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Magersucht : Alles unter Kontrolle

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Kurz danach liegt sie auf der Krankenstation, und nach rund drei Monaten fliegt sie mit einem Körpergewicht von knapp über 40 Kilogramm nach Hause. Wieder daheim, schiebt sie ihre Verfassung und die Magenbeschwerden auf das unverträgliche ausländische Essen. „Es ist absurd. Nach all dem Erlebten dachte ich immer noch, ich kann die Krankheit austricksen“, sagt die Studentin inzwischen.

Zum ersten Mal hat sie Angst davor, durch Magersucht zu sterben

Die Rückreise nach Deutschland empfindet sie als Niederlage – und reagiert wütend. Ärzten, Therapeuten und der Familie wirft sie vor, dass sie sich mit der Diagnose Magersucht nur auf ihre Standards beziehen. Zwei Mal wird Anna noch in Krankenhäuser gebracht, jedes Mal verlässt sie eigenverantwortlich die Klinik. Über die Drohung der Ärzte, sie müsse bald mit einer Magensonde ernährt werden, lacht sie nur. Damit kann man sie nicht mehr schocken, stattdessen verleugnet sie die Krankheit noch immer. Nur eins ist ihr klar: Sie will nicht so enden wie diese „verbitterten Essgestörten, die seit Wochen Butter auf dem Brot essen müssen“.

Inzwischen weiß Anna, dass sie näher an den betroffenen Frauen war, als sie verkraften konnte. Sie hat versucht, sich durch diese Sicht abzugrenzen. Fazit: Niemand kann Anna helfen. Sie ist längst volljährig, schafft sie es jetzt nicht, wird der Tag kommen, an dem sie nichts mehr unter Kontrolle haben wird. Wieder bei den Eltern, mit ihren Gedanken alleine, hat sie zum ersten Mal Angst davor, an Magersucht zu sterben. Es scheint der Augenblick zu sein, der ihre Zukunft sichert. Denn im Gegensatz zu den ersten Jahren im Magerwahn hat Anna die Lebensfreude nicht verlassen. Sie hat Pläne, möchte eine Familie, will studieren und einen Beruf ergreifen. Eben ein normales Leben führen, für das sie derzeit zu schwach ist. „Ich wollte gerne ausziehen, unabhängig sein, aber in dem Zustand wäre ich wohl nach drei Tagen tot gewesen.“

„Es lohnt sich, die Magersucht loszulassen“

Endlich wird sie aktiv. Sie sucht sich eine Ernährungsberaterin, die ihr ein leichtes Sportprogramm zum Muskelaufbau verordnet und sie langsam zum Essen zurückführt. Und das Wichtigste für Anna: Die Frau versteht sie. „In den Kliniken geht es nur ums Stopfen. Jedes Brot muss dick mit Butter oder Frischkäse beschmiert werden“, erzählt Anna. Das geregelte Essen einer fettarmen Kost, die Annas Vorlieben berücksichtigt, und die gestählten Muskeln – die zugleich ihren Appetit vergrößern, da die Muskelzellen mit Energie versorgt werden wollen – geben ihr die Kraft, im Herbst 2010 ihr Studium zu beginnen.

Auch eine Psychotherapie hilft ihr weiter. „Zum ersten Mal habe ich gespürt, dass ich für mich etwas bewirken kann“, sagt Anna. Kurz darauf bezieht sie ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Jetzt gab es niemanden mehr, der aufpasste, ob sie etwas essen würde oder nicht. Plötzlich wurde die Essstörung uninteressant.

Zurück in der Gegenwart: „Das Leben zeigt sich mir in seinen Facetten, aber ich kann wählen, wie ich mich dem gegenüber stelle“, sagt Anna. Sie habe sich für die Freiheit entschieden, indem sie die Macht und Kontrolle über andere abgegeben habe. „Alles, wovor ich Angst hatte, dass es kompliziert sei, hat sich als einfach erwiesen“, sagt sie. Endlich ist sie fit, zum Ausgehen, zum Studieren oder nur für einen Spaziergang. „Es lohnt sich, die Magersucht loszulassen“, findet Anna, „das Leben ist schön.“

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