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Liebe zu Frankfurt : Alles eine Frage des Blickwinkels

Der Natur auf der Spur: Von Westen aus kann man mit dem Rad fast ununterbrochen durch Teile des Grüngürtels in das neue Europaviertel gelangen. Bild: Helmut Fricke

Es braucht Zeit, um sich in einen neuen Wohnort zu verlieben. Im Fall des Autors waren es 15 Jahre. Dann fiel der Groschen – ausgerechnet im Frankfurter Europaviertel.

          Frankfurt wächst. Zehntausende neue Einwohner sind in den vergangenen Jahren in die Stadt gezogen, die so verkehrsgünstig liegt wie keine andere in Deutschland. In Frankfurt geht vieles schnell. Die Wege sind kurz, in der Stadt wird schnell gehandelt, ob in der Finanzindustrie oder im Privatleben. Freunde langwierigen Palavers findet man hier eher selten. Das Dumme ist, um Frankfurt wirklich für sich selbst individuell zu entdecken, braucht man eigentlich Zeit, sehr viel Zeit sogar.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Meist ist man ja zum Arbeiten hergekommen, und der Rest, das große Ganze, das Leben in der Stadt, erschließt sich den Zugezogenen erst nach sehr langer Zeit. Auf Neugier folgt dann meist eine längere Frankfurt-Ernüchterung, bis man dann doch seinen eigenen, zumeist recht positiven Blick auf die Stadt und ihre unmittelbare Umgebung im Taunus oder im Rheingau entwickelt.

          Im Fall des Autors hat es anderthalb Jahrzehnte gedauert. Jetzt aber wird es Zeit für eine Erklärung der Liebe auf den wer-weiß-wievielten Blick. Der Auslöser: In diesem Sommer ergab sich nach einem Umzug die Gelegenheit, eine völlig neue Strecke auf dem Weg zur Arbeit auszuprobieren. Hinunter nach Sossenheim, an der Nidda entlang über Nied nach Rödelheim, von dort in die Stadt – durch das Europaviertel in das Gallus. In der Redaktion den Computer einschalten und losschreiben. Und nicht zuletzt um das soeben durchquerte, wenig geliebte Europaviertel soll es hier gehen.

          Der Frankfurt-Effekt

          Auslöser ist eine gewisse Begeisterung – und auch eine große Sorge. Denn jeder, der das Europaviertel bisher nur von der Innenstadt kommend besucht hat (und das dürfte auf die meisten Leser zutreffen), erlebt den Frankfurt-Effekt (Ernüchterung nach Neugier) in der komprimierten Form: Auf den ersten Blick erstreckt sich vor dem Einkaufszentrum Skyline Plaza Richtung Rebstock eine öde Straßenflucht, die an eine stalinistische Bauweise erinnert und wenig einladend wirkt. Nebenan dröhnen die Baustellengeräte, denn es wird weiter kräftig an einem Wohnturm gebaut. Die Hitze des Sommers 2018 mischt sich mit dem Lärm des Aufbruchs.

          Lust, ein paar Schritte die Europaallee entlang zu laufen, verspürt man in dieser Situation nicht. Völlig anders aber liegen die Dinge, wenn man das Viertel gleichsam von hinten nach vorne durchfährt, am besten mit dem Rad. Vom Rebstockbad kommend, liegt dem Betrachter eine hochmoderne Stadt zu Füßen. Mit Grün- und Spielflächen, Gastronomie, neuen Mehrfamilienhäusern und einer Skyline im Hintergrund, die es in Deutschland kein zweites Mal gibt.

          Für denjenigen, der im tiefen Westen der Stadt wohnt (einer weiteren,vollkommen unterschätzten Seite der Stadt), ergibt sich die Möglichkeit, auf Teilen des Grüngürtels, der sich durch die Stadt zieht, fast die gesamte Zeit durch die Natur in dieses Viertel zu fahren. Hier können dann zum Beispiel auch Chinesen sehen, wie man ein modernes und von dieser Seite aus gesehen auch einladendes Stadtviertel in unmittelbarer Citynähe bauen kann. Ein Viertel, das obendrein noch Luft zum Atmen lässt.

          „If you build it, they will come“

          Kein Wunder, dass nicht wenige chinesische Investoren hier Wohnungen gekauft haben. Aber auch alle anderen haben mindestens rund um den zentral in diesem Viertel angelegten Europagarten mit ihrer Investition vermutlich keinen Fehler gemacht. „If you build it, they will come“, heißt es in dem Hollywood-Film „Field of Dreams“ mit Kevin Costner. Baue es, und sie werden kommen: Wer dieser Tage in Frankfurt nicht an den Fortschritt glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.

          Der Messeturm im Jahr 1990 mit dem Güterbahnhof und den Gleisen im Hintergrund (rechts)

          Vor ein paar Tagen ist ein fast 30 Jahre altes Bild vom damals neu gebauten Messeturm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, fotografiert von Lutz Kleinhans, der sich ganz offensichtlich schon viel früher als der Autor dieser Zeilen in die Stadt verguckt hatte. Wer dieses Bild noch einmal hervorholt und genau hinsieht, erkennt darauf im Hintergrund noch den alten Güterbahnhof der Stadt in voller Funktion. Dort, wo einst die Bahnhofsgebäude standen und die entsprechenden Geleise verliefen, hat sich Frankfurt diesen neuen Stadtteil gebaut. Anders als vieles andere in der Stadt hat das eine Weile gedauert, aber inzwischen sind erhebliche Fortschritte zu erkennen.

          Eine andere Perspektive

          Und weil der Frankfurter dazu neigt, in seinen angestammten Wohnvierteln Wurzeln zu schlagen (was als Kompliment gemeint ist), möge dieser Text als Aufforderung dienen, bei Gelegenheit einmal wieder zu schauen, was passiert, wenn man sich der Stadt von Westen nähert: Beginnen Sie ihre Tour in der Schwanheimer Düne (ja, richtig gelesen, Düne), setzen Sie mit der Fähre über den Main, werfen Sie ein Blick auf die Stadtmauern von Höchst – radeln sie hinüber zur Wörthspitze, dann die Nidda entlang, folgen Sie den Schildern Richtung Innenstadt.

          Sie werden begeistert sein und als Zugezogener vielleicht darüber nachdenken, ob eine vergleichbare Tour in der alten Heimat möglich gewesen wäre. Man muss deshalb ja nicht gleich Fan von Eintracht Frankfurt werden. Obwohl: Zum Pokalfinale und vor allem am Tag danach, war die Gefahr dafür ziemlich groß. Ach so: Wer es damals nicht auf den Römerberg geschafft hat, dorthin lohnt auch ohne Fußballfans mal wieder ein Abstecher. Sie werden schon sehen, warum. Frankfurt wächst.

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