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Magersucht : Alles unter Kontrolle

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Bildstörung: Anna nahm ihren Körper verzerrt wahr – je dünner sie wurde, desto dicker fühlte sie sich. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit 15 Jahren beginnt Anna abzunehmen – und wird magersüchtig. Doch erst Jahre später kann sie sich die Krankheit eingestehen und wieder ein normales Leben führen.

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          „Ich fühle mich oft noch fett“, sagt Anna. Wer ihre Geschichte kennt, zuckt bei diesen Worten zusammen. Als sie ihren Satz ergänzt, ist jedoch zu spüren, dass nichts Schlimmes mehr darin liegt: „Dieses Gefühl hindert mich aber nicht mehr am Leben“, sagt die junge Frau. Es klingt, als fühle sie sich frei. Im Reinen mit sich und ihrem Umfeld und bereit, es mit dem Leben aufzunehmen.

          Anna, die ihren wahren Namen nicht verraten möchte, war magersüchtig. Vor sechs Jahren hatte ihre Leidensgeschichte begonnen: ein Kampf um Macht und Kontrolle über sich und andere. Heute ist sie 21 Jahre alt und studiert in Frankfurt Kunstgeschichte. Es geht ihr gut seit ihrem letzten Klinikaufenthalt im Januar 2010. Danach gab es für Anna nur noch zwei Optionen: „Entweder ich gebe Vollgas und fahre gegen den Baum, oder ich mach endlich was.“

          Schon bald dreht sich ihr Tag nur noch darum, ob sie etwas isst oder nicht

          Ein Blick in die Vergangenheit: Anna ist 15 Jahre alt, 1,72 Meter groß und 60 Kilogramm schwer. Mitten in der Pubertät erfasst sie die Angst vor dem Erwachsenwerden. Zudem frustriert sie das Gefühl, von ihrer Familie nur so wahrgenommen zu werden, wie man sie haben will, nicht wie sie wirklich ist. Ihre unbewussten Ängste versucht sie durch Hungern zu lösen. In der Magersucht findet Anna eine Gefährtin, die sie ganz für sich hat, die sie alleine kontrolliert, und die ihr niemand wegnehmen kann. Innerhalb eines Jahres hungert sie sich auf 46 Kilogramm herunter. „Ich dachte, je leichter ich werde, umso leichter wird auch alles andere. Aber in Wirklichkeit wurde alles nur schwerer“, berichtet Anna heute.

          Erst wird sie bewundert für ihre schlanke Figur und die Disziplin, mit der sie sich jede Süßigkeit und fetthaltige Kost verbietet. Doch bald dreht sich ihr Tag nur noch darum, ob sie etwas isst oder nicht. Später besteht ihre tägliche Mahlzeit aus einem Salat zum Abendessen. „Aber je mehr ich abgenommen habe, umso dicker habe ich mich gefühlt. Am Ende waren sogar Äpfel zu viel.“

          Mahnende und fürsorgliche Worte ihrer Familie und ihre Freunde gehen an ihr vorbei

          Durch den Nährstoffmangel wird Anna immer schwächer. Sie kann sich nicht mehr konzentrieren, verliert büschelweise Haare, ihre Pubertät hört auf, und sie leidet unter extrem trockener Haut. Aber eincremen will sie sich nicht. Sie befürchtet, das Fett der Creme könnte sich im Körper ablagern.

          Mahnende und fürsorgliche Worte ihrer Familie und ihre Freunde gehen an ihr vorbei. „Das Gehirn ist so verhungert, dass es nicht mehr klar denken kann“, sagt sie in einem Gespräch im Frühjahr 2009. „Alles war in Wolken gehüllt. Ich fühlte mich wie in einer Glaswelt.“ In einer Sekunde ist sie tieftraurig, im nächsten Augenblick schreit sie hysterisch herum. Körperkontakt vermeidet sie, Anna will weder sich noch andere spüren. Schließlich wird sie in das Clementine-Kinderhospital eingewiesen. Es ist ihre Rettung. Anna schafft es mit Hilfe der Ärzte und Therapeuten, sich selbst zu finden und 2009 ihr Abitur abzulegen.

          „Es ist absurd“

          Damit ist eine wichtige Hürde geschafft: keine Magensonde mehr, regelmäßige Mahlzeiten, Anna hat ihre Lebensfreude wieder entdeckt. Nun will sie die Welt erobern, eine Aufgabe finden. Mit einer Gruppe sozial engagierter junger Leute reist sie in den Libanon, um sich dort im nächsten halben Jahr um behinderte Menschen zu kümmern. Aber für diese Aufgabe ist sie noch zu schwach. „Bald stand ich in Beirut in der Wohnung vor dem Spiegel und dachte: ,Oh, wie fett.‘“

          Kurz danach liegt sie auf der Krankenstation, und nach rund drei Monaten fliegt sie mit einem Körpergewicht von knapp über 40 Kilogramm nach Hause. Wieder daheim, schiebt sie ihre Verfassung und die Magenbeschwerden auf das unverträgliche ausländische Essen. „Es ist absurd. Nach all dem Erlebten dachte ich immer noch, ich kann die Krankheit austricksen“, sagt die Studentin inzwischen.

          Zum ersten Mal hat sie Angst davor, durch Magersucht zu sterben

          Die Rückreise nach Deutschland empfindet sie als Niederlage – und reagiert wütend. Ärzten, Therapeuten und der Familie wirft sie vor, dass sie sich mit der Diagnose Magersucht nur auf ihre Standards beziehen. Zwei Mal wird Anna noch in Krankenhäuser gebracht, jedes Mal verlässt sie eigenverantwortlich die Klinik. Über die Drohung der Ärzte, sie müsse bald mit einer Magensonde ernährt werden, lacht sie nur. Damit kann man sie nicht mehr schocken, stattdessen verleugnet sie die Krankheit noch immer. Nur eins ist ihr klar: Sie will nicht so enden wie diese „verbitterten Essgestörten, die seit Wochen Butter auf dem Brot essen müssen“.

          Inzwischen weiß Anna, dass sie näher an den betroffenen Frauen war, als sie verkraften konnte. Sie hat versucht, sich durch diese Sicht abzugrenzen. Fazit: Niemand kann Anna helfen. Sie ist längst volljährig, schafft sie es jetzt nicht, wird der Tag kommen, an dem sie nichts mehr unter Kontrolle haben wird. Wieder bei den Eltern, mit ihren Gedanken alleine, hat sie zum ersten Mal Angst davor, an Magersucht zu sterben. Es scheint der Augenblick zu sein, der ihre Zukunft sichert. Denn im Gegensatz zu den ersten Jahren im Magerwahn hat Anna die Lebensfreude nicht verlassen. Sie hat Pläne, möchte eine Familie, will studieren und einen Beruf ergreifen. Eben ein normales Leben führen, für das sie derzeit zu schwach ist. „Ich wollte gerne ausziehen, unabhängig sein, aber in dem Zustand wäre ich wohl nach drei Tagen tot gewesen.“

          „Es lohnt sich, die Magersucht loszulassen“

          Endlich wird sie aktiv. Sie sucht sich eine Ernährungsberaterin, die ihr ein leichtes Sportprogramm zum Muskelaufbau verordnet und sie langsam zum Essen zurückführt. Und das Wichtigste für Anna: Die Frau versteht sie. „In den Kliniken geht es nur ums Stopfen. Jedes Brot muss dick mit Butter oder Frischkäse beschmiert werden“, erzählt Anna. Das geregelte Essen einer fettarmen Kost, die Annas Vorlieben berücksichtigt, und die gestählten Muskeln – die zugleich ihren Appetit vergrößern, da die Muskelzellen mit Energie versorgt werden wollen – geben ihr die Kraft, im Herbst 2010 ihr Studium zu beginnen.

          Auch eine Psychotherapie hilft ihr weiter. „Zum ersten Mal habe ich gespürt, dass ich für mich etwas bewirken kann“, sagt Anna. Kurz darauf bezieht sie ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Jetzt gab es niemanden mehr, der aufpasste, ob sie etwas essen würde oder nicht. Plötzlich wurde die Essstörung uninteressant.

          Zurück in der Gegenwart: „Das Leben zeigt sich mir in seinen Facetten, aber ich kann wählen, wie ich mich dem gegenüber stelle“, sagt Anna. Sie habe sich für die Freiheit entschieden, indem sie die Macht und Kontrolle über andere abgegeben habe. „Alles, wovor ich Angst hatte, dass es kompliziert sei, hat sich als einfach erwiesen“, sagt sie. Endlich ist sie fit, zum Ausgehen, zum Studieren oder nur für einen Spaziergang. „Es lohnt sich, die Magersucht loszulassen“, findet Anna, „das Leben ist schön.“

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