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Gedenken an die Pogromnacht : Lili Wronker hegt weder Hass noch Groll

  • -Aktualisiert am

Trümmerlandschaft: Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Kaufhaus Wronker war vor dem Krieg Frankfurts größtes Warenhaus. Als die Nazis an die Macht kamen, mussten die jüdischen Besitzer emigrieren.

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          In Schönschrift schreibt sie ihren Namen auf ein Blatt Papier: Lili Wronker. Mit Schönschrift hat Lili Wronker ihren Lebensunterhalt verdient – als Kalligraphin und Graphikerin. Deshalb kommt sie, eine zierliche alte Dame, auch so glücklich aus der Städelausstellung „Albrecht Dürer. Die Druckgraphiken“ herüber ins Restaurant „Holbein’s“. Doch auch sonst ist Lili Wronker glücklich: „glücklich und heiter“. Jetzt, auf ihrer Deutschland-Reise, besonders.

          Dabei hätte sie Grund, ihrer alten Heimat mit Vorbehalten zu begegnen. In Frankfurt zum Beispiel hat man einst ihren Schwiegervater ausgeplündert. Lili Wronker müsste nur den Main überqueren und hinauf zur Zeil laufen, um an den Schauplatz der Untat zu gelangen. Dort, wo bis vor kurzem in den Zeil-Kinos Hollywood-Streifen gezeigt wurden und wo heute H&M modische Klamotten verkauft, stand einst das Kaufhaus Wronker, Frankfurts größter Warentempel vor dem Krieg. Es hat der Familie ihres Mannes Erich Wronker gehört. Er selbst hat das Kaufhaus weder betreten noch gesehen, denn Erich Wronker ist im Exil zur Welt gekommen, in Frankreich, wohin die jüdische Familie Wronker 1933 vor den Nationalsozialisten geflüchtet war.

          Emigration nach der Pogromnacht

          Genauer gesagt: Lili Wronkers Schwiegervater Max, der das Unternehmen von 1931 bis 1933 als Generaldirektor geleitet hat, hat sich mit seiner Familie im Nachbarland und später in Amerika in Sicherheit gebracht. Großvater Hermann Wronker indes, der 1891 in Frankfurt das erste Wronker-Warenhaus erbaut hatte und später Filialen in Mannheim, Pforzheim und Hanau eröffnen ließ, konnte den Häschern nicht entkommen. Nach der Pogromnacht vom November 1938 gelang es ihm zwar noch, Hals über Kopf nach Frankreich zu emigrieren, doch die geplante Weiterreise in die Vereinigten Staaten scheiterte. Hermann Wronker und seine Frau Ida wurden nach der französischen Niederlage ins Internierungslager Gurs gebracht und später nach Auschwitz verschleppt. Dort sind sie irgendwann im Herbst 1942 ermordet worden.

          Vor ihrem Besuch im Städel hat Lili Wronker in Königstein bei der Villa Romberg vorbeigeschaut. Dort war sie vor jetzt genau 80 Jahren zum ersten Mal ihrem Mann begegnet. Erich Wronker war damals ein Knabe von sechs Jahren, sie ein Mädchen von drei Jahren. Dass sie ihn einmal heiraten würde, konnte damals niemand wissen. Lili Cassel, wie sie damals hieß, war mit einem Onkel aus irgendeinem Grund bei den Wronkers in Königstein zu Besuch gewesen, sie selbst und ihre Familie wohnten in Berlin. Den Cassels – der Vater, Josef Cassel, ein Dermatologe, stammte aus einer Frankfurter Familie – ist es nicht viel besser ergangen als den Wronkers. Lili musste als jüdisches Kind 1936 die Schule verlassen und erhielt danach Unterricht in der jüdischen Privatschule Kaliski. Einer ihrer Schulkameraden war der spätere amerikanische Finanzminister Michael Blumenthal, der heute das jüdische Museum in Berlin leitet.

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