner und dankten es Nouripour mit einem Wahlergebnis von 79,4 Prozent.

          Der Deutsch-Iraner hat als Vorstandsmitglied der Grünen jetzt unter allen hessischen Mitgliedern das höchste Amt in der Bundespartei inne. Nouripour ist eine Art stellvertretender Vorsitzender nach dem Führungsduo Reinhard Bütikofer und Claudia Roth, zuständig für die Themen Innen-, Rechts- und Integrationspolitik. Außerdem sitzt er in der Antragskommission der Partei, welche die Vorauswahl für Parteitagsanträge trifft. Ein weiteres unspektakuläres, aber einflußreiches Amt.

          Auch wenn er der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, besitzt Nouripour in der Partei somit ein nicht unerhebliches Gewicht, denn er ist an fast allen Entscheidungen beteiligt. Im Gegensatz zu anderen Parteien haben die Grünen nur einen kleinen Vorstand, sechs Personen, der allerdings hauptamtlich arbeitet. Nouripours Job besteht darin, Bütikofer und künftig auch Roth den Rücken freizuhalten und außerdem die Kontakte zu den Landes- und Kreisverbänden zu pflegen. Einen gut Teil seiner Zeit verbringt er deshalb im Zug und auf Mitgliederversammlungen, wo er die Standpunkte und Einschätzung der Berliner Führung zu erklären versucht; auf der anderen Seite nimmt er die Wünsche und Anregungen der Basis auf, um sie an die Bundespartei weiterzuleiten.

          Der Marsch in das Führungsgremium ist für Nouripour keine Ochsentour gewesen. Im Gegenteil: Es ging im Raketentempo nach oben. Er, der 1996 eine Woche nach seinem Abitur bei den Grünen eintrat, sich aber nicht übermäßig stark als Parteiarbeiter betätigte, wurde eines Tages von der damals 14 Jahre alten Anna Lührmann gefragt, ob er nicht Co-Vorsitzender bei der Grünen Jugend Hessen, dem Jugendverband der Landespartei, werden wolle. Eine Woche später war Nouripour es - ohne vorher Mitglied dieser Parteigliederung gewesen zu sein. Das Duo Lührmann-Nouripour erwies sich als Erfolgsteam: Sie ist heute die jüngste Bundestagsabgeordnete Deutschlands, er höchster Parteifunktionär der hessischen Grünen.

          Politisiert hat sich der mittlerweile 30 Jahre alte Nouripour schon in seiner Geburtsstadt Teheran - weil ein Junge aus einer westlich-orientierten Familie im Gottesstaat einfach auf Schritt und Tritt mit der Nase auf Politik gestoßen wurde. Mit 13 Jahren kam er nach Deutschland, sein Vater und seine Mutter, beide Piloten, hatten gemerkt, daß der Tochter aus politischen Gründen der Weg zu einem Studienplatz verbaut war.

          Das Beispiel des Türkenschwaben Cem Özdemir hat dem Gymnasiasten Nouripour die Augen dafür geöffnet, daß man auch als Ausländer Parteimitglied werden kann. Um seine deutsche Staatsangehörigkeit hat der junge Mann lange gekämpft, neun Jahre lang konnte er nicht Deutscher werden, weil er Iraner war - weil der Iran ihn nicht aus der Staatsangehörigkeit entließ und Deutschland keine doppelte Staatsangehörigkeit duldete.

          Womit wird sich der Grünen-Politiker Nouripour in den nächsten zwei Jahren im Parteivorstand zuvorderst beschäftigen? Mit der Frage der demographischen Entwicklung. Die wichtigste Antwort darauf lautet Nouripours Überzeugung nach: eine möglichst kinderfreundliche Gesellschaft schaffen. HANS RIEBSAMEN

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Hat Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in der Vergabe der vom europäischen Gerichtshof gestoppten Pkw-Maut getrickst, um die Kosten möglichst niedrig erscheinen zu lassen? Neue Dokumente legen diesen Vorwurf nahe.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.