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Lehren aus 1848 : Ein Vorkämpfer demokratischer Verständigung

Ende in Wien: Am 9. November 1848 wurde Robert Blum erschossen. Bild: Interfoto

Was uns der Paulskirchen-Abgeordnete Robert Blum bis heute zu Parlamentarismus und Diskussionskultur lehrt: Gibt es Freiheit nur mit Einigkeit?

          5 Min.

          Vorfreude ist die schönste Freude, besonders in dunkler Zeit: Dass die sanierungsbedürftige Frankfurter Paulskirche zu ei­nem zeitgemäßen, lebendigen Lernort der Demokratie weiterentwickelt werden soll, darauf haben sich der Bund, das Land Hessen und die Stadt Frankfurt schon im Sommer 2020 im Schloss Bellevue verständigt. Unterdessen rückt der 175. Jahrestag der Revolution von 1848 näher, im Jahr 2023 ist es so weit.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Angesichts der Diskussionskultur in Deutschland inmitten des zweiten Corona-Winters ist es im Vorgriff auf dieses Ereignis sinnvoll, an Robert Blum zu erinnern. Blum war ein Revolutionär, aber politisch nicht radikal, er wollte Brücken bauen, glaubte an die Kraft der parlamentarischen Auseinandersetzung. Er war für die Debatte und gegen wiederkehrende Aufstände. Er handelte sich die Verachtung der Hartleibigen ein – und wurde so zu einem Vorbild. Freiheit gibt es nur mit Einigkeit, auch das ist eine These Blums, über die sich zum Jahreswechsel 2020/21 nachzudenken lohnt.

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          Meere von schwarz-rot-goldenen Fahnen 

          Hingerichtet wurde Blum am 9. No­vember 1848 in einem Vorort Wiens – als Inkarnation der Revolution. Nur ein halbes Jahr lag zu diesem Zeitpunkt das vielleicht höchste Glücksgefühl seines Lebens zurück: die Reise von Leipzig nach Frankfurt, wo Blum im Frühjahr 1848 sein Mandat als Abgeordneter im Vorparlament wahrnahm. Die Reise führte den Zug und damit ihn durch Meere von schwarz-rot-goldenen Fahnen und begeisterte Einwohnerspaliere, wie der Historiker Christopher Clark in dem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier herausgegebenen Buch „Wegbereiter der deutschen Demokratie“ schreibt.

          Der Zug füllte sich bei Zwischenaufenthalten mit lokalen Größen der liberalen und demokratischen Bewegung: „Blum stellte fest, dass er zu einer nationalen Berühmtheit geworden war. Der Anblick junger Frauen, die ihm mit Taschentüchern zuwinkten und ihm Blumen zuwarfen, berauschte ihn“, fährt Clark fort.

          Was danach kommen sollte, war er­nüchternd. Denn in Frankfurt gestalteten sich die Dinge zäh. Eigentlich war es Blum stets um die Einheit gegangen; in der Paulskirche aber erlebte er das Ge­genteil. Seine These: Den Kampf um die Freiheit wird nur ein Volk, das sich einig ist, erfolgreich führen können. Nur eine einige Nation könne Recht und Gerechtigkeit auch auf internationaler Ebene durchsetzen.

          Von der Paulskirche nach Wien: Der demokratische Abgeordnete Robert Blum sah die Zukunft der Revolution in Österreichs Hauptstadt.
          Von der Paulskirche nach Wien: Der demokratische Abgeordnete Robert Blum sah die Zukunft der Revolution in Österreichs Hauptstadt. : Bild: ActionPress

          Engagiert für soziale Gleichheit

          Verbunden war dies für ihn aber auch mit der sozialen Frage. Ohne soziale und rechtliche Gleichheit sei diese Einheit nicht zu erreichen, jedenfalls brauche man ein Mindestmaß davon. Und Blum wusste, wovon er sprach, war er doch selbst in ärmlichsten Verhältnissen in der Nähe des Kölner Fischmarkts aufgewachsen. Am 10. November 1807 war er in Köln zur Welt gekommen. Katholische Geistliche, zu denen er ein höchst ambivalentes Verhältnis entwickelte, bildeten ihn aus, aber richtig vo­ran ging es danach nicht.

          Eine Art Durchbruch für ihn gab es erst, als er im Oktober 1830 in einem Kölner Theater als Theaterdiener angestellt wurde. Hier war er in seinem Element, stieg zum Verwalter der Theaterbibliothek auf, wurde jedoch im Juni 1831 – wahrscheinlich wegen finanzieller Schwierigkeiten des Theaters – entlassen. Daraufhin ar­beitete er kurzzeitig bei einem Gerichtsvollzieher. 1832 ging er als Theatersekretär, Bibliothekar und Kassenassistent nach Leipzig. Stimme und rhetorisches Talent sollten ihn in den Jahren danach zu ei­nem wichtigen Spieler in der Demokratiebewegung werden lassen.

          Blum war sich sicher: Erst die Segmentierung der Völker in „Stände, Bekenntnisse, Vermögensklassen, Zünfte und tausend andere Splitter“ versetze reaktionäre Regime in die Lage, einzelne Teilgruppen der Gesellschaft an sich zu binden. Im Ergebnis führe dies zu einem Zustand der Ohnmacht. Mit solchen Gedanken war er nach Frankfurt gefahren. Die erste Begeisterung aber verflog schnell, als das Vorbereitungsgremium seine Arbeit aufnahm.

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