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Lokführer im Porträt : „RB 15607 meldet Personenschaden“

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Fühlt sich wieder stabil und sicher an seinem Arbeitsplatz: Lokführer Meinhard Bahr Bild: Slesiona, Patrick

Es passiert in Deutschland jeden Tag, mehrmals. Wenn sich jemand vor ihrem Zug auf die Gleise geworfen hat, ist für viele Lokführer der Weg zurück an den Arbeitsplatz lang. Von einem, der es geschafft hat.

          Die Sonne strahlt von einem stahlblauen Himmel, als Meinhard Bahr zum zweiten Mal in seinem Leben einen Menschen totfährt. Es ist der 19. August 2012, ein Sonntag. Bahr fährt die Frühschicht. Hinter einem grauen Stromkasten, im Gebüsch direkt neben dem Gleis, kauert ein junger Mann. Mit drei schnellen Schritten kommt er aus seinem Versteck. Springt ab. Mit dem Kopf voraus, direkt auf Bahr zu.

          Um kurz nach halb zehn geht der Notruf bei Polizei und Feuerwehr ein. RB 15607 auf der Fahrt von Wächtersbach nach Frankfurt am Main Hauptbahnhof meldet: „Personenschaden“. Bahr steigt aus seinem Führerhaus und geht Hunderte Schritte am Zug entlang, bis zur Unfallstelle. Entlang der Lokomotive, der Waggons, bis 50 Meter vor den grauen Stromkasten. Dann bleibt er stehen. Eigentlich ist er verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Aber hier kann er nicht mehr helfen, das weiß er. Bahr macht auf dem Absatz kehrt, zurück, vorbei an den Fenstern voller Passagiere, zurück auf den schwarzen Stuhl vorne im Führerhaus. Er informiert die Bahn, ruft seine Frau an. Und fällt in sich zusammen.

          Das Geräusch bekommt er nicht mehr aus seinem Kopf

          Die Bilder, sagt Bahr, seien nicht einmal das Schlimmste. Aber das Geräusch. Das bekommt er nicht mehr aus dem Kopf. Als würde ein mit Wasser gefüllter Luftballon platzen. Dieses Geräusch ist tief in sein Gedächtnis eingesickert. In den ersten Momenten, da habe er noch funktioniert. Notruf, Anruf bei der Leitstelle, Sichtkontrolle am Zug. Doch als das Adrenalin weg war, kam die große Leere. Und es kamen die nagenden Gedanken. Hätte ich den Unfall verhindern können? Hätte ich besser auf die Strecke achten sollen? Hätte ich vorsichtiger fahren müssen? Man kann sich in diesen Gedanken verlieren. Verlieren in den Vorwürfen, es hätte anders ausgehen können, besser. Es gibt Kollegen, wie Bahr berichtet, die aus diesen Gedanken nie wieder zurückfinden. Stundenlang säßen sie nachts vor dem Fernseher, wach gehalten von den Gedanken.

          872 Menschen haben sich laut Eisenbahnbundesamt im Jahr 2012 in Deutschland auf den Schienen das Leben genommen; dabei sind Suizide im Verkehr von U-Bahnen und Straßenbahnen nicht berücksichtigt. Das bedeutet statistisch, wenn man 45 Dienstjahre zugrunde legt, dass während seines Berufslebens jeder der knapp 20000 Lokführer in Deutschland zweimal in eine solche Situation gerät. Mancher kehrt danach nicht wieder in den Führerstand zurück. Die Bahn berichtet von 30, die allein 2013 aufgrund von traumatisierenden Erlebnissen ihre Eignung für den Beruf verloren haben.

          Früher galt es als männlich, weiterzufahren

          Die Betreuung nach einem Unfall habe sich in den vergangenen Jahren stark gebessert, sagt Bahr. Kurz nach seinem Anruf im August 2012 ist ein Notfallmanager der Bahn vor Ort. Er spricht mit Polizei und Feuerwehr und beruhigt die verunsicherten Fahrgäste. Sanitäter holen Bahr aus dem Führerstand und bringen ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus. An Weiterfahren sei für ihn nicht zu denken gewesen. Früher sei das anders gewesen, sagt Bahr. Da galt es als männlich, einfach weiterzumachen. Unter Lokführern geht das Gerücht um, mancher Kollege habe sich Kerben in sein Schaltpult geritzt. Eine für jeden Unfall.

          Bahr aber nimmt die gebotene Hilfe an. Erst die psychologische Beratung der Bahn, später sucht er sich einen Therapeuten in Frankfurt. Auch die Familie, Freunde und die Kumpel vom Fußballverein stützen ihn. Zwei Monate nach dem Unfall fühlt er sich wieder bereit. Er möchte nicht mehr zu Hause sitzen, er möchte wieder fahren.

          Sein erster Arbeitstag nach dem Unfall beginnt in Bebra, dort soll er einen Zug übernehmen. Nach Frankfurt, keine weite Strecke, eine gute Stunde braucht man dafür. Bahr ist sie schon Dutzende Male gefahren. Dieses Mal kommt er nicht an. Schon bald beginnt er zu schwitzen, seine Hände zittern unkontrolliert, seine Finger verkrampfen sich um den Bremshebel. Er habe nach vorne gestarrt, das Gleisbett abgesucht, erinnert er sich an diese Minuten. Wo könnte jemand lauern? Wann springt jemand vor den Zug? In Fulda, noch nicht einmal die Hälfte der Strecke ist geschafft, muss Bahr aufgeben. Er ruft einen Kollegen an: „Du musst übernehmen. Ich bringe den Zug nicht nach Frankfurt.“

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