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Digitalisierung : Wie Lehrer das Programmieren lernen

Online: Auch Lehrer müssen bisweilen lernen zu programmieren (Symbolbild) Bild: dpa

Um Schüler für die digitale Welt fit zu machen, müssen Lehrer bei sich selbst anfangen. Im „Maker Space“, einer offenen Lernwerkstatt, können sie sich fortbilden.

          2 Min.

          Sie bedienen das Smartphone virtuos. Im Umgang mit digitalen Medien sind Schüler ihren Lehrern um Längen voraus. So lautet zumindest das Klischee. Aber bedeutet, dass jemand Schnappschüsse, Memes und lustige Videos auf Instagram und Tiktok postet, auch, dass er etwas von Computern und Informationstechnik versteht? Günter Howind ist da skeptisch. „Die Digital Natives schauen nicht mehr unter die Motorhaube“, sagt er.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Howind bringt Schülern seit mehr als vierzig Jahren bei, wie Computertechnik funktioniert. Zunächst als Lehrer an Grund- und Förderschulen, seit seiner Pensionierung als freier Mitarbeiter eines Medienzentrums. Sein erster Computer war ein Commodore 64. Seither hat sich die Technologie rasant entwickelt, und Howind hat versucht, Schritt zu halten.

          Hinter ihm stehen vier 3-D-Drucker im Regal. Vor ihm liegen Platinen, Kabel und Bausätze. Howind zeigt, wie man sie mit Motoren und Befehlen in Bewegung setzen kann. Noch ein Legomännchen drauf, und fertig ist das ferngesteuerte Auto. Howind meint, dass es im Unterricht an hessischen Schulen zu wenig Zeit gibt, um solche Inhalte auf spielerische Art zu vermitteln. Hessen sei da „ganz weit hinten“, denn ein Wahlkurs Informatik an der Oberstufe sei zu wenig. „Man kann im dritten und vierten Schuljahr mit der informatischen Grundbildung anfangen“, sagt er.

          Einladung zum Ausprobieren

          Aber dafür braucht man nicht nur politische Vorgaben und Ressourcen, sondern auch qualifizierte Lehrkräfte. Um Berührungsängste bei Lehrern abzubauen, hat die Stadt Frankfurt nun ein Lernzentrum eröffnet, in dem Lehrer in Digitalisierung und Informatik fortgebildet werden. Der „Maker Space“ genannte Raum im Untergeschoss des Bildungsdezernats wirkt wie eine Werkstatt. Schraubenzieher, Hammer und andere Werkzeuge hängen an der Wand, ein Lötkolben steht auf dem Tisch. Das sei Absicht, sagt Merten Giesen, der das Medienzen­trum leitet. „Das soll zum Ausprobieren einladen. Man lernt, indem man etwas tut und eigene Projekte verwirklicht.“

          Die Lehrer erproben beispielsweise selbst, wie sie kleine Schaltungen bauen, Stromkreise schließen und einfache Geräte programmieren. „Forschendes Lernen“, nennt dies Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) und fügt hinzu: „Wir brauchen Lehrer mit einer anderen Haltung als wir es vielfach gewohnt sind.“ Denn gerade bei technischen Inhalten müssen sich viele Lehrer zunächst ihre Inkompetenz eingestehen und bereit sein, neue Wege zu gehen und hinzuzulernen.

          „Was viele Lehrer nicht mitbringen, ist der Mut, etwas Neues zu machen“, sagt auch Giesen. Im „Maker Space“ erfahren die Lehrer in kleinen Gruppen, wie sie mit einfachen Mitteln die Computertechnik in den Unterricht integrieren können. Mithilfe eines Vibrationsmotors, einer Batterie und eines Kondensators verwandelt sich der Kopf einer Zahnbürste in ein Krabbeltier, das über die Tischplatte saust. Lehrer können in dem Raum auch ungestört eine Datenbrille aufsetzen und sich mit dem Thema Augmented Reality vertraut machen, ohne Angst zu haben, sich vor ihren Schülern zu blamieren, wenn noch nicht jeder Handgriff sitzt.

          Selbstbestimmt experimentieren

          Es ist das erste derartige Angebot in Hessen. Die Fortbildungen werden an vier Tagen die Woche am Nachmittag angeboten, jeweils zwei Tage davon übernehmen Ausbilder der Hessischen Lehrkräfteakademie und des Medienzentrums Frankfurt, das mit der Stadt kooperiert. Finanziert wird das Projekt von der Stadt und vom Land Hessen.

          Ingo Antony, der das Dezernat Medien in der Hessischen Lehrkräfteakademie leitet, will den Erfolg des Projekts an einem Grundsatz messen: „Was wir tun, muss in der Schule sichtbar werden.“ Deshalb können sich die Lehrer im Anschluss an ihre Fortbildung auch Bausätze und andere technische Ausrüstung ausleihen und mit in den Unterricht nehmen. Sogar vier 3-D-Drucker können entliehen werden. Auch Unterrichtsmaterial wird zur Verfügung gestellt. Denn der „Worst Case“ sei, wenn die Schüler mit der Technik im Unterricht nichts anfangen könnten, meint Antony.

          Im Vordergrund des „Maker Space“ steht der Gedanke, in einer offenen Lernwerkstatt selbstbestimmt zu experimentieren und Projekte zu realisieren. Paul Wege, der an der KGS Niederrad unterrichtet, formuliert es so: „Greifen und begreifen liegen so nah beieinander.“

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