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Luftbrücken-Veteran Earl Moore im Gespräch : „Wir haben einfach Leben gerettet“

Luftbrücken-Veteran Earl Moore: Unsere Mission bekam „fast so etwas wie ein Kreuzzug” Bild: dpa

Zum 60. Jahrestag des Beginns der Luftbrücke nach Berlin haben amerikanische Veteranen Frankfurt besucht. Der 84 Jahre alte Earl Moore war einer von ihnen.

          2 Min.

          Von Frankfurt aus starteten vor 60 Jahren die ersten „Rosinenbomber“. Ihr Ziel: das von den Sowjets abgeriegelte Berlin. Es war der Beginn der Luftbrücke. Zum Jahrestag haben amerikanische Veteranen Frankfurt besucht. Einer von ihnen ist der 84 Jahre alte Earl Moore.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie waren während des Zweiten Weltkriegs Marine-Flieger im Pazifik. Wie wurden Sie zum Luftbrücken-Piloten?

          Ganz einfach: Sie haben mich einfach abkommandiert. Ich war damals in Schanghai und bekam ein Telex mit dem Befehl, mich mit meinen Männern und Maschinen in Wiesbaden bei einem Colonel Sowieso zu melden. Wir haben uns natürlich gewaltig aufgeregt, wir waren schließlich Navy. Wer zum Teufel sollte uns dazu bringen, uns bei irgendeinem Air-Force-Offizier zu melden?! Nun, am Ende sind wir natürlich in unsere viermotorige C54 „Skymaster“ gestiegen, sind nach Deutschland geflogen und haben dann von der Rhein-Main Air Base aus unseren Job gemacht.

          War die Luftbrücke nur ein Job?

          Zunächst schon. Aber dann sahen wir ja die Menschen, die wir versorgten und vor den Russen bewahrten: vor allem Frauen und Kinder, denn es waren ja kaum Männer in Berlin. Kleine Gestalten mit eingefallenen Augen, hungrig und krank. Als wir das sahen, da bekam unsere Mission fast so etwas wie ein Kreuzzug. Ich erinnere mich vor allem an Weihnachten 1948. Viele Berliner litten an Grippe und Lungenentzündung, und viele schwangere Frauen waren dem Tod geweiht. Am Heiligen Abend habe ich mit meiner Crew 148 Pfund Penicillin nach Tempelhof gebracht, Tausende kleine Fläschchen. Und die haben vielen werdenden Müttern das Leben gerettet und vielen Babys das Leben ermöglicht. Wissen Sie, so etwas macht einen schon sehr stolz.

          Gail Halvorsen, der „Candy Bomber“, hat gesagt: „Unsere wichtigste Fracht war die Hoffnung.“

          Genau so ist es. Ich habe sie ja gesehen, die kleinen Kinder ohne Hoffnung, von Krieg und Entbehrung gezeichnet. Durch unsere Hilfe, unsere Flugzeuge, die keine Bomben, sondern Nahrung und Kleidung brachten, durch sie wurden diese armen Kinder zu richtigen Menschen, mit Träumen und Wünschen – und mit einer Zukunft. Denn ohne Hoffnung kann niemand leben.

          Wie oft sind Sie geflogen?

          Meistens zwei Mal am Tag. Ob tagsüber oder nachts, das war egal. Man kam nach Frankfurt, die Maschine wurde aufgetankt und beladen – und schon war man wieder weg. Die Zeit spielte einfach keine Rolle.

          Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie während der Flüge zu kämpfen?

          Das Schlimmste war das Wetter. Wolken, Nebel, vor allem im Winter waren die Flüge eine Quälerei. Ohne Radarunterstützung hätten wir es nie geschafft. Ja, und in Berlin war der Anflug auf Tempelhof eine echte Herausforderung. Mitten in der Einflugschneise standen eine Menge Wohnblocks. Wir haben einige von unseren Jungs da verloren, die mit ihren Maschinen in die Wohnblocks stürzten.

          Hat es Ihnen nichts ausgemacht, Ihr Leben für Leute aufs Spiel zu setzen, die ein paar Jahre zuvor noch Ihre Feinde gewesen waren?

          Nicht für mich! Ich war während des Krieges im Pazifik, ich hatte noch nie einen Deutschen gesehen, bevor ich nach Frankfurt kam. Aber einige Kameraden hatten schon ein Problem damit. Ich erinnere mich an einen Jungen, der war Kriegsgefangener in Rumänien gewesen und zum Tode verurteilt worden. Dem ist es am Anfang sehr schwergefallen.

          Hatten Sie das Gefühl, Teil einer historischen Unternehmung zu sein?

          Nein, wir haben einfach Leben gerettet, Kindern Hoffnung gegeben und geholfen, ein vom Krieg zerrissenes Land wieder aufzubauen.

          Was haben Sie nach dem Ende der Luftbrücke gemacht?

          Ich wurde nach Korea versetzt und habe dort zweieinhalb Jahre lang alles noch einmal erlebt, nur schlimmer. Später habe ich studiert und 50 Jahre als Zahnarzt und Allgemeinmediziner praktiziert.

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