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Acht Kilometer Frankfurt

ALEXANDER JÜRGS (Text) und MARTIN ALBERMANN (Fotos)

1. Februar 2022 · Vom Bankenviertel bis zur Niddamündung: Wer die Mainzer Landstraße, die zweitlängste Straße der Stadt, entlanggeht, der lernt die Mainmetropole mit all ihrer Vielfalt und all ihren Widersprüchen im Schnelldurchlauf kennen.

Bis zum Horizont: Von der Dachterrasse im 34. Stockwerk des Marienturms aus kann man die Mainzer Landstraße fast in ihrer vollen Länge betrachten.
Bis zum Horizont: Von der Dachterrasse im 34. Stockwerk des Marienturms aus kann man die Mainzer Landstraße fast in ihrer vollen Länge betrachten.

Es ist noch dunkel, und es ist kalt. Der Mann steht an den Rolltreppen der S-Bahn-Haltestelle Taunusanlage. Doch kaum jemand bleibt stehen und hört ihm zu. Die Menschen sind in Eile, die meisten auf dem Weg in die Büros. Für seine Musik haben sie keine Zeit. Der Mann spielt trotzdem. Damit er in Übung bleibt.

In Moskau hat er in einem Opernhaus musiziert. Doch dann zog es seine Frau, eine IT-Spezialistin, nach Frankfurt. Der Klarinettist kam mit ihr in die fremde Stadt. Er arbeitet jetzt als Freiberufler, doch Konzerte sind selten geworden, darum schlägt er sich mit Musikunterricht durch. Und er spielt auf der Straße, um sein Handwerk, seine Kunst nicht zu verlernen. In der Tasche seines Anoraks hat er eine Lautsprecherbox. „Mein Orchester“, sagt er.

Will unbedingt in Übung bleiben: Straßenmusiker in der Station Taunusanlage
Will unbedingt in Übung bleiben: Straßenmusiker in der Station Taunusanlage

Seinen Namen sollten wir besser nicht nennen, fügt er hinzu. Denn streng genommen ist das, was er hier tut, also Klarinette spielen in einer U-Bahn-Unterführung, nicht erlaubt. „Ich verstehe das nicht, so ein bisschen Musik, das ist doch schön, das tut doch gut.“

Hektik bestimmt die Mainzer Landstraße, die an der Taunusanlage, gegenüber den Zwillingstürmen der Deutschen Bank, beginnt. Sie ist laut, sie ist viel befahren, sie ist anstrengend. An ihrem Anfang steht ein Bürokomplex inklusive Hochhaus, das Marienforum und der Marienturm, mit großen Fenstern und Marmor an der Fassade. An ihrem Ende steht ein Kiosk, eine Bretterbude.

Dazwischen liegen gut acht Kilometer Frankfurt, von Hausnummer 1 bis 846. Auf dieser Strecke entdeckt man, was diese Stadt ausmacht und prägt: Banken, Wohnblöcke, Kneipen und Imbisse, Migration, Armut und Protz. Urbanität und Provinzialität, Veränderung und Beharrlichkeit. Und Trotz. Wer die Mainzer Landstraße entlanggeht, von ihrem Anfang bis zum Ende, der lernt Frankfurt im Schnelldurchlauf kennen, spürt die Vielfalt und die Widersprüche.

Auf den ersten Metern stehen die Prachtbauten. Prachtbauten der Jahrhundertwende: repräsentative Stadtvillen, Häuser mit faszinierenden Details und viel Sandstein. Und die Prachtbauten der Gegenwart: die in die Höhe strebenden Bankzentralen. Deka Bank, Bethmann Bank, Goldman Sachs, DWS, GLS. Vor dem Turm der DZ Bank sieht man den berühmten, umgedrehten Schlips von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen – eines der merkwürdigsten Kunstwerke der Pop-Art. Schuf das Künstlerpaar mit ihm eine Hommage an die fleißigen, stilbewussten Banker? Oder spotteten sie über deren Uniformität? Schwer zu sagen.

Ein paar Schritte weiter steht ein Mann mit einem gelben Gartenschlauch in der Hand und wässert die Beete vor der Bankzentrale. Er lacht. „Ihr denkt, ich bin bekloppt, weil ich hier die Blumen gieße?“, fragt er uns. „Wir haben frisch gesät, darum brauchen die Pflanzen jetzt Wasser, dafür reicht der Regen nicht.“ Ob wir ihn bei seiner Arbeit fotografieren dürfen, fragen wir. „Nein, keine Zeit.“

Die Menschen, die auf der Mainzer Landstraße unterwegs sind, bleiben in Bewegung. Ruhe wird hier nicht gesucht. Sie ist kein Ort zum Bleiben, diese Straße, die von der Innenstadt bis nach Höchst, ganz im Westen der Stadt, führt. Nur die Homburger Landstraße, im Norden der Stadt, ist noch etwa einen halben Kilometer länger.

Rauer Charme in Bahnhofsnähe: Den „Fennischfuchser“ an der Ecke zur Ottostraße gibt es schon ewig. Ferdinand Groß ist 82 Jahre alt, wohnt seit mehr als 30 Jahren in dem Haus und arbeitet in der Kneipe.
Rauer Charme in Bahnhofsnähe: Den „Fennischfuchser“ an der Ecke zur Ottostraße gibt es schon ewig. Ferdinand Groß ist 82 Jahre alt, wohnt seit mehr als 30 Jahren in dem Haus und arbeitet in der Kneipe.

Kurz hinter dem Platz der Republik, an der Kreuzung zur Ottostraße, liegt der „Fennischfuchser“, eine Kneipe, die wie aus der Zeit gefallen wirkt. Ferdinand Groß steht davor und putzt mit einem Staubwedel die Aushangkästen. Auf die Frage, wie lange das Lokal schon existiert, antwortet er: „Ach, ewig.“

Auch Groß ist in Eile. Um elf will er fertig sein, dann kommt seine Tochter und übernimmt im „Fennischfuchser“ die Stellung. Hinter der Theke stehen die Schnapsflaschen in Reih und Glied, aus den Lautsprechern erklingt Blondie, die von den Wirrungen der Liebe singt, Rippchen mit Kraut gibt es für 9,80 Euro.

Seit mehr als 30 Jahren, erzählt Groß, wohne er schon in dem Haus und arbeite in der Kneipe. Früher sei das hier eine schöne Gegend gewesen, heute gebe es immer öfter Stress mit den Dealern, die auf der Straße ihren Geschäften nachgehen. Wegziehen will Groß trotzdem nicht. „Ich bin jetzt 82, wo soll ich denn hin?“

Das Prächtige, das Repräsentative, das die Mainzer Landstraße an ihrem Beginn kennzeichnet, sucht man jenseits des Platzes der Republik vergeblich. Die Häuser werden flacher, gleichförmiger. Der graue Güterplatz wirkt wie ein Loch, wie eine Lücke mitten in der Stadt. Gegenüber wird ein Eckhaus abgerissen. Die Baggerzange zermalmt die Steine, die Schutthaufen türmen sich.

Der Schritt wird jetzt schneller, weil es weniger zu sehen gibt. Bis zur Galluswarte – der Turm ist der überschaubare Überrest der im späten Mittelalter errichteten Frankfurter Landwehr – zeigt sich die Straße eher eintönig. In ihrer Mitte fahren nun die Straßenbahnen, die Linien 11 und 21. Früher wurde die Strecke oft der „Junkie-Express“ genannt.

Prominente Wegmarke: Die Galluswarte entstand im Spätmittelalter.
Prominente Wegmarke: Die Galluswarte entstand im Spätmittelalter.

Multikulturell, vielfältig, bunt. Das sind die Begriffe – oder besser: Floskeln – , mit denen die Mainzer Landstraße westlich der Galluswarte beschrieben wird. Türkische, thailändische, chinesische, italienische Restaurants und Imbisse findet man hier. Autohändler, Barbiere, Handyshops, Shisha-Bars, um die Ecke eine Moschee.

Adrenalin verpflichtet: So steht es auf einem Plakat in der Autoglaserei Lauth & Sooth. Das Geschäft ist das, was man einen Traditionsbetrieb nennt. Seit mehr als 60 Jahren gibt es ihn. „Wir sind wie die Nadel im Heuhaufen, aber die Leute finden uns trotzdem“, sagt Klaus-Dieter Löffler, einer von drei Geschäftsführern der Glaserei. Sie machen für ihren Betrieb keine Werbung, nicht einmal eine Internetseite haben sie, dafür aber viele Stammkunden.

„Ich ruf an, wenn der Wagen fertig ist, mein Lieber“, verabschiedet Löffler einen Mann. Dann wirft er eine Münze in den Kaffeeautomaten, setzt sich und erzählt. 1983 hat er in der Autoglaserei angefangen. Als sein Chef, „der Herr Sooth“, starb, hat dessen Frau ihn und zwei Kollegen gefragt, ob sie die Leitung der Werkstatt übernehmen wollten. „Das war ein feiner Zug.“ Den Betrieb so weiterführen, wie es der Chef all die Jahre gemacht hat: Das ist seitdem sein Ziel.

Die Drei von der Glaserei: Sünüllah Safranti, Klaus-Dieter Löffler und Fred Peter Schröder haben den Traditionsbetrieb Lauth & Sooth übernommen.
Die Drei von der Glaserei: Sünüllah Safranti, Klaus-Dieter Löffler und Fred Peter Schröder haben den Traditionsbetrieb Lauth & Sooth übernommen.

Manchmal, erzählt Löffler, sei er ganz schön genervt von der Mainzer Landstraße. Auch er kann sich echauffieren. Über Wildparker, über Menschen, die ihren Müll einfach liegen lassen, die Pizzakartons, die halb aufgegessenen Hähnchen vom Imbiss, über fehlenden Respekt. „Die Stimmung ist aggressiver geworden, die Leute lachen nicht mehr so viel wie früher“, meint Löffler. Und er vermisst die Geschäfte, die in den vergangenen Jahren verschwunden sind, die aufgegeben wurden. Den Metzger, die Apotheke, Frau Braun, die Goldschmiedin, das Büdchen. Auch die Zahl der Autohändler auf der Mainzer Landstraße hat stark abgenommen. „Die sind jetzt alle am Römerhof.“

Doch allzu laut jammern will Löffler nicht. „Woanders hin will ich nicht“, sagt er. „Mit ein bissi Witz, mit ein bissi Humor hält man es hier gut aus.“ Seine Wohnung hat er an der Frankenallee, nicht weit entfernt von der Werkstatt. Trotzdem kommt er meist mit dem Auto zur Arbeit. Auch seine Frau hat Löffler an der Mainzer Landstraße kennengelernt. Sie hat dort früher einen Kosmetiksalon betrieben. Löffler gefällt es, dass im Gallus Menschen aus allen Ecken der Welt zusammenkommen. „Man kommt hier leicht ins Reden, man hört verschiedene Meinungen.“

Nach Mainz reist auf der Mainzer Landstraße heute niemand mehr. Dafür benutzt man, nördlich des Mains, schon lange die A 66. Aus der Fernverbindung wurde schon vor Ewigkeiten eine Kreisstraße. An vielen Stellen erscheint die Mainzer nun wie ein Zwitter: breit wie eine Autobahn, geschäftig wie eine Fußgängerzone.

Ein Stückchen Heimat: Le Thi Thu Huong baut in ihrem Garten auch asiatisches Gemüse an.
Ein Stückchen Heimat: Le Thi Thu Huong baut in ihrem Garten auch asiatisches Gemüse an.

Hinter der Kreuzung zur Mönchhofstraße wirkt die Szenerie dann beinahe ländlich. Jetzt wird die Straße von Schrebergärten gesäumt, auf andere Fußgänger stößt man kaum mehr. In den Kleingartenanlagen haben sich die Menschen ihre Rückzugsorte geschaffen. Seckiner Aybas hat seinen Garten schon mehr als 20 Jahre lang. Er pflanzt dort auch Weintrauben an. Die Reben stammen aus der Heimat seines Großvaters in der Türkei. Le Thi Thu Huong, die im vietnamesischen Ha Long aufgewachsen ist, hat ihre Parzelle vor vier Jahren von einer türkischstämmigen Familie übernommen. Sie hat lange in Erfurt gelebt. Als ihr Mann starb, ist sie gemeinsam mit ihrem Sohn nach Frankfurt gezogen. In ihrem Garten baut sie Gemüse an, darunter auch einige Pflanzen aus ihrer alten Heimat in Asien.

Ein Stück weiter tauchen dann Wohnblöcke auf, verwaiste Spielplätze, Grünflächen. Auf der anderen Seite: ein Supermarkt, eine Drogerie, ein Fitnessstudio, ein Multiplex-Kino. Am Jugendhaus Nied erblickt man dann auf einmal ein Ufo: ein gelbes Etwas, aus Kunststoff, mit runden Fenstern. Der Designer Heinz Soschinski hat das sonderbare Ding 1970 als Messestand auf der Cebit entwickelt und damit für viel Aufsehen gesorgt. Viele Jahre wurde es am früheren Sitz seines Unternehmens in Taunusstein aufbewahrt. Und 1997 kam Soschinskis Ufo schließlich als Spende zu dem Jugendzentrum.

In Nied wird die Mainzer Landstraße endgültig dörflich. Über drei Stockwerke kommen die Häuser so gut wie nicht hinaus, der Verkehr nimmt spürbar ab. Die einzige Landmarke ist die imposante katholische Sankt-Markus-Kirche. Gegenüber, an der Haltestelle der Straßenbahn, arbeitet Nurettin Keskinoglu seit 15 Jahren im Hähnchengrill, von acht bis 17 Uhr läuft seine Schicht. Er kenne hier jeden, sagt er, „vom Pfarrer bis zur Prostituierten“.

Wenn man vom Hähnchengrill aus weiterläuft, die letzten Meter bis nach Höchst, dann passiert man einen schönen Park am Mainufer. Hohe, alte Bäume reihen sich an der Straße, die jetzt nur noch zwei Spuren hat. Eine Brücke führt über die Nidda, die im Vogelsberg entspringt, und hier nun in den Main mündet. An der Haltestelle Tillystraße ist dann Schluss, ganz unspektakulär. Aus der Mainzer Landstraße wird die Bolongarostraße, das war’s.

An der Stelle, wo die beiden Straßen aufeinanderstoßen, steht ein Kiosk, eine Trinkhalle. Und davor wacht Ergün Mehmet, Jahrgang 1947, geboren in der Türkei, seine Schiefermütze tief ins Gesicht gezogen, in einen dicken Parka gehüllt, gegen die Kälte. Mehr als 20 Jahre lang hat Ergün das Büdchen geführt, hat Apfelwein, Lutscher und Chips verkauft. Zuletzt liefen die Geschäfte wegen Corona nicht mehr gut. Vor einem Monat hat er den Kiosk deshalb abgegeben, an Farid Tukhy, einen Zweiunddreißigjährigen mit afghanischen Wurzeln. 

Doch der Abschied von seiner alten Wirkungsstätte fällt Ergün schwer, so richtig will er von dem Kiosk nicht lassen. Darum steht er nun da, gibt seinem Nachfolger Tipps, sagt ihm, dass er die Kiosktür schließen soll, damit es nicht so zieht in dem hölzernen Büdchen. Wie Vater und Sohn wirken die beiden.

Wagnis Kiosk: Wo die Mainzer Landstraße endet, probiert Farid Tukhy etwas Neues.
Wagnis Kiosk: Wo die Mainzer Landstraße endet, probiert Farid Tukhy etwas Neues.

Tukhy ist als Kind nach Frankfurt gekommen. Seine Eltern haben im Bahnhofsviertel einen der ersten Handyläden in der Stadt aufgemacht. Er hat dort regelmäßig mitgeholfen, das Verkaufen macht ihm Spaß. Mit dem Kiosk an der Straßenbahnhaltestelle sucht er nun sein eigenes Glück. Angst, dass das Lädchen nicht laufen wird, hat er nicht. Da, wo die Mainzer Landstraße endet, fängt Farid Thuky gerade etwas Neues an.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.02.2022 16:36 Uhr