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Lebensmittelversorgung : Klein, aber nah - Smart-Märkte im Stadtteil

Marktreif: Wo es keine Lebensmittelgeschäfte mehr in Frankfurt gibt, springt die Stadt ein - so wie hier in Bonames Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Die Werkstatt Frankfurt betreibt kleine Lebensmittelgeschäfte. Langzeitarbeitslose finden dort Beschäftigung, und sie sichern die Nahversorgung in Stadtteilen ohne Kaufladen. Dies gilt von heute auch für Sindlingen. Weitere Standorte könnten folgen.

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          Lebensmittel und vieles, das man sonst noch für den täglichen Bedarf braucht, können die Sindlinger von heute an in einem sogenannten Smart-Markt einkaufen. Der kleine Laden an der Hugo-Kallenbach-Straße 16 wird von der Werkstatt Frankfurt betrieben und soll nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten in Sindlingen verbessern, sondern zugleich Langzeitarbeitslosen eine neue Arbeitsstelle bieten. Der Smart-Markt ist montags bis samstags von 8 bis 19 Uhr geöffnet. Die städtische Beschäftigungsgesellschaft unterhält schon in Eckenheim und in Bonames solche Smart-Markt-Geschäfte.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Sindlingen sei für die Smart-Filiale eine knapp 600 Quadratmeter große Verkaufsfläche gemietet worden, sagt Gabriele Engelmann von der Werkstatt Frankfurt. In den Räumen sei zuvor schon ein Lebensmittelmarkt der Tengelmann-Gruppe untergebracht gewesen, die den gut erreichbar in einem Wohngebiet gelegenen Standort Ende 2008 allerdings aufgegeben habe. Deswegen hatte sich die Versorgungslage für die rund 4000 Sindlinger erheblich verschlechtert. Besonders ältere Einwohner vermissten den Supermarkt in der Nähe. Verhandlungen der Stadt mit Tengelmann waren erfolglos geblieben.

          Erwerbslose lernen Einzelhandelskaufmann

          Die Werkstatt Frankfurt habe daraufhin mit dem Eigentümer des leerstehenden Ladens, dem Bauverein für Höchst, einen Mietvertrag geschlossen, sagt Engelmann. Die Räume seien saniert und neu ausgestattet worden. Acht Erwerbslose könnten in dem Markt beschäftigt werden und nach drei Jahren eine Prüfung zum Einzelhandelskaufmann ablegen.

          Derzeit mangele es aber noch an Interessenten, räumt Engelmann ein. Noch nicht alle Arbeits- und Ausbildungsstellen in dem neuen Markt seien vergeben. Bewerbungen, auch von Schulabgängern seien noch möglich. Die arbeitsmarktpolitische Maßnahme werde von der Rhein-Main Jobcenter GmbH finanziert, und die Stadt unterstützt das gesamte Projekt mit einer Anschubfinanzierung.

          Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU), die der Werkstatt Frankfurt vorsteht und heute die Filiale in Sindlingen eröffnet, hatte schon kurz nach dem Verkaufsstart der Filiale in Bonames im vergangenen Oktober auf den Erfolg des Betreiberkonzepts hingewiesen. Die Beschäftigungsförderung werde hier mit dem Ausbau der Infrastruktur eines Stadtteils verbunden, sagte Birkenfeld damals. In etlichen Stadtteilen ist zu beobachten, dass große Supermarkt-Ketten zunehmend kleine, nur wenige hundert Quadratmeter messende Verkaufsflächen aufgeben, was jedes Mal mit dem Hinweis begründet wird, dass sie nicht mehr rentabel zu betreiben seien.

          Eine Viertelmillion für den Laden

          Die Kommunalpolitik hat darauf mit dem „Smart-Märkte-Programm“ reagiert. Stadtteile mit schwacher Infrastruktur sollten davon profitieren, hatten kurz vor der Öffnung des Markts in Bonames die Stadtverordneten in einem Beschluss angeregt. Auch der Magistrat bekräftigte in einem Bericht, dass sowohl das Stadtplanungsamt als auch die Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH die Smart-Märkte derzeit als einzige Alternative für die Nahversorgung in Stadtteilen ohne Lebensmittelgeschäft ansähen. Daraus entstand ein „Handlungskonzept“, wie mögliche weitere Marktstandorte geschaffen werden könnten.

          Ausschließlich Stadtteile, in denen die Nahversorgung mangelhaft sei und nur durch einen Smart-Markt verbessert werden könnte, bieten sich demnach als mögliche Standorte an. Voraussetzung sei, dass privat betriebene Geschäfte nicht benachteiligt würden. Der für den Stadtteil zuständige Ortsbeirat müsse die Einrichtung eines Smart-Marktes beantragen. Die Investition in Höhe von rund 250.000 Euro, die für die Ladenausstattung und Erstausstattung mit Waren erforderlich sei, müsse sichergestellt sein. Um ein Vollsortiment an Waren anbieten zu können, sei eine Partnerschaft mit einem großen Lebensmittelversorger erforderlich, heißt es weiter in dem Handlungskonzept.

          Keine Konkurrenz für Einzelhändler

          Wie für die ersten beiden Smart-Märkte ist auch für den neuen Einkaufsstandort in Sindlingen eine Zusammenarbeit mit dem Handelskonzern Rewe vereinbart worden. Die Kooperation zeige, dass das Smart-Konzept auch von den Handelskonzernen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung wahrgenommen werde, heißt es bei der Werkstatt Frankfurt. Engelmann erwartet zudem, dass die in Sindlingen in der Nachbarschaft ansässigen Einzelhändler von dem neuen Kundenmagneten profitieren könnten. Der gesamte Einzelhandelsstandort im Quartier könne durch das Engagement der Werkstatt Frankfurt gestärkt werden.

          Wie aus dem Bericht des Magistrats weiter hervorgeht, sieht sich die städtische Beschäftigungsgesellschaft in der Lage, bis zu fünf solcher Smart-Märkte zu betreiben. Engelmann bestätigte dies auf Anfrage. Weitere Läden in anderen Stadtteilen mit mangelnder Nahversorgung könnten sicherlich folgen. Jedoch stünden derzeit keine anderen Standorte zur Auswahl. Gegenüber Hinweisen und Anfragen von Ortsbeiräten sei die Werkstatt Frankfurt jedoch jederzeit offen, sagte Engelmann.

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